Stumm ins Nichts

Einserkastl26. März 2015, 17:49
159 Postings

Eine psychische Belastungsstörung reicht, um eine so monströse Art des eigenen Abgangs zu wählen

Acht Minuten nur Atmen vom Copiloten. Im Hintergrund das Klopfen, dann das Geräusch des vergeblichen Versuchs des Piloten, die Tür einzutreten. Ganz zuletzt die Schreie von Passagieren, die begreifen, dass sie unrettbar verloren sind.

Wenn sich die Hinweise bestätigen, dass der Copilot das Flugzeug mit 149 anderen Menschen an Bord bewusst zum Absturz gebracht hat, indem er den Piloten aussperrte und mit tödlicher Ruhe den Sinkflug in den Berg einleitete, dann bleibt die Frage: Wie kann man das tun? Acht Minuten dasitzen, atmen, sonst nichts, kein letzter Wahnsinnsausbruch, keine Anrufung einer Gottheit, keine Verfluchung von irgendwem, keine großen letzten Worte. Stumm ins Nichts.

Es gibt den (umstrittenen) Begriff des "Bilanzselbstmordes". Jemand sieht sein Leben an und entscheidet, nicht weiterleben zu wollen. Zwischen dem Beschluss und der Ausführung vergeht oft einige Zeit. Die Betroffenen sind mit sich im Reinen, deswegen wirken sie auch so ruhig und symptomlos. Dann setzen sie die Tat.

Selbstmorde von Piloten mit besetzten Maschinen sind selten, aber es gibt sie. Man vermutet, dass auch der Pilot der im Indischen Ozean verschwundenen MH370 ein Selbstmörder war. Dutzende, hunderte andere mit in den Tod nehmen, das tun meist nur Attentäter. Ob eine bloße psychische Belastungsstörung reicht, um eine so monströse Art des eigenen Abgangs zu wählen? Offenbar ja. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 27.3.2015)

Share if you care.