Airbus-Absturz in Südfrankreich: 150 Tote - Bergungsarbeiten fortgesetzt - Staatsanwalt ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

25. März 2015, 07:07
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  • Airbus A320 von Germanwings zerschellte in den Westalpen
  • 144 Passagiere und sechs Crewmitglieder tot
  • Flug 4U9525 war von Barcelona nach Düsseldorf unterwegs
  • Letztes Radarsignal um 10.41 Uhr, kein Notruf abgegeben
  • Ein Flugschreiber gefunden, Absturzgrund noch unklar
  • Flugzeug hatte am Vortag Probleme
  • Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung

Paris/Berlin/Wien – Nach dem Absturz eines Airbus A320 der deutschen Fluggesellschaft Germanwings in Südfrankreich, bei dem alle 150 Menschen an Bord gestorben sind, wurden die Bergungsarbeiten am Mittwoch in den frühen Morgenstunden wieder aufgenommen. Ohne Schnee, Regen oder stärkeren Wind waren die Witterungsbedingungen nach Berichten französischer Medien für die Rettungskräfte und Hubschrauber besser als zunächst befürchtet.

Rund 700 Einsatzkräfte

Zentraler Ausgangspunkt in die schwer zugängliche Absturzregion ist Seyne-les-Alpes. Von dem Ort mit rund 1.200 Einwohnern sollten die mehr als 300 Polizisten und 380 Feuerwehrleute operieren. In der Nacht waren die Bergungsarbeiten an der schwer zugänglichen Unglücksstelle unterbrochen worden waren.

Die Maschine ist aus noch unbekannter Ursache abgestürzt. "Wir müssen leider bestätigen, dass Flug 4U9525 auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf über den französischen Alpen verunglückt ist", schrieb Germanwings am Dienstagnachmittag auf seiner Website.

144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder, davon zwei Piloten und vier Flugbegleiter, waren demnach an Bord. In ersten Meldungen war von 142 Passagieren ausgegangen worden. Der französische Verkehrsstaatssekretär Alain Vidalies sagte laut französischen Medien am frühen Nachmittag, was später auch die Polizei Frankreichs bestätigen sollte: "Es gibt keine Überlebenden."

Kurz vor dem Absturz des Airbus konnte die Flugüberwachung nach Behördenangaben keinen Funkkontakt mehr zur Unglücksmaschine herstellen. Mitarbeiter hätten vergeblich versucht, die Besatzung zu kontaktieren, sagte der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, dem Fernsehsender BFM TV. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung aufgenommen. Die Ermittler wollen nun acht Zeugen vernehmen.

foto: ap photo / bfmtv
Ein Helikopter und ein Mitglied eines Bergungsteams zwischen den Trümmern.

Kinder und Jugendliche an Bord

Bei einer Pressekonferenz um 15 Uhr in Köln sagte Germanwings-Chef Thomas Winkelmann, dass sich auch zwei Säuglinge in dem Flugzeug befanden. Die Schulministerin des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, gab bekannt, dass 16 Schüler und zwei Lehrer des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See an Bord der Maschine waren. Germanwings ging von insgesamt 67 deutschen Staatsbürgern unter den Opfern aus.

45 Passagiere trugen spanische Namen, verlautete die Regierung in Madrid. Unter den Passagieren waren auch Personen aus Großbritannien, Dänemark, Australien, Israel, Mexiko, Kolumbien, Japan und Argentinien.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, kam demnach laut dänischem Außenministerium auch ein dänischer Staatsbürger ums Leben. Laut Angaben aus Bogotá starben auch ein Mann und eine Frau aus Kolumbien. Und auch zwei Argentinier seien in der verunglückten Maschine gereist, erklärte ein Diplomat der argentinischen Botschaft in Paris.

Zwei weitere Opfer stammen vermutlich aus Mexiko. Nach Angaben der australischen Außenministerin Julie Bishop waren auch eine Frau und ihr erwachsener Sohn aus dem Bundesstaat Victoria in der Absturzmaschine. Ein 39-jähriger israelischer Geschäftsmann, der in den vergangenen Jahren in Barcelona gelebt hat, soll nach israelischen Medienberichten ebenfalls unter den Toten sein.

Laut dem Außenministerium in Wien, das mit den Krisenstäben in Frankreich und Deutschland in Kontakt steht, gibt es keine Hinweis auf Österreicher unter den Opfern.

