Feminismus-Debatte: Von Eislutschern und Eisbergen

Userkommentar25. März 2015, 13:01
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Natürlich dürfen Frauen wählen – weil sie sich damals nicht haben kleinschreiben lassen

Laut Georg Schildhammer (Kommentar der anderen, "Feminismus: Der Traum vom warmen Eislutscher") "belügt der österreichische Feminismus die Männer – und die Frauen. Er sollte der Wahrheit ins Auge blicken und diese offen aussprechen, auch wenn es ihn seine Existenzberechtigung kosten könnte."

Aha.

Schildhammer erwähnt das Wahlrecht für Frauen. Natürlich dürfen wir wählen. Weil sich die Frauen damals nicht haben kleinschreiben lassen. Wir dürfen auch Frauen wählen: von 183 Nationalratsabgeordneten sind 56 weiblich, 28,6 Prozent der Regierungsmitglieder auch. Nur 5,95 Prozent der österreichischen Gemeinden werden von Bürgermeisterinnen geführt.

Zu Ausbildung und Berufswahl: "Frauen ticken anders als Männer und fühlen sich in Berufen wohler, in denen es weniger um Technik, Macht und Geld als um zwischenmenschliche Kontakte, Sinn und Freude geht." War das wirklich ich, die gerade eine Wohnung saniert und umgebaut hat? Mit Akkubohrer und Stichsäge?

Gläserne Decke abgeschafft?

Und wenn es um Politik geht: ist es nicht ein böses Vorurteil, dass es unseren Angestellten – von uns gewählt und bezahlt, damit sie für uns arbeiten – in erster Linie um Macht und Geld geht? Müssen Politikerinnen und Politiker nicht vielmehr kommunikativ und sinnstiftend tätig sein, um zu unserer aller Freude eine Gesellschaft zu gestalten, in der sich alle wohl fühlen? Ja, Frauen sind, rein biologisch betrachtet wahrscheinlich auch, prädestiniert für die Politik. Wie gut, dass wir hier die gläserne Decke abgeschafft haben!

Wer denkt schon an Frauen

Frauen dürfen studieren und den Beruf wählen, den sie wollen und sich für oder gegen Kinder entscheiden. Aber wer denkt schon daran, dass viele Mütter in Teilzeit gehen müssen, weil es nicht genügend Kinderbetreuungsplätze – speziell auf dem Land – gibt? Weiß Schildhammer auch, dass die Gehälter in sogenannten Frauenberufen automatisch steigen, wenn sie von mehr Männern ergriffen werden?

Und – Hilfe! – sind die Feministinnen und Feministen gar alle heimliche Kommunistinnen und Kommunisten? Die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit ist so alt wie die Menschheit selbst und spielte wohl auch eine (untergeordnete) Rolle bei der Französischen Revolution.

Armut ist weiblich

Armut im Alter ist in Österreich ein Privileg, das überwiegend Frauen vorbehalten ist. Wie gut, dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleichgestellt sind! "Dass sie dies (weniger Forderungen) mit ökonomischer Abhängigkeit von Männern erkaufen, nehmen sie bewusst und freiwillig hin", meint Schildhammer. Und: "Frauen dürfen per Gesetz fünf Jahre früher in Pension gehen. Das faktische Antrittsalter von Männern und Frauen unterscheidet sich zwar nur wenig, das liegt aber an den härteren Jobs, die Männer ausüben."

Dass Alleinerziehende in Österreich zu 93 Prozent Frauen sind und die erwerbstätige Bevölkerungsgruppe bilden, die am Stärksten von Armut und gesundheitlichem Raubbau aufgrund chronischer Überbelastung betroffen ist, wissen wir längst. Dass die Regierung nichts Nennenswertes dagegen unternimmt, auch. Das ist ein gesellschaftspolitisches Versagen. Denn dass Kinderarmut bei Alleinerziehenden kein Naturgesetz ist, beweist ein Blick nach Schweden: dort ist der Familienstatus Alleinerziehend kein Armutsgrund.

Pflege übertrifft Präsenzdienst

Schildhammer vermisst die feministische Forderung einer Einführung der Wehrpflicht beziehungsweise des Zivildienstes auch für Frauen. In Österreich leisten Frauen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Arbeit im Haushalt. Pflegende Angehörige sind in Österreich zu 80 Prozent weiblich. Die durchschnittliche Pflegedauer übertrifft die Monate des Präsenzdienstes meist um ein paar Jahre.

Die Headline mit dem warmen Eislutscher war durchaus erotisch. Der darauf folgende Artikel, der die Eisberge unserer Gesellschaft ignorierte, war dann doch ein wenig ungeschickt. (Maria Stern, derStandard.at, 25.3.2015)

  • Maria Stern: Georg Schildhammers Kommentar der anderen ignorierte die "Eisberge unserer Gesellschaft".
    foto: ap/john mcconnico

    Maria Stern: Georg Schildhammers Kommentar der anderen ignorierte die "Eisberge unserer Gesellschaft".

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