Aphasie: Damit die Worte wieder flüssig kommen

26. März 2015, 18:42
3 Postings

Sprachstörungen nach Schlaganfällen sind keine Seltenheit - In Wien gibt es eine Forschungsstelle für Langzeitstudien

Wien - Die Sprache zu verlieren wird häufig als ungewollte, plötzliche Isolation beschrieben. Eine Rückkehr ist auch für nicht betroffene Menschen deutlich sichtbar mit großen Anstrengungen verbunden: Die Patienten haben meistens einen Schlaganfall erlitten. Bei Rechtshändern ist die linke Gehirnhälfte durch die schwerwiegende Schädigung betroffen. Hier liegt aber das Sprachzentrum. Und seine Störung, im Fachjargon Aphasie genannt, ist von Patient zu Patient unterschiedlich ausgeprägt.

"Je nach Größe und Ort der Läsion, nach Bildungsgrad und sozioökonomischem Umfeld gestaltet sich die Aphasie anders, erzählt die gebürtige Amerikanerin Jacqueline Stark von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die sich seit mehr als vierzig Jahren mit Forschungen zum Thema beschäftigt, derzeit in Form des neuropsycholinguistischen Programms. In ihrem Büro mit einer kleinen Küchenzeile und selbstgenähten Vorhängen in Wien-Landstraße sitzt die Neurolinguistin mittlerweile allein. Eine Mitarbeiterin ging 2013 in Pension. Der Posten wurde nicht nachbesetzt. Stark selbst wird in zwei Jahren in den Ruhestand treten. Was danach mit dieser Grundlagenforschung passiert, ist derzeit noch völlig ungewiss. "Das macht mir Sorgen, denn es wäre wichtig, diese Forschungen fortzuführen", sagt sie.

Menschlicher Faktor

Angefangen hat ihr Interesse mit einem offenbar beeindruckenden Vortrag des Neurologen Karl Gloning über Aphasie im Jahre 1972. Stark hat danach bei ihm alles zum Thema gelernt und auch mit ihm in der damaligen Klinik gearbeitet. Heute beschreibt sie den beim Bergsteigen verunglückten Arzt als einen menschlichen und genialen Lehrer, der Aphasikern weit über das gewöhnliche berufliche Engagement hinaus zur Seite stand und häufig beim Wiedereinstieg ins Berufsleben half.

Stark scheint einen ähnlichen leidenschaftlichen Zugang zu haben. Ihre Hilfsbereitschaft für Aphasiker führte zur Gründung einer Selbsthilfegruppe im Jahr 1976, die es bis heute gibt. "Weil Betroffene, wenn sie allein sind, Hilfe brauchen, zum Beispiel bei Behördenwegen", erklärt sie, die offenbar nie daran denkt, ihren Job im Büro zu lassen.

Im Zentrum stehen trotzdem die Forschung und das Sammeln von Daten für Vergleichsstudien: Stark testet die Aphasiker und klärt die intakten Sprachfunktionen und -defizite ab. Sie bestimmt auch die Aphasieart. Aphasiker können Wortfindungsstörungen genauso wie Probleme mit der Satzproduktion haben. Einige Betroffene zeigen eine Beeinträchtigung des Sprachverständnisses, des Lesens und des Schreibens bis zur ausschließlichen Wiederholung einzelner sprachlicher Einheiten. Der französische Neurologe Paul Broca berichtete einst von einem Mann, der stets "tan-tan" sagte, wenn er reden wollte. Manche Aphasiker haben auch Probleme mit der Struktur der Wörter, wodurch es zu phonologischen Paraphasien kommt. Sie sagen dann zum Beispiel statt "Banane" die Wortform "Bansane". Oder sie neigen zu semantischen Paraphasien und reagieren auf Wortstimuli wie "Gabel" mit "Messer" oder auf "Tisch" mit "Stuhl".

Schwierige Testsituation

Nach einer Testung aller sprachlichen Fähigkeiten beginnt die Forschung mit einem neurolinguistischen Sprachtherapieprogramm; das heißt, die Aphasiker erhalten ein Sprachtraining, bei dem die Produktion von Sätzen, Texten und Dialogen sowie das Lesen und Schreiben im Vordergrund stehen. Die Aphasiker sollen davon profitieren, gleichzeitig werden Daten über die Prozesse der Wiedererlangung der Sprache erhoben. "In der Testsituation sind die Betroffenen natürlich nervös." Während des Trainings können sie sich ganz auf sich selbst und ihr Ziel konzentrieren. Diese Programme ermöglichen die Langzeitdokumentation der Rückbildung sprachlicher Fähigkeiten nach der Schädigung.

In Österreich erleiden Schätzungen zufolge bis zu 32.000 Personen jährlich einen Schlaganfall. Etwa vierzig Prozent kämpfen danach mit einer Sprachstörung. Betroffen sind nicht nur Erwachsene, auch Kinder können einen Schlaganfall erleiden. Stark erzählt von einem 12-jährigen Mädchen, das kurz vor der Aufnahmeprüfung für die Ballettschule einen Schlaganfall erlitten hat. Die Sprachstörung kann aber auch bei Gehirntumoren, Hirnblutungen oder Gehirnhautentzündung aufgrund eines nicht behandelten Zeckenbisses auftreten.

Stark hat neben ihrer Forschungstätigkeit übrigens einen Bilderkasten für das Sprachtraining auf allen linguistischen Ebenen entwickelt. Eine Online-Variante steht kurz vor der Fertigstellung. Es ist anzunehmen, dass sie sich auch nach ihrer Pensionierung mit ihrem Leitthema weiter beschäftigt. Wenn sie von ihren Klienten erzählt, dann schwingt ein Gefühl von familiärer Nähe mit. Und ab und zu zeigt sie sich auch stolz, dass viele Aphasiker es geschafft haben, ihre Sprachstörung loszuwerden. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 25.3.2015)

  • Die in den USA geborene Neurolinguistin Jacqueline Stark beschäftigt  sich seit mehr als 40 Jahren mit Aphasien, erworbenen Sprachstörungen.
    foto: standard/corn

    Die in den USA geborene Neurolinguistin Jacqueline Stark beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit Aphasien, erworbenen Sprachstörungen.

  • In ihren Forschungen wendet sie Therapien an - so können die Betroffenen davon profitieren, und gleichzeitig werden relevante Daten für Studien erhoben.
    foto: picturedesk.com

    In ihren Forschungen wendet sie Therapien an - so können die Betroffenen davon profitieren, und gleichzeitig werden relevante Daten für Studien erhoben.

Share if you care.