Absturzort nordwestlich von Nizza

Der Absturzort liegt zwischen Barcelonnette und Digne-les-Bains im Departement Alpes-de-Haute-Provence, nahe dem Dorf Prads-Haute-Bléone und rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza. Laut Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve seien im Gebirgsmassiv noch am Dienstagnachmittag kleinere Wrackteile gesichtet worden.

Am Nachmittag begaben sich erste Bergungsteams zum Absturzort und sicherten das Gebiet für den Einsatz. Das rund 1 Hektar große Absturzgebiet ist für Fahrzeuge nicht erreichbar, auch Hubschrauber können nicht landen, gab der Einsatzleiter am Abend bekannt. Die Bergung der Leichen könne daher laut Behörden tagelang dauern.

Ein erstes Video der Unglücksstelle von FranceTVinfo/France 2.

Der Regionalabgeordnete Christophe Castaner twitterte, er habe mit Cazeneuve die Absturzstelle überflogen und "ein vollkommen zerstörtes Flugzeug" gesehen. Eric Sapet von einem Einsatzteam aus Cannes schrieb: "Alles ist pulverisiert. Man kann nicht zwischen Flugzeugteilen und Leichen unterscheiden."

Der Verlauf des Bergungseinsatzes ist nicht vorhersehbar, da am Dienstagabend neben der die Arbeiten erschwerenden Dunkelheit auch Schlechtwetter mit Regen oder Schnee prognostiziert wurde.

Flugschreiber gefunden

Gegen 17.45 Uhr gab Cazeneuve an, dass einer der beiden Flugschreiber des Airbus gefunden wurde. Die Blackbox-Daten, die zentral für der Ergründung der Unfallursache sind, sollen umgehend analysiert werden.

Die deutsche Bundeswehr bereitet derzeit Transportflugzeuge vom Typ C-160 vor, um die sterblichen Überreste zurückzuführen. Beamten des Bundeskriminalamts in Wiesbaden sollen bei der Identifizierung vor Ort helfen. Die für Massenunfälle zuständige Abteilung der Staatsanwaltschaft in Marseille wird den Absturz untersuchen, teilte das Justizministerium in Paris mit.

foto: epa/sebastien nogier

Zur Absturzursache sei nichts bekannt, auch die französischen Kollegen hatten zunächst nichts mitgeteilt, sagte ein Sprecher der deutschen Flugsicherung. Das Wetter sei gut und die Flugbedingungen optimal gewesen, schrieb "Le Monde" unter Berufung auf französische Wetterdienste.

Der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr rechnet mit raschen Erkenntnissen über die Ursache des Absturzes. Er sei sehr froh, dass der erste Flugschreiber schon gefunden wurde, sagte er in der ARD-"Tagesthemen" am Dienstagabend.

"Ich gehe davon aus, dass wir sicherlich relativ schnell erste Informationen bekommen werden, was die Absturzursache wahrscheinlich war. Die detaillierte Auswertung wird dann länger dauern", erklärte der Lufthansa-Chef.

Probleme an der "Nose Landing Door"

Am Abend hat Lufthansa einen Bericht von "Spiegel online" bestätigt, wonach einige Germanwings-Crews am Dienstag ihren Dienst nicht angetreten haben. Hintergrund für "die Weigerung etlicher Piloten", ihren Dienst aufzunehmen, ist nach Darstellung von "Spiegel online" offenbar, dass die Unglücksmaschine am Montag wegen technischer Probleme den ganzen Tag in Düsseldorf am Boden gestanden habe.

Es habe ein Problem an der "Nose Landing Door" gegeben, bestätigte die Lufthansa-Sprecherin der dpa. Die "Nose Landing Door" ist "Spiegel online" zufolge eine Klappe, die sich am Rumpf öffnet und schließt, wenn das Bugrad aus- und eingefahren wird. "Dieses Problem ist aber behoben worden", sagte die Lufthansa-Sprecherin. Die Crews, die am Dienstag nicht fliegen wollten, hätten ausschließlich persönliche Gründe genannt. Die Sorge, dass etwas nicht in Ordnung sei, habe niemand genannt.

Verspäteter Abflug

Flug 4U9525 hätte planmäßig um 9.30 Uhr in Barcelona-El Prat starten und um 11.55 Uhr in Düsseldorf landen sollen. Der Abflug verzögerte sich aus noch unbekannten Gründen auf 10.01 Uhr.

