Funkenflug und Gemischtwarengrab

23. März 2015, 07:34
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Klangforum Wien steuerte im Konzerthaus einen Sehnsuchtsort an

Wien - Das diesjährige Großprojekt des großartigen Klangforum Wien rückt näher und näher: Anfang Mai wird in der Kölner Philharmonie erstmals urbo kune entstehen, die "urbanistische Oper" über eine "mustergültige" Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Europa. Und am 23. Mai ist es dann im Wiener Konzerthaus soweit, ab 12.12 Uhr sollen in allen Sälen "ein Tag und eine Stunde" lang Utopien Wirklichkeit werden.

Im Mozart-Saal des Konzerthauses wurde derweil der stets euphorisch beklatschte, siebenteilige Abonnementzyklus des Ensembles fortgesetzt; unter der Flagge des Allerweltsmottos "ImmigrantInnen" sollte beim fünften Konzert ein "Sehnsuchtsort" angesteuert werden. Das zehnminütige Werk Irrlicht (2012) der Wiener Komponistin Eva Reiter machte hiebei den Anfang.

Theoretisch widmet sich die 1976 geborene Komponistin hier der instrumentalen Artikulation und deren Auflösung: Das musikalische Sprechen wird zu Stammeln und Stottern, die konventionellen Instrumente werden mit Grammofontrichtern und Atemgeräuschverstärkern aller Art getauscht. Praktisch entstand da anfangs ein gespenstisches Klangambiente aus insektenhaftem Trippeln, Zirpen und animalischem Fauchen, das sich werkmittig kurz in Richtung Kirmes-Remmidemmi steigerte. Nur die akustische Verstärkung blies die filigrane Geräuschwelt fast etwas zu sehr auf: mehr Las Vegas-Blingbling als zarte Irrlichter im Moor. Trotzdem: eine tolle Sache.

Schlichtweg fantastisch dann Brian Ferneyhoughs von einem uralten Florilegium inspiriertes Liber Scintillarum (2012): Drei Holzbläser und drei Streicher bezirzen im hohen Register mit leichtfüßiger, fein gezwirbelter Commedia dell'Arte-Keckheit. Alles so hell, alles so agil hier! Nur kurz erlauben sich die Streicher kleine melancholische Einschübe, dann fliegen sie wieder, die Funken der guten Laune.

Leider nur ein schlecht sortierter, begrenzt originell bestückter Gemischtwarenladen der Klänge und Geräusche dann Liza Lims Reise in das Grab eines chinesischen Markgrafen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Ihr Machine for contacting the dead für 27 Musiker bot von allem etwas: Gebimmel, Gewusel, Chaos, Drama, Pomp und Lamento, plus ein bisschen hohes Cello (Benedikt Leitner) und tiefe Bassklarinette (Bernhard Zachhuber). Man hatte den Eindruck, dass sich sogar die Musikerinnen und Musiker des Klangforum Wien bei dem vierzigminütigen Werk ein wenig fadisierten.

Doch zum Glück koordinierte der wundervolle Dirigent Enno Poppe das banale Brimborium der australischen Komponistin wie auch die Stücke Eva Reiters und des Briten Brian Ferneyhough ganz wunderbar: mit der ihm eigenen Mischung aus Lässigkeit, Präzision und Aufgedrehtheit nämlich. Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 23.3.2015)

  • Enno Poppe: Wundervoller Dirigent und Koordinator
    foto: archiv

    Enno Poppe: Wundervoller Dirigent und Koordinator


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