Kritik an Facebook-Plänen komplette News-Artikel zu liefern

27. März 2015, 10:37
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Russmedia Digital-Chef: "Dieser Versuch ändert die Spielregeln im Internet gewaltig"

Facebook will künftig selbst Medieninhalte und komplette Nachrichtenstorys in seinem Netzwerkanbieten. Ein erster Test mit großen Medienmarken wie der "New York Times" oder "BuzzFeed" soll demnächst starten. Österreichische Online-Experten sehen diese Entwicklung kritisch. "Facebook drängt sich damit zwischen Verlage und Leser", erklärte Russmedia Digital-Geschäftsführer Gerold Riedmann der APA.

"Moment, in dem wir über den Tisch gezogen wurden"

Die Pläne des sozialen Netzwerks schlagen denn auch international hohe Wellen. Verlage, die das Facebook-Angebot annehmen, würden zwar anfänglich von höheren Reichweiten profitieren, müssten sich aber letztlich den Click- und Werbe-Gesetzen Facebooks unterwerfen, so die Kritik. Die Macht, die Facebook als "Pressebaron" über Leser und Anbieter erhalten würde, sei zu groß, monierte etwa das US-Magazin "The Atlantic".

Und Joshua Benton, Direktor am Nieman Journalism Lab, meinte, dass das für Medienverlage die Art von Entscheidung sein könnte, auf die man in einigen Jahren zurückblickt und feststellt, dass das der Moment war, in dem wir über den Tisch gezogen wurden. US-Medienexperte Ken Doctor sieht in einer Kooperation mit Facebook hingegen den Schlüssel für eine zukunftsorientierte Leserstrategie von klassischen Medienhäusern.

"Ändert Spielregeln im Internet gewaltig"

"Dieser Versuch ändert die Spielregeln im Internet gewaltig", findet Russmedia Digital-Chef Riedmann. "Der zwischenzeitlich leider verstorbene 'New York Times'-Medienjournalist David Carr hat diese Landnahme von Facebook schon im Herbst 2014 vorhergesehen. Facebook wird damit zur Plattform, die es zu verlassen gar nicht mehr lohnt." Das soziale Netzwerk ist längst zum wichtigsten Traffic-Lieferanten für Nachrichtenmedien im Internet geworden. Im Mobilbereich ist das sogar noch stärker der Fall.

Riedmann: "Facebook will nun selbst nicht mehr Traffic liefern, sondern das Publikum auf dem eigenen Gelände halten. Es geht im Hintergrund natürlich darum, wem die Kundenbeziehung auf den Smartphones gehört. Lockstoff für den ein oder anderen verzweifelten Verlag ist die Chance, mit Facebook Geld zu verdienen. Wir liefern uns jedoch damit völlig Facebook aus: Facebook definiert, ob eine Facebook-Präsenz mit Zehntausenden Likes auch fortan kostenfrei zu haben ist. Facebook definiert, welche Nachrichtenbeiträge, Kommentare und Reporterbilder okay und welche nicht okay sind. Facebook definiert, wie viel Daten und Geld Verlags-Partner erhalten. Das ist keine Kooperation auf Augenhöhe."

"Logisch Entwicklung"

Gerlinde Hinterleitner, Verlagsleiterin von derstandard.at, spricht von einer "logischen Entwicklung" aus der Sicht von Facebook, aber "so, wie ich es für einen strategischen Fehler halte, Kommentare zu den Artikel zu Facebook auszulagern, wie es einige Medien machen, genauso so problematisch ist es, den Artikel gleich komplett dort zu veröffentlichen". Es wäre hingegen Aufgabe der Medien, sich bei den Lesern "so unverzichtbar zu machen, dass die Abhängigkeit von Facebook & Co so gering wie möglich ist, und trotzdem Social Media zu nutzen, um mit potenziellen Lesern in Kontakt und ins Gespräch zu kommen und Redaktionsmarketing zu betreiben", so Hinterleitner gegenüber der APA.

Wenig Interesse

Weder Hinterleitner noch Riedmann zeigen großes Interesse, Inhalte ihrer Medien direkt in Facebook einbinden zu lassen. Riedmann: "Wir haben keine Informationen aus erster Hand, aber so wie das derzeit diskutiert wird: Nein. Wir haben in Vorarlberg mit dem Vorarlberg Online-Dachangebot über 70 Prozent Reichweite, das ist wesentlich mehr als Facebook. Wir wollen in direkter Beziehung zu den Leserinnen und Lesern stehen. Auch und vor allem auf dem Smartphone." Und man habe inzwischen "große Fortschritte" dabei gemacht, auch mit mobilen Nutzern Geld zu verdienen. "Schon heute werden 14 Prozent unseres Umsatzes in Vorarlberg mit der Mobilversion von VOL.AT erzielt.

Üblich sind in der Branche derzeit sehr niedrige einstellige Prozentanteile. Aktuell sind ja 41 Prozent unserer Besucher mobil. Es ist in diesem sehr dynamischen Mobil-Markt viel zu früh, bereits jetzt die Segel zu streichen und sich bedingungslos an Facebook auszuliefern." (red, 27.3.2015)

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