Philipp Stölzl: "Mehr Wahrhaftigkeit durch Stilisierung"

Interview26. März 2015, 17:36
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Die Osterfestspiele Salzburg zeigen heuer die beiden Kurzopern "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" im traditionell gewordenen Doppelpack. Premiere ist am Samstag, Regie führt Philipp Stölzl

STANDARD: Was für ein Beruf steht in Ihrem Reisepass?

Philipp Stölzl: Gar nichts - das gibt es in Deutschland nicht mehr. Aber in Hotels gebe ich immer an: Film- und Opernregisseur.

STANDARD: In dieser Reihenfolge?

Stölzl: Ja, mit Film habe ich doch deutlich mehr Zeit in meinem Leben verbracht. Man fängt da ja immer bei null an, mit einem leeren Drehbuchblatt und einer Idee. Bis das Skript dann endlich stimmt, Geld und Cast zusammen sind, der Film gedreht und endlich im Kino ist, sind schnell drei Jahre vergangen. Jedes Minidetail ist hart erstritten, das Endprodukt ist einem zwangläufig sehr nah. Die Arbeit an einer Oper ist nicht nur viel kürzer, sondern es gibt ja das Kunstwerk an sich schon, in der Regel eine Komposition, die 100 Jahre überdauert hat, weil sie ganz toll ist. Als Regisseur geht es für mich darum, mich dazu zu verhalten und es kraftvoll auf die Bühne zu bringen. Es ist eine wunderbare "Sekundärkunst".

STANDARD: Von Ihrer Ausbildung her sind Sie Bühnenbildner. Wie prägt das Ihre Arbeit als Regisseur?

Stölzl: Ich konzipiere ganz sicher eher visuell. Räumlichkeit, Farbigkeit, Atmosphäre sind mir wichtig. Ich gehe dabei immer von der Musik aus, schaue, was bei mir für Bilder entstehen, wenn ich die Oper anhöre. Auf der anderen Seite denke ich sehr narrativ. Das kommt durch die Drehbucharbeit, wo gutes, breit verständliches Erzählen gefragt ist. Das ist oft ein qualvoller Weg, zumal viele Opernlibretti wirre Plots haben.

STANDARD: Schwebt Ihnen dabei etwas wie ein Gesamtkunstwerk vor?

Stölzl: Ja und nein. Diesen Begriff verbindet man ja erst einmal mit Großkünstlern wie Richard Wagner, er riecht nach Größenwahn. Das ist mir absolut fremd. Was ich aber an Oper mag, ist, dass da so viele Gewerke zusammenkommen. Wenn am Ende im besten Fall ein tolles Orchester, ergreifender Gesang, überzeugende Schauspielkunst, Licht, Kostüm und Szenenbild zusammenfinden und einen intensiven Abend ergeben, dann ist das ganz sicher ein Gesamtkunstwerk, das im Reigen der Künste absolut einmalig ist. Das alles zusammen kann eben nur die Oper. Es ist ein Dialog zwischen den Künsten, der in der Regel schon im Probenprozess beginnt. Als Regisseur muss man vor allem zuhören und reagieren. Mir zumindest geht das so.

STANDARD: Können Sie ganz allgemein ein Anliegen formulieren, wenn Sie Oper machen?

Stölzl: Es muss berühren, die Musik oder die Geschichte, am besten beides. Oper hat ihre Stärke für mich vor allem im Sturm der Gefühle, den Orchester und Sänger entfachen können. Verkopfte Regieansätze sind genau deswegen nicht so meine Sache, ich lasse mich lieber von der Musik verführen, als analytische Distanz zu halten.

STANDARD: Wie war Ihr Weg zum Kern von "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci"?

Stölzl: In beiden Stücken geht es darum, wie die Liebe uns zu Monstren macht. Sie macht uns abhängig, eifersüchtig, sie macht uns unfassbar glücklich und tut uns gleichzeitig weh. Mir scheint das ein Thema, zu dem jeder auf seine Weise einen Bezug hat. Das macht die Figuren so greifbar, sie sind uns viel näher und ähnlicher als die meisten anderen Opernfiguren, man braucht als Zuschauer keine Transferleistung zu erbringen. Dazu kommt, dass beide Opern überaus populär gedacht sind, sowohl musikalisch als auch vom Plot her. Beide sind zügig und treibend erzählt, jede nur knapp über eine Stunde, dramaturgisch wasserdicht. Und es sind jede Menge Ohrwürmer drin!

STANDARD: Ergibt die geradezu schon konventionelle Kopplung der beiden Stücke für Sie Sinn?

Stölzl: Im Grunde erzählen beide dieselbe Geschichte, nämlich Mord aus Eifersucht. Aber wenn man sich hineinarbeitet, merkt man, wie unterschiedlich sie sind, auf der einen Seite Cavalleria mit ihrer wahnsinnig wirkungssicheren Kinomusik und ihrer verdichteten, kafkaesken Handlung, auf der anderen Seite Pagliacci mit dieser gewagten Theater-im-Theater-im-Theater-Konstruktion und kontrastreichen, mitunter sehr modern klingenden Musik. Es ist überraschend spannend, diese Stücke gegenüberzustellen, die ähnlich und doch ganz anders sind.

STANDARD: Die beiden Opern spielen unter einfachen Bauern in Sizilien, ein Anliegen des Verismo ist es, "echte" Menschen aus niedrigeren Schichten zu Opernfiguren zu machen. Wie gehen Sie damit um?

Stölzl: Ich finde so einen "Arme-Leute-Realismus" auf der Bühne immer eine schwierige Sache. Oft wirkt es alles dann doch irgendwie "angefertigt" und etwas verlogen. Meinem Gefühl nach kommt man mit Stilisierung und "Umschreibung" näher an den Kern der Sache - und am Ende zu einer Wahrhaftigkeit, die für die Opernbühne funktioniert. (Daniel Ender, DER STANDARD, 27.3.2015)

Philipp Stölzl, 1967 in München geboren, begann seine Berufslaufbahn als Bühnenbildner und wechselte dann zum Film. Er führte bei zahlreichen Musikvideos Regie, u. a. für Rammstein, Madonna und Mick Jagger, aber auch für Luciano Pavarotti. Außerdem gestaltete er Werbe- und Spielfilme. Seit 2005 arbeitet Stölzl erneut als Bühnenregisseur und Bühnenbildner.

  • Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl (re.) bei der Bauprobe mit Osterfestspiele-Intendant Peter Alward.
    foto: andeas j. hirsch

    Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl (re.) bei der Bauprobe mit Osterfestspiele-Intendant Peter Alward.


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