Menschen und Drachen in Kleine-Welt-Phänomenen

23. März 2015, 07:26
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"Mut" ist das Motto des diesjährigen Osterfestivals Tirol. Es ist eigentlich auf Alte und Neue Musik spezialisiert, zeigt aber immer auch Tanzperformances: diesmal Arbeiten der belgischen Gruppe Berlin

Innsbruck / Hall in Tirol - Wer ist schon einmal Auge in Auge mit einer Scharfschützin an einem Tisch gesessen, sozusagen dem weiblichen Gegenstück zu Chris Kyle, der Titelfigur in Clint Eastwoods Film American Sniper? In der beeindruckenden Performance-Installation Perhaps All The Dragons der belgischen Gruppe Berlin kann das passieren. Berlin war gerade beim Osterfestival Tirol im Salzlager Hall zu Gast und hat dort auch eine zweite Arbeit, Jerusalem [Holocene 1.2], präsentiert.

Bei Perhaps All The Dragons, einem Projekt aus dem bisher dreiteiligen Zyklus Horror Vacui, betritt das Publikum eine ausgeklügelte Architektur, die dem Gerippe eines Ufos ähnelt. Jede Besucherin, jeder Besucher wählt einen der dreißig Sitzplätze gegenüber einem Bildschirm. Jeder Monitor zeigt ein Visavis, das auf ein Signal hin beginnt, sich vorzustellen und eine Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel eben die Sniperin Sorina D., Mitglied eines dänischen Militär-Sonderkommandos. Oder der Holländer Jan Gaalman, dem die Firma Mammoet gehört, die das 2000 gesunkene russische Atom-U-Boot Kursk vom Meeresgrund geborgen hat. Oder Igor Belousov mit einer Beschreibung des "Kleine-Welt-Phänomens" nach Stanley Milgram: Wie wir alle mit jedem anderen Menschen auf der Welt über nur sechs Bekanntschaftsbeziehungen verbunden sind.

Pro Vorstellung von Perhaps All The Dragons werden, in einer auf jeden Zuschauer abgestimmten Dramaturgie der Berlin-Künstler Bart Baele und Yves Degryse, sechs solcher Begegnungen ermöglicht. Ähnlich, aber von Livemusik begleitet, funktioniert auch Jerusalem: Hier stellen Stadtbewohner Jerusalems aus ihrer Sicht die schier unlösbaren Probleme zwischen diesen Religionen dar. Die Besonderheit auch hier: Berlin enthält sich jeglichen Kommentars. Die 2003 gegründete Künstlerformation gehört - mit Rimini Protokoll - zu den führenden europäischen Vertreterinnen der Doku-Performance.

In diesem immer bedeutender werdenden Genre werden journalistische Methoden der Recherche, des Interviews und der authentischen Darstellung ins Künstlerische übersetzt. Dabei hat die jeweilige Inszenierung eine vertiefende Funktion: Im Überschreiten der normalen medialen Darstellungsmuster und deren Versetzen in ungewohnte Zusammenhänge wird dem Publikum die Möglichkeit geboten, sich mit einem Thema auch in dessen Widersprüchen konzentriert auseinanderzusetzen. Das wäre dann das genaue Gegenteil der Häppchenschleuder Internet.

Weltpolitische Arbeiten

Nicht ohne Grund also wird Perhaps All The Dragons im Mai auch bei den Wiener Festwochen zu erleben sein. Dort übrigens in Nachbarschaft zu Civil Wars von Milo Rau, der heute zu den unbestreitbaren Größen des dokumentarischen Theaters zählt.

Beim Osterfestival werden noch der Dokumentarfilm Aghet über den Völkermord an den Armeniern von Eric Fiedler sowie die Spielfilme Von Menschen und Göttern des Franzosen Xavier Beauvois und Women Without Men der iranischen Künstlerin Shirin Neshat gezeigt. Außerdem gastiert die exzellente Choreografie Democracy von Maud Le Pladec, die bereits im Tanzquartier Wien zu sehen war.

Das passt zum diesjährigen Motto "Mut" und zu der Schiene weltpolitisch orientierter künstlerischer Arbeiten beim Festival. Dieses ist eigentlich auf Musik spezialisiert, zeigt seit bald dreißig Jahren aber immer auch Tanzaufführungen.

Diesmal sind es Olivier Dubois' Souls und Akram Khans Erfolgsproduktion Kaash. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 23.3.2015)

  • Als Visavis die Sniperin Sorina D., Mitglied eines dänischen Sonderkommandos: Bei "Perhaps All the Dragons" nehmen die Besucherinnen und Besucher gegenüber von Monitoren Platz.
    foto: marc domage

    Als Visavis die Sniperin Sorina D., Mitglied eines dänischen Sonderkommandos: Bei "Perhaps All the Dragons" nehmen die Besucherinnen und Besucher gegenüber von Monitoren Platz.

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