Heinisch-Hosek: "Ghettoklassen wird es nicht geben"

Interview26. März 2015, 17:31
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Die Ministerin ist gegen separate Klassen für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen, an Neuer Mittelschule hält sie fest

STANDARD: Nach der Regierungsklausur gab es vor allem im Bereich der Sprachförderung Meinungsverschiedenheiten zwischen SPÖ und ÖVP. Wird es eigene Klassen für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen geben?

Heinisch-Hosek: Ich halte nicht viel davon, dass man Kindern die Klassengemeinschaft entzieht, bis sie gut genug Deutsch können. Das ist der falsche pädagogische Zugang. Es heißt deshalb im Papier der Regierungsklausur "Deutsch vor Regelunterricht" und nicht "Deutsch vor Schuleintritt". Mit den neuen 90 Sprachfördermillionen, die in den Kindergarten fließen, sollte Deutsch vor Schuleintritt eigentlich bald kein Problem mehr sein.

STANDARD: Integrationsminister Sebastian Kurz sieht das anders. Er ist für spezielle Klassen für Kinder mit Sprachdefiziten. Was setzt sich in der Praxis durch?

Heinisch-Hosek: Ich habe nicht die Gelegenheit gehabt, von ihm sein pädagogisches Konzept dahinter zu erfragen. Ganz viele Wissenschafter und Wissenschafterinnen sagen, dass es nicht gut ist, die Kinder aus der Klassengemeinschaft herauszunehmen.

foto: standard/matthias cremer
Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ist gegen separate Klassen für Kinder, die noch nicht gut Deutsch sprechen. "Das ist der falsche pädagogische Zugang", sagt sie.

STANDARD: Können Sie definieren, was für Sie als "vorbereitende Klasse", wie man sie laut Regierungsübereinkommen anstrebt, gilt?

Heinisch-Hosek: Kinder, die aufgrund von Sprachschwierigkeiten dem Regelunterricht nicht folgen können, sollen zeitweise herausgenommen werden können und in vorbereitenden Gruppen oder Klassen - für mich ist das als vorübergehender Raumwechsel gedacht - unterrichtet werden. Man kann die Kinder auch parallel unterrichten, indem ein zweiter Sprachlehrer in der Klasse ist. Ich will das Wort eigentlich gar nicht sagen, aber: Ghettoklassen wird es nicht geben.

STANDARD: Wann kommt das zweite verpflichtende Kindergartenjahr?

Heinisch-Hosek: Ich wünsche es mir, und zwar gratis.

STANDARD: Das war bei unserem letzten Interview, vergangenen Oktober, auch schon so. Auch die ÖVP wünscht es sich seit langem. Verstehen Sie den Frust vieler Eltern, die warten und warten, aber es kommt nicht?

Heinisch-Hosek: Da müsste man auch mit der Familienministerin sprechen, das fällt in ihre Kompetenz. Aber natürlich ist das unsere gemeinsame Verantwortung. Trotzdem: Das derzeitige letzte verpflichtende Kindergartenjahr kostet den Bund 70 Millionen Euro. Für ein weiteres Jahr wäre etwa die gleiche Summe notwendig. Und die muss erst aufgestellt werden.

STANDARD: Themenwechsel: Jetzt ist Österreich endlich einmal Erster, und Sie haben dennoch keinen Grund zu jubeln. Was leiten Sie aus dem jüngsten OECD-Bericht ab, der Österreich in Sachen Mobbing unter Schulbuben auf Platz eins sieht?

Heinisch-Hosek: Diese Daten sind bereits aus dem Jahr 2009, das muss man schon dazusagen. Seither hat sich bereits viel getan: unsere Anti-Mobbing-Strategie, Workshops zur Gewaltprävention beziehungsweise für das Selbstbewusstsein der Kinder, Fortbildungen für die PädagogInnen. Aber auch die Expertinnen und Experten der Schulpsychologie stehen mit Rat und Tat zur Seite.

foto: standard/matthias cremer
"Natürlich würde ich den Schulen 1000 Schulpsychologen gönnen. Das gibt das Budget aber nicht her."

STANDARD: Sie hätten gerne 100 Schulpsychologen mehr. Wann kommen die?

Heinisch-Hosek: Das würde fünf bis sechs Millionen Euro mehr pro Jahr kosten. Das kann ich aus dem laufenden Budget nicht aufbringen. Wir haben derzeit 160 Schulpsychologen, hundert mehr müssten schon sein. Ich hab von Finanzminister Hans Jörg Schelling dafür aber noch kein Okay.

STANDARD: Hundert mehr sind ohnedies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Gewerkschaft nennt als Untergrenze 13.000 zusätzliche Unterstützungskräfte für die Schulen.

Heinisch-Hosek: Die 13.000 sind sowieso illusorisch. Ich denke, um hundert Schulpsychologen aufzustocken wäre ein erster, wichtiger Schritt. Es ist immer auch die Frage, wie viele Sozialarbeiter sich die Länder leisten. Der Bund hat mit 120.000 Lehrerinnen und Lehrern den Plafond erreicht. Natürlich würde ich den Schulen 1000 Schulpsychologen gönnen. Das gibt das Budget aber nicht her.

STANDARD: Stichwort Verländerung der Lehrer: Bis vor kurzem waren Sie noch vehement dagegen. Jetzt, untermauert von einem neuen Expertenpapier zur Verwaltungsreform in den Schulen, können Sie sich doch vorstellen, dass alle Lehrer bei den Ländern angestellt sind. Warum?

