Der blinde Fleck der Genderideologie

Kommentar der anderen26. März 2015, 17:21
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Europaweit weist Österreich die meistgemobbten Buben in Schulen auf, dennoch geht die Unterrichtsministerin kaum auf dieses Thema ein. Über den einseitigen Blick auf Geschlechterfragen, der Gewalt gegenüber Buben auch in der Forschung marginalisiert

Jetzt habe ich der Unterrichtsministerin bewusst drei Tage Zeit gegeben, ob und wie sie auf die dieser Tage veröffentlichten Pressemeldungen über Österreichs traurige OECD-Führungsrolle im Mobbing und Bullying an Schulen reagiert, wonach hierzulande von allen 27 europäischen Ländern vor allem elf- bis 15-jährige Buben am meisten betroffen sind - und dies fast doppelt so häufig wie Mädchen.

Nicht auszudenken, wie die Frauenministerin wohl aufgeschrien hätte, wenn so ein Ergebnis Österreichs Mädchen beträfe! Als Unterrichtsministerin ist sie aber für einen so skandalösen Umstand unabhängig vom Geschlecht der Betroffenen zuständig. Dennoch geht Frau Heinisch-Hosek kaum darauf ein. Sind männliche Schüler der Frauen-Unterrichtsministerin kein Anliegen? Ist es ihr egal, wenn Österreich bei einem schulischen Missstand wie diesem die rote Laterne in Europa trägt?

Dann würde sich Frau Heinisch-Hosek als eine jener vielen "Gender" -Politikerinnen entpuppen, die der einseitigen Anschauung - gemeinhin auch "Ideologie" genannt - aufsitzen, wonach "Gender" und "Gender-Mainstreaming" immer nur Frauenanliegen meinen. Diese Einäugigkeit in Genderfragen ist allerdings weit verbreitet: In Tirol etwa wurde im vergangenen Dezember unter Bezugnahme auf den Internationalen Tag der Menschenrechte von Landesseite her nur der Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Familie gedacht, als ob es gegen Buben keine gäbe - was Unsinn ist: Buben sind von familiärer Gewalt (nicht sexueller Art) sogar häufiger als Mädchen betroffen - und hier wiederum etwas häufiger durch Gewalt von Frauen (weil auf Müttern mehr Erziehungsarbeit lastet). Die Vorgängerin Heinisch-Hoseks startete gar eine österreichweite Unsinnskampagne dergestalt, dass auf Plakaten und Postkarten gegen familiäre Gewalt nur der Vater als Täter ausgewiesen wurde.

Gender als Frauenanliegen

Der einseitige Blick auf Geschlechterfragen setzt sich bis in die Wissenschaft und in die Universitäten hinein fort, wo "Genderforschung" in Wirklichkeit fast immer nur Frauenforschung meint und auch so gut wie ausschließlich von Frauen betrieben wird. So ungleich Professuren an Unis verteilt sein mögen, bei den Gender-Lehrstühlen kann von Verteilung gleich gar nicht die Rede sein: Von den rund 190 Gender-Lehrstühlen in Deutschland ist nur ein einziger mit einem Mann besetzt.

Österreichs 18 Professuren mit einer Teil- oder Vollwidmung für "Frauen- und Geschlechterforschung / Gender Studies" sind alle mit Frauen besetzt, in der Schweiz, die nur ein Drittel solcher Lehrstühle im Vergleich zu Österreich hat, alle sechs. Und dort, wo "Gender" draufsteht, sind fast immer nur Frauenanliegen drin. Für "Männerforschung" hingegen, die in Sachen Gesundheit, Familie, Väterlichkeit, Gewalt u. a. nottäte, gibt es überhaupt keine Professur.

Dies alles dürfte aber kein Grund sein, dass die verantwortliche Ministerin einen derartigen Missstand zulasten der Buben ignoriert. Dies passt auch zu der einseitigen "Gendersensibilität" in Sachen Schule, wo ja Bubenprobleme kaum oder gar nicht behandelt werden.

Der "Bildungsverlierer"-Diskurs, der in nackten Zahlen Buben als die weithin schlechteren Schüler und Absolventen und als häufigere Repetenten ausweist, wird als "Dramatisierung von Geschlecht" weggeredet, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, als wolle jemand der Überzahl weiblicher Lehrkräfte in Schulen etwas Schlechtes nachsagen. Aber kein seriöser Buben- oder Männerforscher spräche davon, dass Buben bewusst von irgendjemandem "benachteiligt" würden. Es sind aber bestimmte veränderte Bedingungen und Strukturen in Schule und Gesellschaft, die offenbar vielen Buben mehr Schwierigkeiten machen als Mädchen.

Spaltung überwinden

Dafür hat sich eine Unterrichtsministerin zu interessieren und zu engagieren. Warum nicht einmal eine Professur für "Männer- und Geschlechterforschung", die ihr dabei helfen könnte? Der einseitigen Ausrichtung der Genderthematik auf Frauenfragen könnte auch Abhilfe geschaffen werden, indem man Professuren einrichtet, die beide Geschlechter und die gemeinsame (!) Veränderung ihres Verhältnisses im Blick haben: So habe ich nach den jüngsten Klagen über die nur schleppende Nachbesetzung von Gender(=Frauen)-Lehrstühlen an der Uni Wien Herrn Rektor Engl geraten, er möge eine Stelle schaffen, bei der ein Experte und eine Expertin in Genderfragen ausdrücklich den Auftrag bekommen, gemeinsame Strategien von Männer- und Frauenbildung und -politik zur Förderung der Gleichberechtigung zu beforschen.

Das wäre doch einmal etwas Innovatives, das die unseligen Scheuklappen und die Spaltungen zwischen Männern und Frauen in der Geschlechterpolitik überwinden helfen könnte. (Josef Christian Aigner, DER STANDARD, 27.3.2015)

Josef Christian Aigner ist Psychoanalytiker und Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck.

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