"Krone" nimmt sich Pläne für ORF-Führungsstruktur vor - Opposition besorgt

Analyse27. März 2015, 08:41
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Kleinformat macht Medienpolitik - und seine eigenen Nachrichten

Wien - Die "Krone" macht Medienpolitik, seit Jahrzehnten schon und auch auf redimensioniertem Reichweitenstand: Freitag berichtet sie auf den Politikseiten groß über jene neue ORF-Führungsstruktur, die seit vielen Monaten Thema im ORF und der Medienberichterstattung vieler Tageszeitungen und Medienredakteure ist. Claus Pandi interpretiert das Konzept, und erste Medienpolitiker reagieren überrascht bis aufgeregt. Auch das kann man interpretieren. Ein erster Versuch.

Erst der knackige Schluss der "Krone": "Jede Chefebene künftig doppelt besetzt! Da können dann fein jeweils ein roter und ein schwarzer Vertrauensmann ihre Posten beziehen. Proporz-TV wie früher einmal."

Erste Reaktionen

Neos-Mediensprecher Niko Alm dazu am Freitag per Aussendung ("Regierungs-ORF wäre nicht akzeptabel"): "Der ORF wird zu einem Schloss, in das nur mehr der rot-schwarze Schlüssel passt."

Grünen-Mediensprecher Dieter Brosz wenig später in "Sorge um Unabhängigkeit des ORF": "Ein Generaldirektor, der jetzt etliche Spitzenfunktionen, noch dazu in einer Doppelstruktur, neu besetzen will, liefert den rot-schwarzen Parteizentralen neue Einflussmöglichkeiten auf dem Serviertablett."

Kritik kommt auch von der FPÖ: Mediensprecher Herbert Kickl erinnert der Umbau "frappant an das ehemalige DDR-Fernsehen - mit dem einzigen Unterschied, dass der ORF dann endgültig direkt der totalen Kontrolle von zwei Parteien unterstellt ist. Der rot-schwarze Proporz im Staatsfunk in den 80er und 90er Jahren war ja geradezu harmlos gegen das, was nun Wrabetz und sein Finanzdirektor Grasl vorhaben."

Ein paar Ansätze zur "Krone"-Interpretation:

1. Widerstand

Die neue Führungsstruktur stößt unter ORF-Journalisten und journalistischen Führungskräften nicht gerade auf breite Euphorie. Die Sorge vor versuchtem Politeinfluss ist groß, im ORF häufig berechtigt. Die "Krone" kann solchen Sorgen erfahrungsgemäß einige Wucht verleihen - weil Österreichs Politik den Regungen des Kleinformats besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Siehe auch: erste überraschte Medienpolitiker. Die neue Struktur ist vielfach berichtet, auch in den ORF-Gremien. Aber die "Krone" bringt die Befürchtungen besonders knackig auf den Punkt.

2. Schweigen

Die große Story in der "Krone" könnte auch (und womöglich zugleich) auf einen Umstand zurückzuführen sein, der seit längerem auf dem Küniglberg über Österreichs Medienpolitik kolportiert wird: SPÖ-Führung beziehungsweise Medienministerium hätten sich seit Monaten nicht geäußert, was sie von Alexander Wrabetz Führungsmodell eigentlich hält. War es so, verzögerte die Unsicherheit in der Praxis den Fortschritt der Umsetzung - Schweigen könnte ja auch Ablehnung bedeuten.

Womöglich war das Kanzleramt aber zu sehr mit der Steuerreform und der Ungewissheit beschäftigt. Dann sollte sich, wenn es daran lag, nun ein Befund ausgehen. Eine Tendenz der SPÖ-Führung würde sich nicht zum ersten Mal über das Kleinformat andeuten.

3. Ablehnung

Bürgerliche Stiftungsräte wie ÖVP signalisierten zuletzt wie berichtet, dass sie von dem Modell noch nicht überzeugt sind. Sie argumentieren das mit: Es garantiere aus ihrer Sicht noch zuwenig Binnenpluralismus im ORF.

4. Polit-Kalkül

Es könnte natürlich auch sein, dass Schweigen, Verzögerung und Ablehnung dazu dienen sollen, mehr passende Besetzungen herauszuschlagen bis zur ORF-Wahl 2016.

5. Konkurrenz-Kalkül

ORF-Chef Alexander Wrabetz vermutet einen kommerziellen Hintergrund - er verweist auf die Kooperation der "Krone" mit Servus TV. Gemeinsam wollen sie wie berichtet im April ein tägliches Bundesländermagazin in Servus TV starten.

6. Nachrichtenmaschine

Eines zeigt die "Krone" jedenfalls, auch in dieser kleinen Analyse: Sie hat sich vor Jahrzehnten von der Idee verabschiedet, dass Stories etwas sind, das unbedingt neu sein muss. Die "Krone" macht ihre Nachrichten selbst - sich und der Politik- und Medienwelt.

Und noch eines zeigt sich: Man kann Stories der "Krone", und was dahinter stecken könnte, durchaus vielfältig interpretieren - ob nun in der Politik, im ORF oder auch im (Medien-) Journalismus. (Harald Fidler, 27.3.2015)

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