Wozu wir soziale Unternehmen brauchen

30. März 2015, 05:30
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Organisationen, die soziale Ziele verfolgen und dabei Markterlöse erwirtschaften: Wie relevant sind sie in Ländern mit guter staatlicher Infrastruktur? Wie geht das Austarieren sozialer und finanzieller Ziele? Zur Zukunft von Sozialunternehmen

Als Muhammed Yunus (Grameen Bank) 2006 den Friedensnobelpreis erhielt, galt diese besondere Auszeichnung nicht nur ihm als Person, sondern auch seinem Konzept des Social Business. Das wirft eine für Österreich interessante Frage auf: Sind Social Businesses, also Organisationen, die eindeutig soziale Ziele verfolgen und dabei zu großem Teil Markterlöse erwirtschaften, auch in Ländern relevant, in denen bereits starke staatliche Institutionen und eine lebendige Zivilgesellschaft existieren?

Auch wenn der Begriff Social Business noch neu ist, zeigen zahlreiche Beispiele, dass das Phänomen auch in Österreich schon seit längerem Fuß gefasst hat. Im Rahmen des "Ideen gegen Armut"-Innovationspreises, den Coca-Cola Österreich gemeinsam mit der STANDARD und dem NPO & SE Kompetenzzentrum der WU Wien seit 2007 auslobt, sind bereits viele erfolgreiche Social Businesses als Finalisten oder Gewinner ausgezeichnet worden.

Stellvertretend kann die Vollpension, ein Kaffeehaus zur Reintegration und Beschäftigung von armutsgefährdeten SeniorInnen, genannt werden oder 4everyoung.at, ein Verein, der ehemals langzeitarbeitslose Menschen schult und als Recycling-Fachleute für PCs beschäftigt. Inspirierend ist auch das Projekt Fairwind, in dem günstige Materialen zur Eigenproduktion von kleinen Windräder zur Verfügung gestellt werden, die in ruralen Gegenden Strom für elektronische Geräte erzeugen.

In einer aktuellen Studie an der WU Wien konnten wir über 1000 Organisationen in Österreich ausmachen, die als "Social Businesses" verstanden werden können. Neben Start-ups wie der Vollpension zählen dazu auch etablierte Organisationen wie Altenheime und sozialökonomische Betriebe. Diese Zahl ist dabei in den vergangenen Jahren gestiegen.

Immer mehr soziale Start-ups in Österreich sind Social Businesses, während sich der Anteil von Markteinkommen auch bei klassischen Organisationen des Dritten Sektors erhöht.

Wie ist dieses Phänomen zu bewerten? Einige positive Effekte liegen auf der Hand. Der Nutzen für die Zielgruppen ist groß, insbesondere wenn es wie bei 4eyeryoung.at gelingt, sie in die Organisation einzubinden und ihre Talente und Fähigkeiten zu fördern.

Aus Sicht der Organisation stellt auch die geringe Abhängigkeit von Spenden und Subventionen einen Vorteil dar. Die Diversifizierung der Geldquellen schafft Stabilität und verringert die Gefahr, dass erfolgreiche Projekte von heute auf morgen beendet werden, nur weil die Finanzierung ausläuft. Anders als Vereine können Social Businesses in einigen europäischen Ländern sogar externes Investitionskapital aufnehmen und so ihr Wachstum beschleunigen.

Zugleich birgt das Konzept aber auch Risiken. Das Austarieren sozialer und finanzieller Ziele ist für viele Organisationen eine ständige Herausforderung. In finanziell schwierigen Zeiten besteht die Gefahr, dass die Mission vernachlässigt wird. Notorisch unrentable, aber demokratiepolitisch und gesellschaftlich wichtige Funktionen der Zivilgesellschaft, wie die Interessenvertretung von Minderheiten, könnten so geschwächt werden. Hinzu kommt, dass es für Organisationen in manchen Tätigkeitsfeldern schlichtweg schwieriger ist, Markterlöse zu erwirtschaften, da es keine direkten "KundInnen" gibt, die über die Kaufkraft verfügen, um die entsprechenden Produkte oder Dienstleistungen abnehmen zu können.

Es wäre daher ein nur bedingt sympathisches Szenario, wenn der Diskurs um Social Business nur dazu führt, dass Sozialorganisationen mehr Business treiben, und nicht zugleich auch klassische Businesses sozialer werden. Gerade junge Organisationen mit innovativen Leistungen und Technologien sollten sich die Frage stellen, ob sie ihre Fähigkeiten nicht in den Dienst einer sozialen Mission stellen können und wollen. Da sie ihre Organisationen noch formen können, sind sie in der Lage, die soziale Mission als unverrückbares Ziel zu verankern. Pioniere wie Fairwind zeigen, welches Potenzial in solchen Projekten steckt. Ob solche Projekte in Österreich einmal die Größenordnung einer Grameen Bank erreichen werden, ist allerdings noch nicht abschätzbar.

Olivia Rauscher ist Bereichsleiterin und Senior Researcherin am NPO-Kompetenzzentrum der WU Wien und Jurorin bei Ideen gegen Armut.

Peter Vandor betreut den Aufbau "Social Entrepreneurship" an der WU Wien.

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