Ist das Glück ein Vogerl?

27. März 2015, 12:44
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Was Glück sein könnte - und warum sich die Lohnarbeit dazu drängt. Eine philosophische Polemik

Tja, das Glück ist bekanntlich ein Vogerl. Dieser mit vielerlei Sehnsüchten aufgeladene Begriff ist aktuell wieder einmal in den Niederungen der Arbeitswelt aufgeschlagen. Wer könnte auch etwas dagegen haben, gegen eine glückliche schöne neue Welt? Wir wissen zwar nicht, wo wir hinfahren, aber dafür sind wir schon auf dem Weg dort hin - nichts weniger als glücklich.

Auf der Suche nach...

Darauf hätten wir sogar ein Recht. Deshalb gibt es auch die Glücksforschung. Die sucht aber keine Schatzkiste auf der Insel oder das legendäre Shangri-la, nein, das Glück ist eh zum Greifen nah, soll für jeden tagtäglich am Arbeitsplatz, selbstverständlich mühelos vorhanden sein, denn wo kämen wir sonst hin? Wir haben einen Anspruch darauf! Modifizieren wir also unser Verhalten und gestalten unsere Arbeitsumgebung neu, dann stellt sich das Glück wie von selbst ein. Man kann das auch messbar machen. Glück wird zum Faktor, der die Produktionseffizienz erhöht. Nicht nur unsere Kunden und Konsumenten sollen durch uns glücklich werden, nein auch unsere Mitarbeiter haben einen Anspruch auf Glück im Beruf. Arbeit soll uns also nicht nur frei, sondern gefälligst auch glücklich machen.

Bevor mir jetzt endgültig vor lauter Verheissungen schlecht wird, frage ich mich, was das überhaupt ist, ein Glück, und wieso sich die Philosophie einerseits so schwer getan hat, es zu fassen und andererseits philosophische Glückskonzepte oft so gewöhnlich klingen, dass man damit doch keinen Hund mehr hinter dem warmen Ofen hervor locken kann. Oder ist das Leben wirklich einfach nur so einfach und wir erwarten zuviel?

Was die Alten sungen

In der Philosophiegeschichte taucht der Begriff des Glücks da und dort immer wieder auf. Alles Glück ist vom Maßhalten abhängig, das Glück liege in der Mitte, im Metrion, hier argumentierte Platon noch ganz im Sinne der vorsokratischen Weisheitssprüche. Natürlich verhelfe nur die Philosophie selbst zu tiefstem Glücksgefühl, weil alles andere vergänglich ist. Ob Jugend, materieller Reichtum oder Gesundheit, alles hat seinen Preis und seine Zeit, die unaufhaltsam vergeht, bis es damit vorbei ist. Oft nehme man Gewohntes und seinen Wert erst wahr, wenn es unter Aufkommen von Sehnsucht entschwindet.

Der etwas zwänglich systematisierende Aristoteles behauptete in seiner Nikomachischen Ethik, dass alle Menschen nach Glück (Eudaimonia) streben. Sie sei das höchste Gut, dem alle anderen Güter untergeordnet sind. Er bricht das menschliche Leben auf drei Formen herunter, deren gemeinsames Ziel zwar die Eudaimonia sei, aber nur eine davon könne längerfristig hoffen, einen dauerhaften Effekt zu erzielen: Es gibt also neben der Lebensform der Lust noch die praktisch-politische und die philosophisch-theoretische. Die beiden ersten machen den Menschen von äußeren Gütern bzw. Umständen abhängig, damit sie der Lust frönen oder im gemeinsamen Nutzen Effekte erzielen können.

Beide sind vergänglich. Nur die theoretische, also die philosophische Lebensform sei wirklich autark. Sie wäre deshalb die höchste Form des Glücks. Ist die USP der Philosophie nach Aristoteles das ewig währende Glück? Wieso gibt es dann so wenige Philosophen? Und wenn man welche trifft, was selten vorkommt, dann strahlen diese nicht gerade vor lauter Glück, sondern beschweren sich oft über akademische Hackordnungen und Grabenkämpfe an ihrem Institut. Also irgendwo hakt es da.

With a little help for my friends

Nach diesem antiken elitären Höhenflug der Selbstbeweihräucherung klingt es doch realitätsnah erfrischend wenn Cicero meint, dass die Menschen durch nichts den Göttern näher kommen, als wenn sie Menschen glücklich machen. Also gibt es nichts Gutes, ausser man tut es, am besten gemeinsam für andere.

Zur vollen Bescheidenheit schafft es aber nur ein wahrer Philosophenkönig, Marc Aurel, der meinte, man solle nicht vergessen, dass man nur wenig braucht, um ein glückliches Leben zu führen! Das ist doch ein nettes cäsarisches Understatement, aus der Fülle den Verzicht zu predigen. Da können Plebejer und Sklaven nur lauthals zustimmen. Fein, dass das auch die aktuelle Glücksforschung bestätigt. Reichtum, der über die materielle Grundsicherung hinausgehe, verursache tendenziell eher Kopfzerbrechen.

Sofern wünsche ich der kommenden Erbengeneration viel Glück mit dem nicht verdienten Zaster, auf dass sie ihr Besitz nicht zu sehr belaste. Wie formulierte es kurz und bündig der späte Stoiker Epiktet im ersten nachchristlichen Jahrhundert, es gäbe einen Weg zum Glück, wenn wir aufhörten mit der Sorge um Dinge, die jenseits der Grenzen unseres Einflussvermögens liegen. Wir sollen vielmehr nach innerer Freiheit und moralischer Autonomie trachten.

