Akte Engerau: Das letzte Kapitel des Holocausts

30. März 2015, 07:00
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Gegen Kriegsende wurden 2.000 jüdische Zwangsarbeiter an die österreichisch-ungarische Grenze deportiert. Sie mussten den Südostwall errichten

Wien – Es gilt als das letzte Kapitel des Holocausts. Wenige Monate vor Kriegsende werden mehr als 430.000 ungarische Juden aus Budapest deportiert. Ein Großteil in das Vernichtungslager Auschwitz, 70.000 Männer werden in Viehwaggons an die heutige österreichisch-ungarische Grenze gebracht, 2.000 kommen in ein Lager in Engerau, jetzt ein Stadtteil von Bratislava. Sie werden als Zwangsarbeiter eingesetzt und sollen eine Wehranlage, den Südostwall, errichten.

Einer von ihnen ist Rudolf Pewny. Sein Schicksal hat es Claudia Kuretsidis-Haider angetan. Seit Jahren forscht die Historikerin über den Nationalsozialismus und Nachkriegsjustiz, sie leitet auch die gleichnamige Forschungsstelle. Der Arzt leidet an einer Herzschwäche, daran stirbt er auch beim sogenannten Todesmarsch, als das Lager geräumt wird. Bei seiner Leiche werden Herztabletten und eine Ausgabe des "Pester Lloyd" vom Oktober 1944 gefunden. Seine Frau kommt nach Auschwitz, sie überlebt.

Todesmarsch nach Mauthausen

Der Bau des Südostwalls war ein letzter verzweifelter Akt des nationalsozialistischen Regimes. Die Verteidigungsstellungen sollten die vorrückende Sowjetarmee aufhalten. Der Bau diente zur Beruhigung der Bevölkerung, gebaut wurde er von Zwangsarbeitern unter katastrophalen Bedingungen. Es ist ein harter Winter, die Brunnen sind zugefroren, Wasser gibt es daher für die jüdischen Zwangsarbeiter nicht. Von Anfang Dezember 1944 bis 29. März 1945 sterben 500 Männer bei den Schanzarbeiten – getötet von den SA-Wachen oder durch Krankheiten.

Als die Rote Armee im März näherrückt, will man ihr die Zwangsarbeiter nicht kampflos überlassen. All jene, die nicht marschfähig sind, werden im Gasthaus Leberfinger erschossen. Für die anderen beginnt der "Todesmarsch" nach Mauthausen. Wie viele den Marsch überleben, ist bis heute unklar. Einigen soll die Flucht gelungen sein, aber auch hier sterben viele an Schwäche und Erschöpfung oder werden auf dem Weg erschossen. Auskunft darüber gibt die Aussage von Karl Brandstetter, einem Gendarmen, der am 29. März in Engerau seinen Dienst antreten soll. Seine Aussage ist bei einem späteren Gerichtsprozess gegen den SA-Wachmann Rudolf Kronberger von Relevanz.

Der Gendarm Brandstetter beschreibt, wie viele Leichen er an der Straßenseite zwischen Hainburg und Wolfsthal gesehen hat. Es waren 38. "An manchen Stellen betrug der Abstand der Leichen nur zehn bis 15 Schritte. Die meisten Juden wurden durch Kopfschüsse getötet, weil man bei den meisten Leichen Blut im Gesicht sah. Es handelte sich durchwegs um Juden, da man auf der Kleidung deutlich den Judenstern sehen konnte", gibt er zu Protokoll. Die Wachen, die schießen, sind Wiener SA-Männer, sagt Kuretsidis-Haider. Sie gelten als besonders brutal.

Erster NS-Prozess der Zweiten Republik

Bereits im August 1945 müssen sich im ersten NS-Prozess der Zweiten Republik vier SA-Männer der Justiz stellen, darunter der SA-Wachmann und Fleischhauer Kronberger, der sich freiwillig bei der Polizei meldet, um auszusagen. Obwohl er aussagt, um andere Wachmänner zu belasten, wird er zum Tod verurteilt, wie auch zwei weitere Angeklagte. Obwohl die Todesstrafe in Österreich bereits abgeschafft ist, wird sie auf Grundlage eines Sondergesetzes vollstreckt. Der vierte Angeklagte erhält eine Haftstrafe, ihm kann kein Mord nachgewiesen werden.

Insgesamt ziehen sich die sechs Engerau-Prozesse gegen die am Todesmarsch beteiligten SA-Männer bis 1954. Die österreichische Justiz wusste von etwa 70 beteiligten Personen, obwohl es laut Kuretsidis-Haider mehr waren. Aber auch von den 70 konnten nicht alle ausgeforscht werden. Die letzte Fahndung wurde 1993 erfolglos eingestellt, erst dann wurde die Akte Engerau geschlossen.

Die Ermittlungen wurden dadurch erschwert, dass sich die mutmaßlichen Täter gegenseitig belasteten. Es kam zu 21 Anklagen, bis auf einen SA-Mann wurden alle verurteilt. Der Freispruch erfolgte, weil der Angeklagte von einem überlebenden Häftling entlastet wurde, der angab, dass der Angeklagte nicht geschossen habe.

Gasthaus Leberfinger: Kein Gedenken

Wer aller an dem Massaker im Gasthaus Leberfinger am 29. März 1945 beteiligt war, lässt sich auch durch die Aussage von Brandstetter nicht aufklären. Vier Täter konnten im Nachhinein identifiziert werden, sie wurden zum Tod verurteilt, ein weiterer bekam zehn Jahre Haft. Es seien aber mehr gewesen, sagt Kuretsidis-Haider. Auf der Dienststelle sei Brandstetter berichtet worden, dass die politischen Leiter angetrunken gewesen sein dürften und "ein wahres Blutbad unter den Juden angerichtet" hätten. Der Gendarm gab zu Protokoll, dass er im Gasthaus einen Kaffee trinken wollte, wo die Wirtin aufgebracht gewesen sei. Sie wolle die "Leichenkammer" verlassen, soll sie gesagt haben, weil in ihrem Haus 13 erschossene Juden liegen würden. Sie sei nicht in der Lage, dem Gendarmen die Leichen zu zeigen, da sie "so etwas Grauenvolles" kein zweites Mal sehen könne. Es waren jene Männer, die nicht mehr marschfähig waren. Ihnen hatte man gesagt, dass sie später abgeholt würden.

Das Gasthaus Leberfinger gibt es heute noch. Bisher hängt hier keine Erinnerungstafel an das Blutbad. Kuretsidis-Haider will aber nicht von außen eine Erinnerungskultur erzwingen. Sie arbeitet intensiv mit der Stadt Bratislava und der dortigen jüdischen Gemeinde zusammen. Der heutige Besitzer hat trotz Hinweisen bisher keine Anstalten gemacht, auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 29.3.2015)

Link

Die Zentrale Forschungsstelle für Nachkriegsjustiz organisiert eine Reihe von Veranstaltungen, darunter die Nachstellung des 1. Engerau-Prozesses am 25. Oktober.

  • Der erste NS-Prozess im August 1945 beschäftigt sich mit dem Todesmarsch in Engerau, heute ein Bezirk von Bratislava. Drei der vier Angeklagten wurden zu Tode verurteilt, darunter auch der SA-Wachmann Rudolf Kronberger.
    foto: picturedesk/önb-bildarchiv

    Der erste NS-Prozess im August 1945 beschäftigt sich mit dem Todesmarsch in Engerau, heute ein Bezirk von Bratislava. Drei der vier Angeklagten wurden zu Tode verurteilt, darunter auch der SA-Wachmann Rudolf Kronberger.

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