"Aus einem nahen Land": Odyssee im Weinbauernland

25. März 2015, 05:30
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Manfred Neuwirths Dokumentarfilm formt aus ländlichen Aufnahmen in Kritzendorf ein kontemplatives Bildermosaik, in dem das Bekannte mit einem Mal fremd erscheint

Wien - Kritzendorf hat für Wienerinnen und Wiener vor allem im Sommer Saison, wenn das Strombad an der Donau zum beliebten Ausflugsziel und Al-fresco-Tummelplatz für Bobos und ganzkörpergebräunte Pensionisten wird. Von denen fehlt in Manfred Neuwirths Dokumentarfilm Aus einem nahen Land, der sich in ebendieser Gemeinde umschaut, allerdings jede Spur. Dafür sieht man Schafe, Weinbauern, Freiluftmessen oder auch nur gestapelte Holzscheite. Das Nahe - im Titel klingt es schon an - wird in dieser stark aufs Audiovisuelle ausgerichteten Arbeit so gezeigt, als hätte man es in der Ferne aufgenommen.

Verführung des Auges

Natürlich liegt genau darin die Ironie des Films. Neuwirth, ein passionierter Reisender, hat schon viel exotischere Plätze behandelt. Mit Aus einem nahen Land, für den er bei der Diagonale gerade mit einem Kamera- und einem Sounddesign-Preis ausgezeichnet wurde, demonstriert er nun, wie die Perspektive das Auge zu lenken, zu verführen vermag. Schon die erste Einstellung, die Schafe zeigt, die im Schatten eines Baums Zuflucht suchen, könnte auch in einem südlichen Nachbarland gefilmt worden sein.

Neuwirth folgt nur einer losen inhaltlichen Chronologie. Sein Nachbar, eine Weinbauernfamilie, die auch einen Heurigen betreibt, gibt dem Film einen Angelpunkt. Die Männer sind mehrmals bei der Arbeit an den Weinreben zu sehen, später auch beim Abfüllen der Flaschen, aber die Tätigkeit interessiert vor allem deshalb, weil sie eben auch zu dieser Kultur und Landschaft gehört.

Die Kamera vollzieht in jeder der 24 dreiminütigen Einstellungen die gleiche horizontale Bewegung - fast auf Bodenhöhe nach links und wieder retour. Das wirkt so, als würde der Ausschnitt wie durch einen Scan vermessen. Es stattet das Bild mit einer variablen Tiefenschärfe aus, die den Raum wie einen Fächer öffnet. Neuwirths Auswahl ist manchmal auf Objekte ausgerichtet; da wird ein Anhänger voller Heuballen vom Traktor geholt oder ein Spanferkel mit schaukelnder Haxe mechanisch gegrillt.

Dann ist es wieder das Geräusch eines Hubschraubers, das einen Wanderweg plötzlich durchschneidet. Oder ein Blick in die Baumkronen, wie aus einem Film von Terrence Malick - eines der Bilder, zu dem auch Musik von Christian Fennesz zu hören ist. Aus einem nahen Land ruft auch deshalb reiche Assoziationen hervor, weil das Allgemeine und das Besondere nebeneinanderstehen. Ein Stück Science-Fiction aus dem Umkreis von Wien. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 25.3.2015)

Ab 27.3.

  • Alles eine Frage der Perspektive: Manfred Neuwirths "Aus einem nahen Land" lässt selbst einen Heurigen in neuem Licht erscheinen.
    foto: loop media

    Alles eine Frage der Perspektive: Manfred Neuwirths "Aus einem nahen Land" lässt selbst einen Heurigen in neuem Licht erscheinen.

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