Putins Trolle: 12-Stunden-Schichten, 600 Euro pro Monat

23. März 2015, 09:31
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Zwei russische Zeitungen enthüllen, wie die russische Propagandamaschinerie im Netz funktioniert

Schon öfters war in den vergangenen Monaten von bezahlten russischen "Trollen" die Rede. Sie sollen Medien und Blogs mit prorussischen Kommentaren überschwemmen und so andere Nutzer beeinflussen. Jetzt haben zwei russische Zeitungen (Moi Rajon, Nowaja Gaseta) detaillierte Einblicke in die Arbeitsweise der staatlichen Meinungskrieger ermöglicht. Die Berichte aus Russland wurden von Globalvoicesonline und dem von den USA finanzierten "Radio Free Europe/Radio Liberty" übersetzt.

"Internet Research Agency"

Die russischen Medien stützen sich in ihrer Analyse auf interne Dokumente, ein Interview mit einer ehemaligen Mitarbeiterin und ein heimlich gedrehtes Video aus dem Inneren der Organisation, die unter dem euphemistischen Namen "Internet Research Agency" fungiert. Sie gehört einem russischen Geschäftsmann namens Yevgeny Prigozhin, der ein enger Freund Putins sein soll und mehrere Restaurants besitzt.

andrey soshnikov

400 Mitarbeiter

Im Video ist das Hauptquartier der Agentur zu sehen, das sich im Norden von St. Petersburg befindet. Insgesamt sollen rund 400 Mitarbeiter dort arbeiten. Sie schieben 12-Stunden-Schichten und erhalten monatlich 40.000 Rubel (ca. 600 Euro). Die Mitarbeiter verwalten tausende Social Media-Accounts, mit denen sie ihre Inhalte transportieren. Die Nachrichten seien dabei genau vorgegeben: Professionelle, Kreml-freundliche Medien belieferten die Agentur täglich mit vorgefertigten Argumenten, sogar das Wording der Kommentare soll einheitlich sein.

Facebook-Emoticons und Atomprogramm

Die russischen Zeitungen zeigen die Funktionsweise der Agentur anhand eines "typischen Profils": Es handelt sich um eine fiktive Person namens "Natalya Drozdova". Sie besitzt Accounts auf relevanten Social Media-Seiten, etwa Facebook, Twitter und Google +. Zur Camouflage äußert sich Drozdova auch zu einer Vielzahl von unpolitischen Themen, heise erwähnt etwa die Streichung eines Facebook-Emoticons oder eine "Fifty Shades of Grey"-Parodie. Gleichzeitig verbreitet Drozdova aber auch die Kreml-Linie zum iranischen Atomprogramm oder der Ermordung des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzov.

Verschwörungstheorien

Laut FAZ wird professionellen Trollen im Fall Nemzov freie Wahl gelassen, ob sie die Tat ukrainischen Oligarchen zuschreiben oder Oppositionspolitikern vorwerfen, damit Unruhen angestachelt haben zu wollen. Die Kommentare sollen von eigenen Abteilungen wieder überprüft werden. Wer wichtige Schlüsselwörter vergisst oder falsch argumentiert, muss mit Konsequenzen rechnen. (fsc, derStandard.at, 23.3.2015)

  • Prorussische, bezahlte Trolle sollen im Netz Stimmung für Putin machen
    foto: epa/ilnitsky

    Prorussische, bezahlte Trolle sollen im Netz Stimmung für Putin machen

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