Arbeiten voller Anführungszeichen

28. März 2015, 18:00
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Die Historikerin Michaela Raggam-Blesch untersucht jüdisches Leben und Überleben

Heute steht der Ort für Andacht und die letzte Ruhe. Zwischen 1942 und 1945 hallte dort das Geschrei spielender Kinder zwischen den Grabsteinen – der neue jüdische Friedhof am Wiener Zentralfriedhof sicherte mit Gemüseanbau die Versorgung der jüdischen Gemeinde und bot jüdischen Kindern aus dem Kinderheim den einzigen Ausflugsort im Grünen, nachdem sie aus allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen waren.

In ihrem Projekt "Topographie der Shoah" steckt die Historikerin Michaela Raggam-Blesch wichtige Punkte des jüdischen Alltagslebens in der NS-Zeit auf der Wiener Landkarte ab. Nicht die Orte des Grauens stehen im Zentrum, sondern Plätze, die ein Leben und Überleben ermöglichten.

"Meine Arbeiten sind voller Anführungszeichen", sagt Raggam-Blesch. In ihrer Arbeit steht die kühle Berichtssprache der NS-Behörden den Gesprächen mit Überlebenden gegenüber. Zwischen Einzelschicksal und den Mustern der Verfolgung sucht sie für das Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien Unentdecktes und Vergessenes.

Im Rahmen eines Habilitationsstipendiums der ÖAW beschäftigt sie sich mit der Gruppe, die das NS-Regime als Halbjuden definierte. Lange Zeit fanden sie in den Opferverbänden keinen Platz, und auch ihre Selbstwahrnehmung als jene, denen nichts passiert sei, wertete die Geschehnisse der Vergangenheit ab. Das Hitlerregime kam mit dem Phänomen der Mischehen nicht zurande, was sich im NS-Jargon in der Abgrenzung von sogenannten "Geltungsjuden" und "Mischlingen" zeigte.

Je nach Konfession und Geburtsdatum galten verschiedene Regeln für Kinder eines jüdischen und eines nichtjüdischen Elternteils. Letztlich griffen die Behörden in ihren Richtlinien auf die Religion zurück, nicht auf die Abstammung – ein Widerspruch zur Ideologie von "Blut und Boden".

Den Kindheitstraum, Detektivin zu werden, lebt Raggam-Blesch heute in den Archiven aus. Die Beschäftigung mit der Shoah begann im Studium eher zufällig, die Vergangenheit ihrer Familie legte aber den Grundstein für ihr Interesse: Auf mütterlicher Seite stand der Bruder des Großvaters, der als katholischer Priester dem Widerstand angehörte. Väterlicherseits gab es teilweise eine affirmative Haltung zum Nationalsozialismus. "Gewissermaßen ist das eine sehr österreichische Biografie", sagt die Historikerin.

In den Interviews mit Überlebenden sieht sie ein Privileg, das mit großer Verantwortung einhergeht. Die teilweise intimen Gespräche berühren Traumata, deshalb dürfen die Interviewten jederzeit Fragen unbeantwortet lassen. "Es sind sehr schöne Begegnungen. Und die Möglichkeit, mit Überlebenden zu sprechen, wird es nicht mehr lange geben. Leider habe ich nicht immer die Möglichkeit, so mit ihnen in Verbindung zu bleiben, wie mir das ein Anliegen wäre", sagt Raggam-Blesch.

Ihre Arbeit empfindet sie als sinnstiftend: In den Begegnungen mit den Opfern erfährt die persönliche Geschichte der Betroffenen erstmals Aufmerksamkeit. Andererseits hat es auch für die Gesellschaft einen Wert, Muster der Diskriminierung zu entdecken: "Die Interaktion zwischen Religionen und das Verständnis füreinander sind heute wichtiger denn je." (Marlis Stubenvoll, DER STANDARD, 25.3.2015)

  • Die Historikerin Michaela Raggam-Blesch  spürt der jüdischen Geschichte nach.
    foto: marianne weiss

    Die Historikerin Michaela Raggam-Blesch spürt der jüdischen Geschichte nach.

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