Heimo Zobernig: Turnen auf dem Weg zum Exzess

27. März 2015, 15:47
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Die intensive Beschäftigung des Künstlers mit Malerei spiegelt seine Ausstellung in der Wiener Galerie Meyer Kainer

Komposition ist für Heimo Zobernig ein Reizwort. Freilich keines, das ihn aus seiner konzentrierten Gelassenheit katapultieren würde. Vielmehr lacht er, als er sagt: "Der Begriff ist ein Hund." Und ernster: "Meine ganze Generation, die ganze Moderne hat ein Problem mit diesem Begriff, weil damit immer Harmonie, Symmetrie und diese ganzen anderen Kompositionslehren verbunden werden." Konzepte? Projekte? Wesentlich plausiblere Beschreibungen seines Tuns.

Widerspruch weckt aber auch die Idee der spontanen Malerei, jene am Künstlergenie mitbastelnde Vorstellung vom unmittelbaren, authentischen Ausdruck. "An die spontane Geste des Expressionismus glaubt man ja mittlerweile nicht mehr. Oder sollte besser nicht mehr an sie glauben." Alles Kalkül, so Zobernig. Bereits beim zweiten Bild verfüge der Künstler über das Wissen vom ersten. Gelingt nur das erste, könne er sich allerdings nicht auf den Zufall ausreden. Es werde erwartet, dass man sein Handwerk beherrscht. "Vom Ende her denken" nennt Zobernig nach Bazon Brock das Verfolgen eines konkreten Ziels beim Malen; er startet mit einer präzisen Bildvorstellung.

Vermutlich kann sich der Betrachter von Zobernigs neuen Bildern trotzdem nicht des Eindrucks des Spontanen erwehren: Zerrissene Rasterlinien flirten mit der "schönen Krümmung", durch Abkleben entstandene (Schleifen-) Strukturen plaudern mit frei und grob mit der Malerrolle aufgetragener Farbe. "Ich fand es toll, irgendwie gegen den Strich aufzutreten."

Lichtjahre scheinen zwischen diesen 2013/2014 entstandenen Malereien und Zobernigs Monochromen, seinen Streifen- und Schriftbildern, den unversehrten Rastern zu liegen. Aber seit einigen Jahren, das führte in der Galerie Meyer Kainer bereits sein 2013er-Solo vor Augen, entfernt er sich von klarer Geometrie und radikaler Reduktion; die Kurve - und auch die Geste - entert seine Bilderwelt. Mit dem Unerwartet-Ungewohnten mögen sich manche nicht anfreunden; lieber würde man Zobernig auf die reduzierte Formensprache festnageln.

Für den Künstler ist das kein Bruch, eher ein logisches Weitergehen - angeregt durch einen großen Meister, den er sich bis 2011 eigentlich nicht so genau angeschaut hatte: Picasso. Bei einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich erkannte er in dessen Bildern alle Elemente, die auch für ihn essenziell sind: "Den Raster, die freie Linie oder die Art, wie er die Farben durcheinanderwirbelt." Fasziniert versuchte er, Picassos Arbeiten weniger gegenständlich oder figurativ zu betrachten, isolierte etwa Details aus Guernica und studierte, wie Picasso "aus völlig abstrakten Elementen ein derart inhaltsvolles Bild erzeugt hat".

Raster, freie Linie, Geste, Farbe - auf Zobernigs neuen Bildern kulminiert nun alles, wird irgendwie alles gleichzeitig verhandelt. Mit dem Prinzip des Abklebens zu arbeiten heißt auch, Schicht um Schicht übereinanderzulegen: "Ich werde zunehmend blind in diesem Prozess." Eine "schöne Aufwühlung" nennt es der Künstler. Der Betrachter muss hingegen einiges an Konzentration aufwenden, um die Arbeitsschritte wieder zu entschlüsseln: "Es ist diese Anstrengung, die einem Bild Lebensdauer gibt, die bestimmt, dass man damit länger Freude hat."

Bei der Arbeit zur Kunst der Enzyklopädie (gem. mit Ferdinand Schmatz, 1988) stieß er auf den Begriff "Farbexzess". Er beschrieb zwar etwas Physikalisches, aber er gefiel ihm. "Mit einer Leinwand so etwas Ähnliches zu erreichen wie einen Exzess, finde ich spannend." Am offensichtlichsten ist nun aber der Exkurs zur großen Geste, repräsentiert etwa durch das Aufkleben des Tapes und das "wilde Herunterreißen", das brutale Hinhauen der Farbe. "Jetzt bin ich bei dieser Größe angelangt, die eigentlich den ganzen Körper einschreibt, die meine ganze Bewegung vor der Leinwand relevant macht. Ich möchte nicht an einem Eck festhängen. Ich möchte das Ganze verstehen. Das ist schon auch ein bisschen ein Turnen." (Anne Katrin Feßler, Album, DER STANDARD, 28./29.3.2015)

Bis 18. 4.

Galerie Meyer Kainer

Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

  • Gesprengte Raster, sich biegende Linien, freier Farbauftrag: "Schauen, wie das ist, wenn das Ganze aus den Fugen gerät." In seiner Malerei hat Heimo Zobernig (geb. 1958) dennoch alles unter Kontrolle.
    foto: marcel koehler

    Gesprengte Raster, sich biegende Linien, freier Farbauftrag: "Schauen, wie das ist, wenn das Ganze aus den Fugen gerät." In seiner Malerei hat Heimo Zobernig (geb. 1958) dennoch alles unter Kontrolle.

  • Heimo Zobernig, Österreichs Biennale-Venedig-Verteter 2015.
    foto: apa/herbert neubauer

    Heimo Zobernig, Österreichs Biennale-Venedig-Verteter 2015.

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