McDonald's-Chef: "Haltungsbedingungen geben wir vor"

Interview2. April 2015, 16:37
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Andreas Schmidlechner über glutenfreien Kuchen, Tierhaltung in Ungarn und die Moral von Geschenken

Besuch im McCafé in Wien-Mitte, McDonald's-Österreich-Chef Andreas Schmidlechner serviert Kuchen. Glutenfrei, wohlgemerkt. Man betreibe einen hohen Aufwand bei der Auswahl der Mehlspeisen, sagt der Chef. An der Apfelkuchen-Rezeptur etwa habe man lange gefeilt. Gemeinsam mit Franchisenehmer Gerhard Fuchs, einem ehemaligen Haubenkoch, werden neue Burger entwickelt oder eben Kuchen. Während der internationale Vorstandschef Steve Easterbrook nach seinem Amtsantritt den Krisenmodus ausrief, um gegen "aggressiven Wettbewerb", sinkende Umsätze, unzufriedene Mitarbeiter und Lebensmittelskandale anzutreten, zeigt sich Schmidlechner gelassen. Österreich, so seine Einschätzung, habe mit all den Problemen nicht viel zu schaffen. Quasi eine Insel der Seligen – auch im McDonald's-Reich.

STANDARD: Sie servieren glutenfreien Kuchen. Bin ich das Versuchskaninchen?

Schmidlechner: Natürlich kommen Dinge rein, und wenn sie sich nicht so entwickeln, gehen sie auch wieder raus. Der Bedarf nach glutenfrei steigt jedenfalls. Und wir betreiben einen hohen Aufwand bei der Auswahl der Mehlspeisen. Es ist gar nicht so einfach, dafür Lieferanten zu finden. Unserer kommt aus Deutschland.

foto: standard/bruckner
Andreas Schmidlechner schwört nicht nur auf Burger, ...

STANDARD: Café und Österreich ergänzen einander. Einer der Gründe, dass Österreich im McDonald's-Reich vergleichsweise gut dasteht?

Schmidlechner: Wir hatten im letzten Jahr eine Million Gäste mehr in Österreich. Dafür muss man hart arbeiten. Die Gesellschaft verändert sich, und man muss ausreichend relevante Innovationen nachliefern.

STANDARD: Dabei ist der Cheeseburger bei weitem das beliebteste Produkt, 27,5 Millionen Stück haben Sie in Österreich im vergangenen Jahr verkauft. Überschätzen Sie die Innovationsfreudigkeit der Konsumenten?

Schmidlechner: Es geht darum, die Balance zwischen einem großen Bestand aus Klassikern wie Big Mac, Cheeseburger oder Pommes und gleichzeitiger Veränderung zu finden. Wir sind im Prinzip so etwas wie ein Schnellboot. Das kann die Wellen in ganz Österreich abfahren. Beweglichkeit ist in einem kleinen Markt leichter möglich. Sich auf seinen Lorbeeren ausruhen geht jedenfalls nicht.

STANDARD: Insgesamt steigt der Umsatz kaum, dafür kommen viel mehr Gäste. Das heißt, Sie müssen mehr arbeiten, um das gleiche Geld zu verdienen.

Schmidlechner: Ich bin superhappy über den Gästezuwachs. Beim Umsatz sind wir auch gewachsen, und das in einem schwierigen Umfeld. Die Wirtschaft in Österreich wächst ja nicht wirklich.

STANDARD: Bei der Konzernmutter McDonald's International ist es deutlich schwieriger, sie hat jetzt auch einen neuen Chef. Gab es von ihm schon Anrufe oder Zurufe?

Schmidlechner: Nein, Anrufe gibt es nicht. Das ist auch nicht die Funktion eines globalen CEO, da geht es um die globale Strategie. Man muss den großen Kuchen in kleinere Stücke portionieren, um die kleineren Stücke vernünftig formen zu können.

... sondern auch auf Kuchen. Geliefert werden sie von einem deutschen Lieferanten.

STANDARD: Nachdem der neue Chef einen Neustart angekündigt hat, schießen Vermutungen über eine neue Produktpalette ins Kraut. Wird McDonald's neben Chicken McNuggets und Big Mac bald Hausmannskost servieren?

Schmidlechner: Wir sind und bleiben McDonald's, und der Burger bleibt unser Fokus. Aber es ist richtig, wir investieren derzeit massiv in unsere Restaurants. Jeder Burger wird jetzt erst nach der Bestellung zubereitet. Sie können also sagen, Sie hätten den Burger gerne mit Tomate, mit Gurkerl, ohne Speck. Da haben wir ordentlich Hirnschmalz hineingesteckt, um auf Konsumentenwünsche besser eingehen zu können.

STANDARD: Deswegen bleiben wohl auch die Preise für Burger und Co 2015 gleich. Eigentlich müssten sie sinken, wo doch überall die Kosten etwa für Energie fallen.

Schmidlechner: Aber andere Preise steigen. Und wir bauen unsere Restaurants um. In Summe muss man schauen, dass man die Preisstruktur gut im Griff hat, und wir kalkulieren scharf. Wenn Sie bei uns ein Menü essen, werden Sie vielleicht sechs Euro ausgeben für Burger, Pommes und ein Getränk. Der Cheeseburger kostet bei uns seit 2006 einen Euro. Solche Anker muss man auch haben. Aber man muss auch qualitätsbewussten Konsumenten etwas bieten.

STANDARD: Wie belastend ist da die Verwandtschaft zu internationalen Ablegern? Dort gab es Skandale wie den Zahn im McMenü in Japan.

foto: bruckner
Kein einziger Lebensmittelskandal ist angenehm, sagt Schmidlechner. Dann fragen die Konsumenten eben nach.