Laut flightradar24.com sendete die Maschine das letzte Signal um 10.41 Uhr in einer Höhe von 6.800 Fuß (2.070 Meter). Neun Minuten zuvor hatte demnach der Sinkflug von der Reisehöhe (38.000 Fuß oder etwa 11.600 Meter) begonnen. Warum die Maschine bei nahezu konstantem Tempo um durchschnittlich rund 900 Meter pro Minute sank, ist noch unklar.

abbildung: flightradard24.com
Messdaten laut flightradar24.com: Die blaue Linie zeigt die Flughöhe, die Rote die Fluggeschwindigkeit.

Die Angaben von Germanwings weichen etwas davon ab. Laut der Fluglinie ging die Maschine nach nur einer Minute in Reisehöhe um etwa 10.45 Uhr in den Sinkflug, um 10.56 Uhr brach der Radarkontakt zur französischen Luftsicherung ab. Zu diesem Zeitpunkt habe sich der Jet auf 1.800 Metern Höhe befunden.

Der Pilot Markus Wahl, Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit, erklärte: "Wir wollen uns im Moment nicht an Spekulationen beteiligen, da wir derzeit keine weiteren technischen Informationen haben. Aber es war kein Absturz, bei dem das Flugzeug wie ein Stein vom Himmel fällt. Nach allem, was wir wissen, war es ein kontrollierter Gleitflug, wenn man sich die Sinkdaten der Maschine ansieht."

Kein Mayday laut DGAC

Widersprüche gab es um einen vermeintlichen Funkspruch aus dem Cockpit kurz vor dem Absturz. Laut der französischen Luftfahrtbehörde DGAC habe es allerdings keinen Notruf gegeben. Vielmehr habe ein Fluglotse um 10.47 Uhr die Alarmmeldung ausgelöst, nachdem das Flugzeug an Höhe verloren hatte und die Besatzung nicht auf Funkanfragen reagierte.

Seit 2014 wieder in Germanwings-Dienst

Die abgestürzte Maschine mit der Kennung D-AIPX wurde laut airfleets.net 1990 hergestellt und hob am 29. November desselben Jahres zum Jungfernflug ab. Am 6. Februar 1991 wurde sie an die Lufthansa ausgeliefert. Von Juni 2003 bis Juli 2004 stand sie im Dienst deren Tochtergesellschaft Germanwings, wurde dann aber erneut zehn Jahre lang von der Lufthansa betrieben. Ende Jänner 2014 ging das mit 174 Sitzplätzen ausgestattete Flugzeug wieder an Germanwings.

Insgesamt wurden auf dem Airbus fast 58.300 Flugstunden auf rund 46.700 Flügen absolviert. Der Pilot, der sich während des Absturzes im Cockpit befand, war seit zehn Jahren für Lufthansa und Germanwings tätig und hatte laut Winkelmann 6.000 Flugstunden Erfahrung auf dem Modell A320.

Letzter Routinecheck am Montag

Den letzten planmäßigen Routinecheck von D-AIPX führte die Lufthansa-Technik am 23. März 2015 durch, der letzte große "C-Check" fand wie vom Lufthansa-Regulatorium veranschlagt im Sommer 2013 statt. Hauptversicherer des Flugzeugs war zuletzt die Allianz-Versicherung.

Bei Austrian Airlines (AUA) bleibt der Flugzeug-Typ A320 weiterhin im Einsatz, hieß es aus der Zentrale der Lufthansa-Tochter auf APA-Anfrage.

Erster Absturz in Frankreich seit 15 Jahren

Es ist die erste Flugzeugkatastrophe in Frankreich seit dem Absturz einer Air-France-Concorde kurz nach ihrem Start in Paris am 25. Juli 2000. Damals starben 113 Menschen. Mehr über Flugzeugunglücke in Europa der vergangenen Jahre finden Sie in dieser Chronologie.

Lufthansa-Vorstandschef Spohr hat auf Twitter auf den Absturz der Maschine reagiert: "Wenn unsere Befürchtungen sich bewahrheiten, ist heute ein schwarzer Tag für die Lufthansa. Mein tiefstes Mitgefühl gilt den Familien und Freunden unserer Passagiere und Besatzungsmitglieder."

Lufthansa-Chef Spohr drückte auf Twitter sein Mitgefühl aus.

"Es ist ein tragischer und sehr trauriger Tag für Germanwings und für die gesamte Lufthansa-Familie", sagte Winkelmann bei der Pressekonferenz. Ein Team mit Angestellten des Konzerns sei auf dem Weg zur Absturzstelle, sagte Winkelmann.

