Italien: Twitter-Streit um "synthetisches Baby" wird politisch

27. März 2015, 07:00
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In Italien wird eine liberale Familienpolitik gefordert und auf Kritik von Dolce & Gabbana an "Kindern der Chemie" reagiert

Ein Twitter-Streit zwischen den italienischen Designern von Dolce & Gabbana (D & G) und dem britischen Sänger Elton John rund um die Homo-Ehe und Regenbogenfamilie zieht politische Kreise. Domenico Dolce und Stefano Gabbana hatten in einem Interview mit der italienischen Zeitschrift Panorama gesagt, dass sie durch künstliche Befruchtung gezeugte Kinder ablehnen - sie nannten sie "synthetische Babys".

Der Präsident der süditalienischen Region Apulien, Niki Vendola, hat sich nun in die Diskussion rund um den Sager eingemischt. Der bekennende Homosexuelle Vendola meinte, dass auch er demnächst seinen Lebensgefährten heiraten und ein "synthetisches Baby" haben wolle.

Damit gab er den beiden Modedesignern ein klares Kontra und ergriff die Position von Sänger Elton John. Mehr noch: Im italienischen Parlament kam es zur Diskussion um die gesetzliche Regelung der Homo-Paare. Mara Carfagna, Abgeordnete von Silvio Berlusconis Forza Italia, bezeichnete es als Schande, dass in Italien ein Zusammenleben von Homo-Paaren noch nicht legalisiert sei und dass keinerlei gesetzliche Regelungen die Situation legitimieren. "Dies steht im Kontrast zum Familienrecht", kritisiert die Abgeordnete und nimmt die Twitter-Debatte als Auslöser für eine Erneuerung des Familienrechtes. "Was die Union zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren betrifft, hat Italiens Gesetzgebung bislang versagt und europäische Regeln ignoriert."

Elton John gegen D & G

Auslöser der Diskussion war ein Zitat von Dolce und Gabbana, dass "synthetische Babys, gemietete Gebärmütter und Sperma aus dem Katalog" nichts für sie seien. Das hat den Protest von Elton John erregt. Dieser zieht dank künstlicher Befruchtung und Leihmutter mit seinem Mann David Furnish zwei Kinder groß. Was sich Dolce und Gabbana herausnehmen würden, seine wunderbaren Kinder als "synthetisch" zu bezeichnen, empörte er sich. "Eure archaische Denkweise ist ebenso veraltet wie eure Mode", rief er per Tweet zum Boykott auf. Das hat zu unerwarteten Folgen geführt. Mehrere Showgrößen wie Ricky Martin und Courtney Love, aber auch namhafte Sportler wie etwa Martina Navratilova gaben bekannt, ihre D-&-G-Kleider in den Müll werfen zu wollen. Schließlich hat auch Popstar Madonna das Duo kritisiert. Und das, obwohl die drei bereits seit 1990 befreundet sind.

Dolce und Gabbana sind daraufhin leiser getreten. Sie erklärten, sie hätten für sich gesprochen und ihre zum Teil sizilianischen Wurzeln sähen das traditionelle Familienbild vor. In Medien kam die berechtigte Frage auf, inwieweit das eine geschickte Marketingaktion sei. Dolce und Gabbana nutzen in ihren Anzeigen das klassische Familienbild und bilden darauf sizilianische Familien in drei Generationen ab. Außerdem schickten sie bei der jüngsten Mailänder Modeschau nicht nur ein hochschwangeres Model über den Catwalk. Sie trieben die Familienthematik ins Extreme, indem auch Kleinkinder und Mütter mit Babys über den Laufsteg flanierten. Medien hinterfragten danach, ob der Catwalk ein geeigneter Ort für Kleinkinder sei.

Die beiden Designer sind schwul und lebten vor ihrer Trennung vor ein paar Jahren in einer Partnerschaft miteinander. Im Gegensatz zu Elton John haben sie keine Kinder. Für Aufsehen haben D & G aber schon öfter gesorgt: mit Steuerskandalen, von denen sie aber freigesprochen wurden. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, 27.3.2015)

  • Vor einer Dolce-&-Gabbana-Filiale in London kam es wegen der umstrittenen  Aussage des Designerduos zu einer Kundgebung.
    foto: ap photo/tim ireland

    Vor einer Dolce-&-Gabbana-Filiale in London kam es wegen der umstrittenen Aussage des Designerduos zu einer Kundgebung.

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