Heinisch-Hosek: Ich bin keine Freundin der Verländerung. Auch wenn ich keinem Landeshauptmann unterstellen würde, dass es ihm um Macht geht. Es geht um die Kinder. Ich möchte jetzt aber erst einmal dieses Papier zur Verwaltungsreform bewertet haben. Das empfiehlt vor allem, dass man den Schulen mehr Freiraum geben soll, das steht für mich im Vordergrund. Meine Meinung ist: Die autonome Schule kann nur dann gut gelingen, wenn sie verschränkt ganztägig geführt wird.

foto: standard/matthias cremer
"Vorbereitende Klassen? Für mich ist das ein vorübergehender Raumwechsel."

STANDARD: Das wäre also der Abtausch: verschränkte Ganztagsschule gegen Verländerung?

Heinisch-Hosek: Es geht um Überzeugungsarbeit. Bildungsbenachteiligte Kinder können nur aus dem Defizit herauskommen, wenn man sie den ganzen Tag über gut betreut. Das erkennt die Wirtschaft schon lange. Bedingungen stellen ist hier der falsche Weg, ich will überzeugen.

STANDARD: Auch zur Neuen Mittelschule gab es einen Bericht. Die Hauptaussage: Die neue Schulform erfüllt die Erwartungen nicht, das Niveau ist im Durchschnitt nicht besser als das der Hauptschulen. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Heinisch-Hosek: Ab Herbst gibt es mehr Autonomie für Neue Mittelschulen. Ich bin keine Freundin davon, ein System, das ins Regelschulsystem übergeführt wurde, jetzt zurückzufahren. Das pädagogische Konzept ist inhaltlich sehr gut und braucht noch etwas Zeit. Seit der Evaluierung hat sich die Neue Mittelschule weiterentwickelt. Trotzdem müssen auch die Rahmenbedingungen passen. Ich bleibe dabei: Ich hätte gerne eine gemeinsame Schule bis 14 Jahre.

STANDARD: Ihr Argument, dass sich die NMS weiterentwickelt, wird durch die Evaluierung widerlegt. Die erste Generation der Schulen schneidet wesentlich besser ab als die zweite.

Heinisch-Hosek: Bei der ersten Generation haben die Länder gefragt, wer teilnehmen möchte. Die Schulen haben sich freiwillig gemeldet. In der zweiten Generation gab es ein Bundesland, das alle Hauptschulen angemeldet hat, ich weiß nicht, ob die alle Hurra geschrien haben.

STANDARD: Die Schlussfolgerung Ihrer Vorgängerin war aber: Jetzt müssen alle Hauptschulen zur Neuen Mittelschulen werden.

Heinisch-Hosek: Ja, aber seither werden die Schulen ganz anders begleitet. Wir haben an jedem Standort speziell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, die am Schulstandort beraten und unterstützen. Die Schulen sind dadurch, dass die sechs Zusatzstunden jetzt autonom eingesetzt werden können und nicht mehr nur in den Fächern Englisch, Deutsch und Mathematik, flexibler.

STANDARD: Ist es denkbar, dass die Mittel für die NMS reduziert und andernorts verwendet werden?

Heinisch-Hosek: Das ist durch, das wird es nicht geben. Ich konnte die sechs zusätzlichen Stunden gegenüber dem Koalitionspartner sichern. Man kann einer Schulform nicht Mittel wegnehmen und dann glauben, dass sie dadurch besser wird. Alle waren dafür, dass die Neue Mittelschule zur Regelschule wird.

STANDARD: Was soll bis zum 17. November - laut Kanzler ein "Glückstag" - passieren?

Heinisch-Hosek: Vorgesehen ist ein Ministerratsbeschluss, wie der Weg künftig sein soll. Aber eine Schulverwaltungsreform ist noch keine Bildungsreform. Bis 17. November wollen wir einen Weg zur Entflechtung dieser Verwaltungsstrukturen haben. Parallel dazu müssen wir darüber reden, wie ein Kind vom Bildungssystem begleitet werden soll, wie Benachteiligungen überwunden werden können und wie wir es schaffen, dass kein Kind zurückbleibt. Das ist Bildungsreform.

STANDARD: Eine deutsche Schülerin hat es vor wenigen Monaten sinngemäß so formuliert: Ich kann zwar Gedichte rezitieren, aber wie ich einen Mietvertrag prüfe, weiß ich nicht. Braucht es mehr lebenspraktisches Lernen?

Heinisch-Hosek: Unbedingt. Auch die standardisierte Reifeprüfung soll Kompetenzen überprüfen. Angehende Lehrer und Lehrerinnen lernen das in der PädagogInnenbildung neu. Der Justizminister und ich überlegen gerade, wie wir den Schülern das österreichische Rechtssystem näherbringen können. Die Lehrpläne geben diese Lebenspraxis bereits schon jetzt her. Aber viele haben den Mut zur Lücke nicht. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, Schwerpunkte zu setzen.

STANDARD: Finnland schafft demnächst die Schulfächer ab: für Sie denkbar?

Heinisch-Hosek: Das ist spannend, aber die sind uns dreißig Jahre voraus. Die Änderung des Bildungssystems geht nur langsam, das ist ein riesiger Tanker. Vielleicht beschließen wir im Jahr 2025, dass wir keine Fächer mehr brauchen. (Lisa Kogelnik, Karin Riss, DER STANDARD, 27.3.2015)

Gabriele Heinisch-Hosek (53) ist Ministerin für Bildung und Frauen. Bis 2002 war sie als Lehrerin an einer Schule für Schwerhörige tätig.

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Bilder vom Interview mit Gabriele Heinisch-Hosek in Cremers Photoblog

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