Rückhalt in homöopathischen Dosen für Ärztekammerpräsident

23. März 2015, 07:00
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Nach dem Nein der Wiener Ärzte gegen ihren neuen Dienstvertrag hat sich die Stimmung gegen Thomas Szekeres gedreht

Auch Thomas Szekeres wird am Montag auf die Straße gehen. Es ist eine paradoxe Situation: Er demonstriert gegen ein Verhandlungsergebnis, das er selbst unterschrieben hat. Doch das ist eine komplizierte Geschichte. Anfang des Jahres stand der Wiener Ärztekammerpräsident vor 1500 Ärzten im Wiener Museumsquartier und wurde mit frenetischem Applaus begrüßt. Bei einer Kundgebung Anfang März war die Stimmung weniger ausgelassen. Die Unzufriedenheit der Wiener Ärzte mit ihrem neuen Dienstvertrag ist groß, Szekeres bekam das deutlich zu spüren. Beifall gab es für den 53-Jährigen nur in homöopathischen Dosen.

Der Labormediziner ist seit 2012 oberster Wiener Arzt, also Präsident der Standesvertretung. Er ist der erste Sozialdemokrat in dieser Funktion. Seine Wirkungsstätte ist sein Labor im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH), Spezialgebiet Krebsforschung. Im AKH war er sieben Jahre Betriebsratsvorsitzender, er hat gelernt zu mobilisieren. Als 2012 sein Gegenspieler Wolfgang Schütz, Rektor der Med-Uni Wien, Einsparungen bei Nachtdiensten plante, organisierter er Spenden für Ärzte. Kurz darauf wurde er Präsident, allerdings schmiedete er eine Koalition gegen die stimmenstärkste Fraktion. Ein Umstand, der ihm jetzt das Leben erschwert, die Stimmung in der Kurie hat sich gedreht.

Kammerinterne Kritik

Seine Tätigkeit als Spitalsarzt verschafft ihm heute Respekt unter den Ärzten, weil er die Leiden der Mediziner und die Wunden im Spitalsablauf kennt. Denn die angestellten Ärzte fühlten sich bisher vernachlässigt von der Kammer. Im Ringen um die neuen Rahmenbedingungen für das Ärztearbeitszeitgesetz musste er an mehreren Fronten kämpfen und zeitgleich für die AKH-Ärzte und die Wiener Gemeindespitäler (KAV) verhandeln. Die härteste Front war die mit der Stadt Wien.

Den neuen Dienstvertrag hat Szekeres für die KAV-Ärzte mit Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ), Udo Janßen, Generaldirektor des KAV, und Christian Meidlinger (SPÖ, Gewerkschafter der Gemeindebediensteten) verhandelt. Das brachte ihm kammerintern Kritik ein: Er habe sich über die Kurie hinweggesetzt, um sich politisch zu profilieren, sagt Gerhard Hochwarter, Ärztekammerfunktionär und Chirurg am SMZ-Ost.

Vernichtendes Votum

Zunächst wurde das Ergebnis als Erfolg gefeiert - auch von Szekeres. Wenngleich er von Anfang an betont hatte, seine Zustimmung vom Ergebnis der Urabstimmung abhängig zu machen. Ein Fehler, sagt Walter Dorner, sein Vorgänger in der Kammer. Er hätte vor seiner Unterschrift darüber abstimmen lassen müssen. Das Votum fiel vernichtend aus.

Zwischen Verhandlungsergebnis und Abstimmung wurde bekannt, dass 380 Stellen im KAV eingespart werden sollen - aus Szekeres' Sicht entgegen der Vereinbarung. Für Einsparungen waren begleitende Strukturmaßnahmen zur Entlastung der Ärzte paktiert. Er wirft Wehsely nun Vertragsbruch vor. Sie lässt das nicht gelten. Aus Dorners Sicht habe "Thommy", wie der Präsident genannt wird, die Politik unterschätzt. Nicht nur die Gesundheitspolitiker, sondern auch die Standespolitiker. Es war "gut gemeint", aber Szekeres habe in seinen strategischen Überlegungen nicht bedacht, wie unberechenbar Politiker sein können.

Neues Team verhandelt

Den Preis dafür musste Szekeres bereits zahlen. Bei einer Kuriensitzung wurde ein anderes Team nominiert, das weiter mit Wehsely verhandeln soll, sofern sie das zulässt. Aus Szekeres' Sicht ein freiwilliger Rückzug, weil das Gesprächsklima getrübt ist. Hochwarter sagt, die Kurie habe ihn überstimmt.

Die Ärzte waren aber auch verunsichert. Stärkt er seinen Parteifreunden den Rücken oder vertritt er die Ärzte? Bei einer Pressekonferenz der Kammer zum Ergebnis versuchte er das geradezurücken: Der sonst so besonnene Ärztekammerpräsident gab sich ungewohnt emotional und polterte Richtung Stadtregierung. Jetzt legt er nach: Auch wenn er seit seiner Jugend SPÖ-Mitglied sei: "Wen ich im Herbst wähle, weiß ich nicht." Man könne nicht gleichzeitig Spitäler und den niedergelassenen Bereich herunterfahren.

Die Stadt Wien mache Szekeres zum Sündenbock, sind sich Hochwarter und Dorner einig. Jetzt müsse er "den Kopf hinhalten". Auch Hochwarter will "nicht in seiner Haut stecken", aber der Alleingang habe ihm geschadet. Kritischer wird Wehsely gesehen: Sie sei "beratungsresistent".

In seinem AKH hat Szekeres mehr Rückhalt. An den Verhandlungen mit dem zuständigen Wissenschaftsministerium über einen neuen Dienstvertrag ist er beteiligt. Kollegen loben ihn für sein "immer offenes Ohr". Er stellt sich der Kritik an seiner Person: Eifrig diskutiert er auf Facebook, auch wenn der Ton manchmal härter wird. Die Demonstration am Montag soll eine Großkundgebung aller Ärzte werden. Szekeres rechnet mit reger Teilnahme.(Marie-Theres Egyed, DER STANDARD, 23.3.2015)

  • Heute, Montag, demonstrieren die Wiener Ärzte, angeführt von ihrem - geschwächten - Präsidenten Thomas Szekeres. Sie sehen die städtische Gesundheitsversorgung in Gefahr.
    foto: der standard/cremer

    Heute, Montag, demonstrieren die Wiener Ärzte, angeführt von ihrem - geschwächten - Präsidenten Thomas Szekeres. Sie sehen die städtische Gesundheitsversorgung in Gefahr.

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