Anti-Mafia-Priester Luigi Ciotti

22. März 2015, 18:19
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20 Jahre im Visier der ehrenwerten Gesellschaft - Priester kümmert sich um Drogenabhängige, Prostituierte und ehemalige Häftlinge

Es war eine der größten Kundgebungen, die Bologna in den letzten Jahren erlebt hat: Rund 200.000 Demonstranten feierten am Samstag das 20-jährige Bestehen von "Libera", dem größten Anti-Mafia-Netzwerk Italiens, einer Dachorganisation von mehr als 1300 Vereinen und Bürgerinitiativen. Der Gründer von Libera ist der 69-jäh- rige Straßenpriester Don Luigi Ciotti. Der aus den Dolomiten stammende Geistliche ist der von der Mafia am meisten gehasste Mann des Landes. Er muss von über 20 Polizisten rund um die Uhr beschützt werden.

Der Priester hatte schon 1965 als 20-Jähriger in Turin eine Hilfsorganisation gegründet, die sich um Drogenabhängige, Prostituierte und ehemalige Häftlinge kümmerte. Später war Don Ciotti von einer neuen Idee beseelt: Die von der Mafia mit Blut- und Drogengeld zusammengerafften Ländereien sollten der Zivilgesellschaft zurückgegeben und von gemeinnützigen Organisationen gratis genutzt werden können. 1995 gründete Don Ciotti zu diesem Zweck Libera und sammelte innerhalb von wenigen Monaten über eine Million Unterschriften für ein Gesetz, das die definitive Beschlagnahmung von Mafia-Gütern ermöglichen sollte. Bereits 1996 trat es in Kraft.

Seither wurden in Italien tausende Mafia-Besitztümer konfisziert: Hotels und Ferienanlagen, Appartements und Villen, Pizzerien und Konditoreien, Gutshöfe, Felder, Wald und Wiesen. Auf mehreren Gutsbetrieben hat Don Ciotti Kooperativen gegründet, wo arbeitslose Jugendliche gemeinsam mit ausgebildeten Landwirten Äcker bestellen, Oliven ernten, Hartweizen mahlen und Wein pressen. Die Produkte werden in eigenen Bioläden verkauft, die den schönen Namen "Sapori della legalità" tragen - "Geschmack der Legalität". Der erste Laden wurde 2007 in Rom eröffnet; inzwischen gibt es sogar einen in Corleone, der sizilianischen Heimatstadt des Super-Paten Toto Riina.

Die Kooperativen seien eine "doppelte Ohrfeige" für die Clans, betont Don Ciotti: "Man hat sie enteignet, und nun entsteht gerade auf ihrem früheren Land so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl." Beides sei Gift für die kriminellen Clans: "Was Sinn stiftet und zu einem ehrlich erwirtschafteten Auskommen beiträgt, wird von der Mafia gefürchtet." Dass die Clans gegen die Kooperativen immer wieder Brandanschläge und Sabotageakte verüben, bestätigt Don Ciotti nur in seiner Überzeugung, "dass wir auf dem richtigen Weg sind". (DER STANDARD, 23.3.2015)

  • Luigi Ciotti mit Papst Franziskus
    foto: ap/andrew medichini

    Luigi Ciotti mit Papst Franziskus

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