Thomas Winkelmann, Germanwings-Chef und Krisenmanager

Kopf des Tages25. März 2015, 19:16
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Zivildiener, Kibbuz-Arbeiter, Airline-Chef

Lufthansa hat Germanwings erst relativ spät, 2002/ 2003, gegründet. Damit wollte die Lufthansa den Ryanairs und Co dieser Welt Paroli bieten. Thomas Winkelmann (56) stieß 2006 zur Germanwings und übernahm die Führung. Dafür gab er einen schönen Posten in New York auf: Acht Jahre lebte er in New York und Miami als Statthalter der Lufthansa für Nord- und Südamerika. Doch der Ruf des damaligen Lufthansa-Chefs Wolfgang Mayrhuber schien ihm verlockend.

Sein Faible für die USA führte ihn in jungen Jahren auf ein Schiff im Hafen von New York, wo er und seine Frau - sie hatten sich in Berlin kennengelernt - auf die Verfassung schworen und Amerikaner wurden, in zweiter Staatsbürgerschaft. Ein Ferienhaus in Florida hält ihn mit seiner anderen Heimat verbunden. Seine beiden Kinder gingen später in Berlin in die deutsch-amerikanische Schule.

Winkelmanns Vater arbeitete als Prokurist bei Aral, die Mutter war Krankenschwester. Eine unaufgeregte Familie mit fünf Kindern waren sie, allerdings auffallend politisch. Die Eltern hatten als Jugendliche weder beim Bund Deutscher Mädel noch bei der Hitlerjugend mitgemacht, schon wegen einer katholischen Grundskepsis gegenüber den Nazis. Darüber wurde gesprochen, und ein wenig dieses Widerstandsgeists ist offenbar auch auf den jungen Thomas übergegangen. Jedenfalls beeinflusste es seine Wahl, Zivildienst zu machen.

Später studierte er Linguistik und Alte Geschichte. In den Ferien unternahm er längere Auslandspraktika bei sozialen Projekten. Gleich der erste Dienst, als Bananenpflücker in einem israelischen Kibbuz, wurde zu einer Art Erweckungserlebnis. Er war fasziniert von der Vielfalt der Kulturen in dem kleinen Land. Er sah, wie viel Lebensfreude die Menschen trotz ständiger Bedrohung entwickeln.

Aufgewachsen in Hagen im Ruhrgebiet, gilt Winkelmann als Alleinkämpfer. Doch seine lockere Art kommt nicht überall gut an. Ein Geschäftspartner nannte es die amerikanische Cowboymentalität: laut, locker, leichtfüßig.

Unabhängig vom Absturz der Germanwings-Maschine dürften die Tage der Airline gezählt sein: Weil diese längst nicht mehr bei den Kosten mit Ryanair oder Easyjet mithalten kann, soll sie in den nächsten Jahren abgewickelt werden. Die Marke wird nach und nach verschwinden. Die neue Billigmarke gibt es bereits im Lufthansa-Konzern: Eurowings. (Claudia Ruff, DER STANDARD, 26.3.2015)

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