Psychotherapie: Bildschirm statt Couch

24. März 2015, 13:32
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Psychotherapien via Internet eröffnen zwar neue Möglichkeiten, können aber die herkömmliche Therapien nicht ersetzen, ist Anette Kersting vom Universitätsklinikum Leipzig überzeugt

Leipzig - Die nicht mehr ganz so neuen "Neuen Medien" eröffnen der Psychotherapie bei der Behandlung bestimmter Erkrankungen ungewohnte Wege. So kann eine Therapie per Bildschirm, E-Mail oder unterstützender App Vorteile gegenüber der klassischen Couch bieten - etwa indem sie die Hemmschwelle senkt , lange Wartezeiten für Patienten überbrücken kann und ortsunabhängig ist.

Allerdings sind Internettherapien nicht für jedermann und für alle psychischen Krankheiten geeignet, vor allem nicht bei komplexen Fällen. "Die Internetangebote können die herkömmlichen Therapien nicht komplett ersetzen", sagt Anette Kersting vom Universitätsklinikum Leipzig. Sie seien aber "eine Ergänzung" zur klassischen Behandlung, bei der sich Therapeut und Patient gegenüber sitzen.

Das Uniklinikum hat bereits zwei Forschungsprojekte zu Internettherapien abgeschlossen - für Frauen, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben, und für Patienten mit Binge-Eating-Störung, die unter immer wiederkehrenden Essanfällen leiden. Die Betroffenen erhielten über einen längeren Zeitraum Schreibaufgaben; die Kommunikation mit dem Psychotherapeuten erfolgte auf einer geschützten Plattform.

Bei schweren Depressionen ungeeignet

"Solche Therapien wirken ähnlich gut wie vergleichbare ambulante Behandlungen", meint Kersting. Das bestätigte auch eine Studie von Forschern aus Leipzig und Zürich. Zudem erleichtern sie vielen Betroffenen die Hilfesuche, weil die Anonymität gewahrt bleibt.

"Kein Mensch sieht den Patienten in die Praxis eines Psychotherapeuten gehen", sagt Kersting. Die Psychosomatikerin verweist aber auch auf die Grenzen der Fernbehandlung. Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, schweren Depressionen oder auch Suizidgefährdete könnten damit nicht ausreichend betreut werden.

Therapeut auf dem Bildschirm

In Leipzig starten jetzt zwei neue Internettherapien, unter anderem für Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Auch an anderen deutschen Unikliniken gab oder gibt es solche innovativen Projekte, etwa Internet-Trainingsprogramme bei quälenden Ohrgeräuschen, dem sogenannten Tinnitus, oder bei mittleren Depressionen. Am Uniklinikum Dresden erhalten Magersucht-Patienten ein Smartphone mit einer speziellen App, um Symptome besser erfassen und rechtzeitig auf seelische und körperliche Veränderungen reagieren zu können.

Das Uniklinikum Tübingen setzt bei der Behandlung von Magersüchtigen auf videobasierte Behandlungen, bei der ein Therapeut dem Patienten am Bildschirm gegenüber sitzt. "Das ist ein wichtiger Baustein, um die Kontinuität bei der Nachsorge von Magersüchtigen zu gewährleisten", sagt der Tübinger Experte Stephan Zipfel. Er ist Präsident des am Mittwoch beginnenden Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der sich auch mit Internettherapien befasst.

Klare Qualitätsstandards gefordert

Im Internet finden Patienten mittlerweile auch zahlreiche Selbsthilfeangebote, die ähnlich wie ein Ratgeberbuch aufgebaut sind, aber auch Übungen anbieten und bei Bedarf die Rückmeldung von Experten. Dazu zählen zum Beispiel deprexis.de und novego.de, die Hilfe bei leichten bis mittelschweren Depressionen, Burn-out oder Phobien versprechen. Einige Kassen kooperieren mit solchen Anbietern, in der Regel müssen die Betroffenen dafür aber selbst zahlen.

Um einen Wildwuchs von Psychotherapie-Angeboten im Internet zu verhindern, fordert die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) klare Qualitätsstandards. "So sehr wir in der Psychotherapie neue und moderne Handlungsmöglichkeiten integrieren möchten, so dringend brauchen wir Regeln für die einzuhaltenden Standards", mahnt die Bundesvorsitzende Barbara Lubisch im vergangenen Jahr auf einem Symposium. In anderen Ländern wie Schweden und den Niederlanden ist die onlinegestützte Therapie bereits Teil des regulären Versorgungssystems. (APA, derStandard.at, 24.3.2015)

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