Wie Fischers China-Aufenthalt zum Besuch bei einem alten Freund wird

26. März 2015, 16:54
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Der Bundespräsident trifft am Freitag Expremier Wen Jiabao. Auftritte von Expolitikern sind in China selten, doch Wen verbindet mit Fischer Persönliches

Am Ende seiner zehnjährigen Amtszeit als Chinas Premier verabschiedete sich der damalige Premier Wen Jiabao mit Pathos aus seinem Berufsleben. Auf seiner Abschiedspressekonferenz im Volkskongress rief er im März 2012 aus: "Es war mir eine Ehre, meine Arbeit als Diener des Volkes gemacht zu haben. Ich hoffe, dass mich alle bald vergessen haben." Doch es gibt einen "alten Freund Chinas", der aus Österreich kommt und sich doch an den inzwischen 72-jährigen Expremier erinnert; so gut, dass er ihn jetzt wieder treffen will.

Als Bundespräsident Heinz Fischer am Donnerstag nach Peking zu seinem viertägigen Staatsbesuch einflog, hatte er im Vorfeld darum gebeten, auch den Expremier "privat" treffen zu dürfen. Sein Wunsch fand offene Ohren. Fischer soll mit ihm heute, Freitag, in der österreichischen Botschaft zusammenkommen.

Aus der Versenkung geholt

Selbstverständlich ist das nicht. Peking holt ungern seine Expolitiker aus der Versenkung. Die politischen Pensionisten, einst die mächtigsten Genossen ihres Landes, besitzen noch viele Privilegien. Denn sie sollen den aktuellen Machthabern nicht in deren Politik hineinreden. Für Fischer machte Pekings Führung eine Ausnahme, wie sie sie zuvor nur Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel gestatteten.

Das liegt daran, dass Fischer in Chinas Partei exzellent angeschrieben ist. Das Parteiorgan "Volkszeitung" schrieb in ihrem Begrüßungsporträt für ihn am Donnerstag ein ungewöhnliches Lob. Fischer habe "oft und herzlich chinesische Führer bei ihren Österreich-Besuchen in Wien empfangen." Schon am ersten Tag in Peking, als Fischer der Unterzeichnung 20 bilateraler Wirtschaftsverträge und Abkommen beiwohnte, erzählte er vor 500 versammelten Wirtschaftsvertretern, wie sehr ihn China bereits als Schüler faszinierte.

Schwärmerei für Zhu De

Er meinte seine frühere politische Schwärmerei für die Volksrepublik und konnte die Namen ihrer Heroen nennen von Mao bis zu Marshall Zhu De - den selbst viele junge Chinesen nicht kennen. Als Fischer die Namen aufzählte, ging bewunderndes Raunen durch das Publikum.

Mit Premier Wen verbindet Fischer eine besondere Anekdote. Er traf ihn zum ersten Mal vor 26 Jahren, als der damalige Kanzleichef im Zentralkomitee 1988 nach Wien kam. Auch bei SPÖ-Klubobmann Fischer war seine Delegation angemeldet - doch aus einer Begegnung wurden drei, vielleicht weil an diesem Tag zu wenig los war. Fischer traf sich mit Wen auch noch zum Mittagessen und abends im Bierbeisel. Als er zehn Jahre später China besuchte, fand er einen alten Tagebucheintrag wieder, den er Wen schenkte.

Beiselbesuch im Jahr 1988

Doch auch Wen hatte sich an 1988 erinnert. Er stieß in seinem privaten Album auf ein Erinnerungsfoto seines Dezemberabends 1988 mit Fischer. Wen ließ das Foto vergrößern und rahmen. Als Fischer mit der Seite in der Hand ihm stolz die Kopie von 1988 überreichte, konterte Wen. "Ich habe sogar noch ein Foto davon." Er schenkte es Fischer mit handschriftlicher Widmung.

Die gute Chemie soll nun der Wirtschaft helfen. Der Handel war 2014 erstmals auf mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz geklettert. 2010 nutzte Fischer das gute Klima auch zur Intervention in einem Bereich, vor dem sich viele andere drücken. Er setzte sich bei Wen und beim damaligen Parteichef Hu Jintao nicht nur für die Abschaffung der Todesstrafe ein, sondern brach auch eine Lanze für politische Häftlinge, besonders für den damals zu elf Jahren Haft verurteilten Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo.

Menschenrechte

Genützt haben Fischers Nachfragen nichts. Liu sitzt weiter ein, seine Frau steht unter Hausarrest. Und die Todesstrafe ist noch immer in Kraft. Dennoch sind besorgte Nachfragen nicht vergeblich. Sie erinnern Pekings allmächtige Führer, dass außerhalb ihres Reiches die Gewissenshäftlinge nicht vergessen wurden. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 27.3.2015)

  • Bundespräsident Heinz Fischer und der chinesische Premier Li in Peking - am Freitag besucht Fischer auch Lis Vorgänger Wen.

    Bundespräsident Heinz Fischer und der chinesische Premier Li in Peking - am Freitag besucht Fischer auch Lis Vorgänger Wen.

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