Die Piloten der Lufthansa, die in den vergangenen Tagen mehrfach gestreikt hatten, wollen angesichts des Unfalls auf weitere Streikdrohungen verzichten, sagte der Sprecher der Vereinigung Cockpit, Jörg Handwerg, dem "Tagesspiegel".

Minister wollen Absturzort besuchen

Auch mehrere Minister und Spitzenpolitiker aus Deutschland, Frankreich und Spanien kündigten an, sich an die Unglücksstelle begeben zu wollen, so auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy. Frankreichs Präsident Hollande setzte sich mit Merkel und dem spanischen König Felipe VI. in Kontakt, der am Dienstag für einen Amtsbesuch in Paris weilte

Merkel sagte in einer Ansprache, "es ist ein Schock, der uns, die Franzosen und die Spanier in tiefe Trauer stürzt". Sie selbst will am Mittwoch den Absturzort besuchen. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "In diesen schweren Stunden sind unsere Gedanken bei all denjenigen, die darum fürchten müssen, dass ihre Angehörigen unter den Passagieren oder Besatzungsmitgliedern sind." Steinmeier war am Nachmittag an der Unglücksstelle: "Vor Ort zeigt sich ein Bild des Grauens", sagte er nach Überflug. Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck, derzeit in Peru, brach seine Südamerikareise wegen des Absturzes ab.

foto: apa/epa/rolf vennenbernd
Trauer herrscht am Gymnasium in Haltern am See: 16 Schüler und zwei Lehrer waren in der verunglückten Maschine.

Die Nationalversammlung in Paris gedachte der Opfer mit einer Schweigeminute. Die spanische Regierung kündigte eine offizielle dreitägige Trauerzeit an.

Beileidsbekundungen kamen unter anderem auch von EU-Ratspräsident Donald Tusk und Russlands Präsident Wladimir Putin. Das Weiße Haus in Washington teilte mit, "unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern, ihren Familien und ihnen nahestehenden Personen", und bot den Behörden in Deutschland, Frankreich und Spanien Hilfe an. (red, derStandard.at/Reuters/APA 24.3.2015)

Der Flughafen Düsseldorf hat eine Hotline unter der Rufnummer 0049 800 7766350 eingerichtet, an die sich die Angehörigen wenden können. Die Hotline von Germanwings ist unter 0049 800 11335577 zu erreichen. Die Bürgerservicehotline des österreichischen Außenministeriums ist unter 050 1150 4411 erreichbar. Die Websites von Germanwings sowie vom Flughafen Düsseldorf waren unmittelbar nach dem Absturz nicht abrufbar.

  • Rauch über der Absturzstelle. (Bestmögliche Auflösung)
    foto: reuters/french gendarmerie/handout

    Rauch über der Absturzstelle. (Bestmögliche Auflösung)

  • Medienvertreter auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Düsseldorfer Flughafen.
    foto: maja hitij/dpa

    Medienvertreter auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Düsseldorfer Flughafen.

  • Eine Luftaufnahme des Gebiets, in dem die Airbus-Maschine abstürzte.
    foto: epa/emilie chauvot / le dauphine libere

    Eine Luftaufnahme des Gebiets, in dem die Airbus-Maschine abstürzte.

  • Mitglieder des "Flughafen Care Team" am Düsseldorf Airport. Sie kontaktieren und betreuen Angehörige.
    foto: reuters/ina fassbender

    Mitglieder des "Flughafen Care Team" am Düsseldorf Airport. Sie kontaktieren und betreuen Angehörige.

  • Ein Hubschrauber der französischen Securite Civile auf dem Weg zur Absturzstelle.
    foto: reuters/jean-paul pelissier

    Ein Hubschrauber der französischen Securite Civile auf dem Weg zur Absturzstelle.

  • Frankreichs Präsident Hollande, Innenminister Valls, Spaniens König Felipe und Königin Letizia bei einer Krisenbesprechung im Kontrollzentrum des Pariser Innenministeriums.
    foto: reuters/philippe wojazer

    Frankreichs Präsident Hollande, Innenminister Valls, Spaniens König Felipe und Königin Letizia bei einer Krisenbesprechung im Kontrollzentrum des Pariser Innenministeriums.

  • Notdienste haben nahe Seyne-les-Alpes ein provisorisches Einsatzzentrum errichtet.
    foto: reuters/robert pratta

    Notdienste haben nahe Seyne-les-Alpes ein provisorisches Einsatzzentrum errichtet.

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