...und dann auch noch Gott

Das war aber zu schön um lange wahr zu bleiben, denn der leider sehr einflussreiche Oberhysteriker Augustinus schränkte die Suche nach dem Glück auf den christlich spassbefreiten Kontext ein. Das wurde bis weit über Thomas von Aquin hinaus felsenfest dogmatisiert.

Er gesteht zwar zu, dass alle Menschen glücklich werden möchten, dieses Glück hänge davon ab, wo man es glaubt, finden zu können. Bis hierher kann ich ihm ja noch folgen. Wenn dann allerdings dauerhaftes Glück nur durch dauerhaften Besitz von etwas möglich ist und nur Gott ewig und unveränderlich und deshalb Gott das höchste Glück sei, wozu der Mensch einen reinen Geist brauche, indem er Gottes Willen erfülle und ein gutes Leben führe, dann britzeln hier einige transzendente Kurzschlüsse bis zum aufklärenden Kabelbrand. Besonders ärgerlich finde ich seine Aussage, dass ein Suchender nicht glücklich sein könne.

Castle of Happiness

"Die Natur hat gewollt, daß der Mensch alles (...) aus sich selbst herausbringe und keiner anderen Glückseligkeit oder Vollkommenheit teilhaftig werde, als die er sich selbst (...) durch eigene Vernunft verschafft hat." Kant spricht hier von der Emanzipation im Sinne seines Aufklärungsprogramms, unter Fortführung der Lockschen Formel von Freiheit gleich persönlichem Eigentum - My Home is my Castle of Happiness.

Die Frage nach dem Recht auf Glück hat viele Theoretiker im Zeitalter, das sich um Erleuchtung aller menschlicher Lebensumstände bemüht, beschäftigt. Wie bringt man äussere widerstrebende Dinge und innere Suche nach Glück zusammen? In Hegels Phänomenologie des Geistes schwingt noch ein ungetrübter Optimismus der Herstellbarkeit von Glück mit, wenn etwa die gesellschaftlichen Umstände so gestaltet werden sollen, dass das im bürgerlichen Rahmen möglich ist. (Das Selbstbewusstsein) "... hat die Gewißheit dieser Einheit; es gilt ihm, daß sie an sich oder daß diese Übereinstimmung seiner und der Dingheit schon vorhanden ist, nur ihm noch durch es zu werden hat, oder daß sein Machen ebenso das Finden derselben ist. Indem diese Einheit Glück heißt, wird dies Individuum hiermit sein Glück zu suchen von einem Geiste in die Welt hinausgeschickt."

Die Marxsche kommunistische Glücksutopie hat sich historisch wohl erledigt, und Kierkegards Lust an der Verzweiflung sowie Nietzsches radikale Kritik alles Fremdbestimmtseins machen dem naiven Herumbasteln an Glücksparametern schliesslich den Garaus. "Dem Individuum, sofern es sein Glück will, soll man keine Vorschriften über den Weg zum Glück geben: denn das individuelle Glück quillt aus eigenen, jedermann unbekannten Gesetzen, es kann mit Vorschriften von außen her nur verhindert, gehemmt werden."

Rundumtanz

Die aktuellen Anstrengungen um das goldene Kalb "Glück" betrachtend frage ich mich, geht es hier wirklich um eine grundlegende Struktur- und damit Kulturreform in Unternehmen, oder wird das wesentliche menschliche Grundstreben, wie es Aristoteles beschrieben hat, nicht einfach weiter quantifiziert, wie das die Utilitaristen seit den Anfängen von Bentham und Mill so exzessiv betreiben? Was wäre denn, wenn selbst Arbeitslose glücklich sein dürften und nicht mehr auf dem Prokrustesbett behördlich verordneter Bemaßnahmungen gedemütigt werden? Wer getraute sich, das zu entscheiden? Willkommen im Zeitalter der Anthropotechnik.

Das Unterfangen allgemeiner Glücksherstellung wird nach Oswald Spengler an einem weiteren Problem scheitern, denn dauerndes Glück bedeutet Langeweile. Ohne Herausforderungen, die uns in die Abgründe unseres Seins, ins Unglück führen, werden wir unser Glück gar nicht mehr erkennen oder spüren. Die Happykultur hat einen schalen Beigeschmack und lässt Misstrauen aufkeimen - cui bono, wer hat etwas davon?

Wer es haschen will, dem fliegts davon

Das Glück ist eine indirekte Variable. Werden Vertrauen, Gemeinschaftssinn und Kooperation im Unternehmen gelebt, dann kann dies von den Menschen in Organisationen subjektiv als Glücksgefühl erlebt werden. Jedoch es "gibt kein unbedingtes und ungetrübtes Glück, das länger als fünf Minuten dauert", bemerkte schon Theodor Fontane. Ohne Scheitern gibt es kein Wachsen, ohne Unglück gibt es kein Glück. Philosophisch begegne man diesem existentiellen Wechselbad mit Besonnenheit und nach Epikur soll man sich die Fähigkeit zum Genuss des kleinen Glücks erhalten, der Lust am Essen und Trinken, den Liebesgenüssen sowie der Freude an der Musik und dem Betrachten von Kunst. Von Lohnarbeit ist hier - zum Glück - nicht die Rede. (derstandard.at, 27.03.2015)

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt unter anderem Ethik an der Militärakademie und leitet den Universitätslehrgang Kultur & Organisation an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach und als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig.

Link: Philosophische Praxis

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