Jemens Präsident geflohen - Saudi-Arabien zieht Truppen zusammen

25. März 2015, 14:39
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Verteidigungsminister angeblich von Huthi-Rebellen verhaftet - Arabische Liga berät über Militärintervention - Luftangriff auf Präsidentenpalast

New York/Sanaa - Die Huthi-Rebellen im Jemen haben am Mittwoch den wichtigsten Militärstützpunkt im Süden des Landes eingenommen und rücken auf die noch 40 Kilometer entfernte Hafenstadt Aden vor, wo sich Präsident Abd Rabbo Mansour Hadi bis vor kurzem aufgehalten hat. Hadi soll wegen des Vormarschs mittlerweile das Land verlassen haben, wie es aus seiner Garde hieß. Laut anderen Quellen ist er nach wie vor in Aden und will den Jemen auch nicht verlassen. Jedenfalls hat er sich vor den Rebellen in Sicherheit gebracht.

Die Rebellen haben nach eigenen Angaben den Verteidigungsminister des Landes in ihrer Gewalt. Mahmoud al-Subaihi sei in der Stadt Houta (Huta) gefasst worden, teilte der Sprecher der schiitischen Rebellen, Mohammed Abdulsalam, im Fernsehsender der Miliz mit.

Raketen auf Präsidentenpalast

Auf den Präsidentenpalast Hadis in der Stadt Aden ist am Mittwoch ein Luftangriff geflogen worden. Ein Kampfflugzeug habe "drei Raketen" auf den Präsidentensitz gefeuert, die Luftabwehr habe eingegriffen, verlautete aus jemenitischen Sicherheitskreisen. Über dem Gebiet seien Rauchschwaden zu sehen, sagten Augenzeugen.

Die Arabische Liga befasst sich am morgigen Donnerstag auf Ministerebene mit einer möglichen Militärintervention im Jemen. Das sagte der Vize-Generalsekretär der Staatenorganisation am Mittwoch in Kairo. Der jemenitische Außenminister habe die arabischen Staaten angerufen, seinem Land zu helfen, den Vormarsch der schiitischen Houthi-Miliz zu stoppen.

UN-Intervention gefordert

Hadi hatte zuvor den UN-Sicherheitsrat aufgefordert, dringend gegen den Vormarsch der Huthi-Rebellen zu intervenieren. Unterdessen zieht Saudi-Arabien US-Regierungskreisen zufolge schweres Militärgerät an der Grenze zum Jemen zusammen. Der Aufmarsch könne sowohl Angriffs- als auch Verteidigungszielen dienen, hieß es. Denkbar sei, dass die saudischen Streitkräfte Luftangriffe zur Unterstützung Hadis vorbereiten.

Hadi wird von Saudi-Arabien und anderen sunnitischen Monarchien der Region unterstützt, die Huthi-Miliz vom schiitischen Iran. Hadi appellierte an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, einer Militärintervention gegen die Huthi-Miliz zuzustimmen. In einem Brief erklärte er, die Rebellen gefährdeten die Sicherheit des Landes und der Region, wie die Zeitung "Yemen Observer" am Dienstag berichtete. Hadi verlangte vom UN-Sicherheitsrat die Einrichtung einer Flugverbotszone in einigen Landesteilen, die die Rebellen kontrollierten. Er habe die Staaten der Arabischen Liga und des Golfkooperationsrats gebeten, dem Jemen auch militärisch zu helfen.

Hadi hatte Ende Februar in der Hafenstadt Aden Zuflucht vor den Rebellen gesucht. Die Huthis wollen mehr politische Rechte erpressen und beherrschen seit Monaten große Teile des Nordjemen sowie die Hauptstadt Sanaa.

Neue Hauptstadt ausgerufen

In der erst kürzlich eroberten Stadt Tais, rund 130 Kilometer nördlich von Aden gelegen, schlugen die Huthis Demonstrationen blutig nieder. Nach Angaben lokaler Sicherheitsbeamter wurden acht Demonstranten von den Rebellen getötet. Mit scharfer Munition und Tränengas hätten sie den Protestmarsch aufgelöst.