Schmidlechner: Natürlich kriegen wir das mit. Aber die Leute unterscheiden sehr stark zwischen Österreich und International. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir den überwiegenden Teil unserer Lebensmittel aus Österreich beziehen. Da haben wir auch direkten Kontakt zu unseren Lieferanten. Insofern sind wir separiert von diversen Lebensmittelthemen im weiteren Umfeld.

STANDARD: Allerdings können die heimischen Lieferanten gar nicht ausreichend produzieren.

Schmidlechner: Aber wir haben möglichst kurze Wege im Bezug der Lebensmittel. Hühnerfleisch bekommen wir zum Beispiel aus Ungarn. Das ist einen Katzensprung entfernt von uns. Wir wissen, wie die Aufzucht funktioniert. Da wird das Futtermittel selbst hergestellt oder das Streu. Das geht dann direkt zu unserem Verarbeiter. Die eine Hälfte wird in Österreich bearbeitet, die andere Hälfte 100 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Lieferkette ist sehr engmaschig und gut kontrolliert. Vorarlberg ist weiter weg.

STANDARD: Aber die Haltungsbedingungen ...

Schmidlechner: ... geben wir vor, egal wo auf der Welt der Bauer ist. Die Bedingungen für unsere Lieferanten sind in vielen Ländern strenger als die nationalen Gesetzgebungen.

STANDARD: Was noch nichts über die Bedingungen an sich aussagt. Es muss jedenfalls ein Riesenbetrieb sein, der einen McDonald’s versorgen kann.

Schmidlechner: Der Betrieb hat vor einigen Jahrzehnten als kleiner Hendlbauer angefangen. Das ist eine gewachsene Struktur. Und die sind sehr froh, dass sie einen festen Abnehmer haben. Für die Betriebe ist es auch besser, sich als Produzent nicht auf der Billigebene zu bewegen.

STANDARD: Ich höre aber von Preisdruck bei den Produzenten.

Schmidlechner: Wir zahlen teilweise mehr für Fleisch, damit wir die beste Qualität bekommen. Ohne Grundvertrauen könnte man im Lebensmittelbereich aber gar nicht überleben. Ich lege jedenfalls die Hand für unsere Produkte ins Feuer.

STANDARD: Und wenn so etwas wie ein Pferdefleischskandal auftritt, lässt das Ihre Kunden kalt?

Schmidlechner: Kein einziger Lebensmittelskandal ist angenehm. Dann fragen die Konsumenten eben nach. Aber wir haben immer schon Antworten für die Konsumenten gehabt. Wir haben keine Geheimnisse. Wir können nach hinten gehen, und ich kann Ihnen einen Karton zeigen, wo das Rindfleisch drinnen ist. Mit der Nummer kann ich den Karton bis zum Produzenten verfolgen. Der Bauer liefert das Tier zum Schlachthof, dort zu unserem Vorarbeiter und dann zum Distributionszentrum fürs Restaurant. Da ist nichts dazwischen.

foto: bruckner
Und wie sieht es mit der Moral aus? Steuertricks zum Beispiel? "Bei uns kein Thema", sagt Schmidlechner.

STANDARD: Unter dem Begriff "Unhappy Meal" firmieren unter anderem Berichte, wonach die Konzernmutter zwischen 2009 und 2013 in Europa durch Steuertricks eine Milliarde Euro Steuern gespart hat. Müssen Sie sich auch dafür rechtfertigen?

Schmidlechner: Bei uns ist das kein Thema, denn wir versteuern in Österreich.

STANDARD: Das ist auch nicht dafür bekannt, Konzerne zu schröpfen. Aber was sagen die Mitarbeiter in Österreich, wenn die Kolleginnen und Kollegen in den USA wegen schlechter Arbeitsbedingungen auf die Barrikaden gehen?

Schmidlechner: Wir haben unseren eigenen Kollektivertrag in Österreich, den wir aufgesetzt haben. Wir sind in bestem Einvernehmen mit Wirtschaftskammern und Sozialpartnern. Wir sind im Rahmen der österreichischen Bedingungen unterwegs. Insofern tangiert uns das alles nicht wirklich.

STANDARD: Weil wir bei der Moral sind: Der Sohn eines Kollegen geht zu McDonald’s am liebsten wegen der Geschenke. Ist so etwas nicht mittlerweile ein unmoralisches Angebot?

Schmidlechner: Wir sind seit jeher ein familienorientiertes Unternehmen. Und wir sind ein Gasthaus, das nicht nach ganz so konservativen Regeln organisiert ist. Ich selbst habe drei Kinder. Wenn Sie mit drei physisch aktiven Burschen in Österreich essen gehen, sind Sie bei McDonald's und beim Heurigen gut aufgehoben. Bei uns ist es nicht so wichtig, ob jemand gerade am Tisch sitzt oder mit den Fingern isst. Da kann man auch einmal ein Geschenk dazugeben. Wir sind außerdem die Einzigen, die auch Bücher verschenken. (Regina Bruckner, derStandard.at, 3.4.2015)

Andreas Schmidlechner (50) war bis 2006 Marketingdirektor von McDonald's Österreich und trieb unter anderem die Einführung der McCafés voran. Ende 2015 soll es das integrierte Kaffeehaus in 176 Restaurants geben. 2013 avancierte er zum Österreich-Chef. Zuvor war Schmidlechner beim Konsumgüterkonzern Unilever.

McDonald's Österreich beschäftigte im Vorjahr in seinen 194 Restaurants sowie in der Zentrale in Brunn am Gebirge rund 9.500 Mitarbeiter. Der Umsatz blieb im Vorjahr bei 562 Millionen Euro (2013: 560 Millionen Euro) annähernd stabil, die Zahl der Gäste stieg um eine Million auf 158 Millionen.

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