Wenn Verantwortung am eigenen Tellerrand endet

Kommentar der anderen22. März 2015, 16:10
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Wer behauptet, mehr Gerechtigkeit bedeute mehr Eigenverantwortung, hat ein sehr eingeschränktes Verständnis von Verantwortung und wenig Ahnung von Verteilungsgerechtigkeit und Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft

Wer behauptet, mehr Gerechtigkeit bedeute mehr Eigenverantwortung, hat ein sehr eingeschränktes Verständnis von Verantwortung und wenig Ahnung von Verteilungsgerechtigkeit und Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft.

Georg Schildhammer zweifelt an der Existenz noch vorhandener "realer Feinde des Feminismus im 21. Jahrhundert". In seinem Kommentar "Feminismus: Der Traum vom warmen Eislutscher" (STANDARD vom 20.3.2015) postuliert er: "Mehr Gerechtigkeit bedeutet mehr Eigenverantwortung." Damit trifft er genau ins Schwarze der Problematik der Rollenaufteilung zwischen den Geschlechtern. Solange Verantwortung nur als Eigenverantwortung definiert wird, ist es für den vermeintlichen (Eigen-) Verantwortungsträger in unserer Gesellschaft möglich, Karriere zu machen. Wer sich über den Tellerrand des eigenen Egoismus wagt und Verantwortung für andere, für Alte, Kranke, Kinder oder generell Verantwortung für die Gesellschaft oder die Umwelt übernimmt, macht das in der Regel auf Kosten der klassischen, finanziell belohnten Karriere.

Laut Schildhammer entscheiden sich Frauen für Ausbildungen und Berufe, die geringer entlohnt sind, "weil sie wissen, dass sie sich früher oder später für Kinder und gegen Karriere entscheiden werden". Damit nehmen sie angeblich ökonomische Abhängigkeit in Kauf und erhalten dafür eine höhere Lebensqualität. Diese Beweiskette gipfelt darin, dass die geringere Lebenserwartung von Männern daran liege, dass Männer die "härteren Jobs" machen.

Harte Jobs?

Trotz 100 Jahren Feminismus wird immer noch suggeriert, dass Jobs umso härter sind, je mehr gearbeitet und je höher sie entlohnt werden. Die 80-Stunden-Woche, in die (geschäftliche) Abendessen, (geschäftliche) Reisen und mitunter (geschäftliches) Zeitunglesen fallen, zählt mehr als nichtbezahlte, genauso fremdbestimmte, genauso teilweise lustvolle und teilweise nervtötende Zeit für Essen mit Kindern, das Abholen vom Kindergarten und das Lesen der Gutenachtgeschichte.

Dasselbe passiert mit Vergleichen körperlicher Beanspruchungen. Während die Hacklerregelung zwar unter Kritik, aber doch auch auf Beamte angewendet wird, werden Belastungen durch jahrelangen Schlafentzug und die Summe der täglich gestemmten Kilogramm einer Mutter von Kleinkindern zum paradiesischen Zeitvertreib verklärt.

Betreuungszeiten von 8 bis 18 Uhr sind durchaus Teil vieler Kinderrealitäten, wobei dann zu Hause nur noch gegessen und geschlafen, aber nicht mehr gelebt wird. Ein klassischer 40-Stunden-Job lässt sich mit Anfahrtszeit und Mittagspause gerade mal in dieses Zeitfenster pressen. Ferien, Krankheit, Haushalt bei weitem nicht, und gelebt wurde mit den Kindern an fünf von sieben Tagen schon gar nicht.

Und genau hier beginnt das Verhandeln der Verantwortung zwischen berufstätigen Eltern. Die Rahmenbedingungen dafür sind statistische, geschlechtsabhängige Wahrscheinlichkeiten. Wer kriegt das Kind, geht in Mutterschutz und kriegt eher Probleme mit dem Chef, wenn er/sie mit der Idee von Karenz am Arbeitsplatz auftaucht?

Und da ist sie schon, die noch nicht ungerechte Ungleichheit, die am Arbeitsplatz trotz Aufgeschlossenheit und Frauenförderung innerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten trotzdem insgeheim mitbestimmt, wer eingestellt, verantwortungsvolle Aufgaben, Aufstiegschancen und in der Folge bessere Bezahlung bekommt, weil der Ausfall am Arbeitsplatz zumindest als voll belastbare Ganztagskraft unwahrscheinlicher eingeschätzt wird. Damit ließe sich die Berufsentscheidung auch von Frauen erklären, die sich nicht als Heldinnen der Gleichberechtigung berufen fühlen und pragmatische Entscheidungen innerhalb der Möglichkeiten treffen, die ihnen unsere Gesellschaft bietet.

"Ungleichheit bedeutet noch lange nicht Ungerechtigkeit", mahnt Schildhammer. Wenn es um die Farbwahl eines Autos geht, stimme ich ihm voll und ganz zu. Bei Geld, Macht, Aufstiegschancen und Lebensqualität ist es nicht so.

Der Feminismus hat den Frauen Rechte, Selbstbestimmung und Bildungschancen gebracht. Traditionen und Klischees müssen trotzdem im individuellen Weg von Einzelnen gebrochen werden. Gegen den Strom zu schwimmen ist immer anstrengender, als in alten Gewohnheiten mit der Masse mitzutrudeln, und es bedarf vieler individueller Anstrengungen, um die Eindeutigkeit der Richtung aufzuheben, bis Entscheidungen frei getroffen werden können.

Eltern, die völlig gleichberechtigt Kindererziehung, Haushalt und deren Finanzierung teilen und verantworten, sind immer noch die absolute Ausnahme, und meist verlangt es unter den hiesigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dann beiden einen Karriereverzicht ab.

Real existierende Feinde

Die realen noch existierenden "Feinde des Feminismus" sitzen in den Köpfen der Menschen, die mit dem Strom schwimmen, weil sie es gar nicht nötig haben, Veränderungen voranzutreiben. Menschen, die sich nicht an der Aushandlung der Verteilung der Verantwortung in einer Gesellschaft beteiligen und sich sogar noch der gemeinsamen Verantwortung für Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten entziehen. Im schlimmsten Fall unterstellen sie jenen, die zwar auch nur in der Masse mittreiben, aber zumindest Verantwortung für andere übernehmen, die wahren Systemerhalter der Ungerechtigkeit zu sein, um sich damit eine höhere Lebensqualität und ein längeres Leben zu erschleichen. (Eva Germann, DER STANDARD, 23.3.2015)

Eva Germann ist Architektin in Wien und ehemaliges Mitglied des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen der TU Wien.

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