Sie hatten Hadi und Teile der Regierung über Wochen in Sanaa festgesetzt. Von Aden aus versucht Hadi nun, die Macht im Land wiederzuerlangen. Am Wochenende hatte er Aden zur neuen Hauptstadt ausgerufen. Gleichzeitig waren die Huthis in Tais eingerückt, am Dienstag eroberten sie mit der Provinz Dali einen zweiten Zugang zum Süden, nur rund 100 Kilometer vor Aden. Die Region gilt als strategisch wichtig für den Vormarsch auf Aden.

Nach Angaben lokaler Quellen haben die Rebellen Dali mit Hilfe von Getreuen des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh eingenommen. Saleh war Anfang 2012 nach Protesten zurückgetreten. Die UNO beschuldigt den ehemaligen Langzeitherrscher, den Konflikt mit den Huthis künstlich geschürt zu haben.

Die UN versuchen nach Angaben jemenitischer Politiker, in der katarischen Hauptstadt Doha Gespräche zwischen den Konfliktparteien zu starten. Entsprechende Pläne habe der UN-Gesandte für den Jemen, Jamal Benomar, vorgestellt, sagten jemenitische Politiker der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. (APA, Reuters, dpa, 25.3.2015)


Hintergrund - Die Akteure im Machtkampf

Seit September 2014 wird Jemens Hauptstadt Sanaa von schiitischen Houthi-Rebellen dominiert, Regierung und Militär bleiben machtlos. Längst nutzen Jihadisten die Machtlücke. Ein Überblick:

Die Huthis sind ein schiitischer Volksstamm aus dem Nordjemen. Früher unterdrückt, etablierten sie sich mit Beginn des Arabischen Aufstands ab 2011 als politische Kraft. Im vergangenen September eroberten rund 30.000 Huthis die Hauptstadt Sanaa. Vor einigen Wochen setzten sie Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und die Regierung ab.

Hadi flüchtete im vergangenen Februar in die südjemenitische Stadt Aden, von wo aus er versucht weiterzuregieren. Der von den USA unterstützte Staatschef will einen Föderalstaat errichten - scheiterte aber an der Stärke der Huthis.

Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh war über 30 Jahre Herrscher im Jemen. Nach Protesten musste er Anfang 2012 zurücktreten. Die USA werfen ihm vor, das Chaos geschürt zu haben. Die UNO hat Sanktionen gegen ihn verhängt. Medien berichteten über Absprachen Salehs mit den Houthis.

Saudi-Arabien gewährte Saleh nach dessen Rücktritt Unterschlupf. Der reiche Golfstaat hat ein großes Interesse daran, den bettelarmen Jemen unter sunnitischer Kontrolle zu halten.

Der Iran versucht hingegen als Rivale Saudi-Arabiens, via Sanaa einen Fuß auf die arabische Halbinsel zu bekommen. Das schiitische Land gilt als Verbündeter der Houthi-Rebellen.

Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) ist der mächtigste Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerkes. Die sunnitischen Extremisten, die sich unter anderem zum Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" bekannten, galten bisher als heimliche Gewinner im Machtpoker um den Jemen.

In den vergangenen Monaten bekannten sich Extremisten und bisherige Al-Kaida-Anhänger zu der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die große Teile des Iraks und Syriens kontrolliert. Trotz einer sehr ähnlichen Ideologie ist der IS mit Al-Kaida verfeindet. (APA, 25.3.2015)

  • Huthi-Rebellen patroullieren.
    foto: reuters/abdullah

    Huthi-Rebellen patroullieren.

  • Die Hafenstadt Aden, in der sich Präsident Hadi bis zuletzt aufhielt.
    foto: ap/hassan

    Die Hafenstadt Aden, in der sich Präsident Hadi bis zuletzt aufhielt.

  • Präsident Hadi bei einer Pressekonferenz am 3. März.
    foto: reuters/stringer

    Präsident Hadi bei einer Pressekonferenz am 3. März.

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