Kopf des Tages: Ein Wiener Jugendlicher als IS-Kämpfer

23. März 2015, 11:00
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Oliver N., erst 16 Jahre alt, überlebte in Syrien. Er war in einem Jihadistenvideo aufgetaucht

Seit Dienstag ist Oliver N. wieder in Wien. Was der junge Mann in den vergangenen Monaten durchmachte, klingt eher nach einem schlechten Film als nach der Biografie eines 16-jährigen Wieners, der bisher in halbwegs geordneten Verhältnissen lebte. N. hatte zwar wenig Kontakt zu seinen Eltern und lebte in einer betreuten Jugend-WG, er hatte aber einen großen Freundeskreis, absolvierte eine Lehre als Versicherungskaufmann bei der Wiener Städtischen Versicherung und besuchte die Berufsschule.

Über seinen Fall hat der STANDARD im Oktober berichtet. Freunde und ehemalige Mitschüler haben den blonden jungen Mann, nachdem er mehrere Wochen abgängig gewesen war, in einem Jihadistenvideo erkannt, das im deutschen Nachrichtensender N24 gezeigt wurde. Er stand in einem Schlachthaus und gab an, sich in Raqqa in Syrien zu befinden. N. rief Muslime dazu auf, in ihren Heimatländern Kafirn (Ungläubige) zu schlachten und sich dem Islamischen Staat anzuschließen.

Zum Islam war N. erst wenige Monate davor konvertiert. Seine Freunde berichteten von einem plötzlichen Sinneswandel. N. erzählte, keinen Alkohol mehr zu trinken, und postete "muslimische Sprüche" auf Facebook. Von den Freunden nahm er Abstand bzw. forderte sie auf, mit in die Moschee zu kommen.

Verwundete Kameraden einsammeln

Nach seiner Festnahme am Dienstag in Wien stellte sich heraus, dass N. mit einem gefälschten Pass, der ihn als 18-jährig und damit volljährig auswies, im August mit dem Flugzeug in die Türkei gereist war. Zu Fuß soll er über die türkisch-syrische Grenze gegangen sein. Im IS-Gebiet soll N. als Sanitäter eingesetzt worden sein, eine Kalaschnikow und 30 Schuss Munition erhalten und grausame Szenen erlebt haben. Laut seinem Anwalt Werner Tomanek musste er verwundete Kameraden einsammeln und wurde bei einem Bombenangriff selbst an Niere, Milz und Lunge schwer verletzt.

Über Umwege gelang ihm die Rückreise nach Wien, wo er sich stellte und am Dienstag am Flughafen Wien-Schwechat verhaftet wurde. Mittlerweile ist er in U-Haft. Der Verfassungsschutz ermittelt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. N. ist laut seinem Anwalt umfassend geständig. Tomanek möchte N. von einem psychiatrischen Sachverständigen untersuchen lassen, um herauszufinden, wie der plötzliche Sinneswandel in Richtung IS zustande kam. Als Minderjährigem drohen N. bis zu fünf Jahre Haft. (Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 21.3.2015)

  • Das Video tauchte im Herbst auf.
    screenshot: youtube

    Das Video tauchte im Herbst auf.

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