Bälle beim Wiener Kongress

23. März 2015, 10:33
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Der europäische Fußball wurde zweimal in Wien geboren. In der Zwischenkriegszeit. Und dann wieder vor 60 Jahren beim ersten Kongress des neuen europäischen Verbandes

Wien - Am Dienstag trifft sich der europäische Fußballverband, die Uefa, in Wien zum 39. Ordentlichen Kongress, dem obersten Gremium des Fußballkontinents. Um die 400 Delegierte aus 54 Verbänden - ballesterisch ist Europa ja deutlich größer als in der schnöden Wirklichkeit - haben sich angesagt. Und sie werden im Prater, praktisch in Sichtweite des auch schon wieder in die Jahre gekommenen Stadions, tun, was auf Kongressen eben getan wird: Sie tanzen. Hauptsächlich ums goldene Kalb.

Denn auch der Chef des Weltverbandes Fifa, der Schweizer Joseph Blatter, hat sich angesagt. Der 79-Jährige stellt sich im Mai der Wiederwahl. Und da tut es not, im europäischen Vorfeld das Blaue vom Himmel über Katar zu versprechen. Dort wird 2022 das Weltturnier ausgetragen, einsichtigerweise im Winter, wenn die großen europäischen Ligen ihr einträgliches Programm abspulen. Jetzt geht es um mögliche Entschädigungen. Die Fifa hat abgewunken. Der Franzose Michel Platini - er wird als Uefa-Chef bestätigt werden - wird mit dem europäischen Muskel spielen. Und so werden halt ein wenig die Fetzen fliegen. Nichts Ungewöhnliches für einen Kongress.

Und nichts Neues für Wien, wo Fußballeuropa nach 1955, 1972 und 1994 bereits zum vierten Mal tagt. Zum fünften Mal, rechnet man den Fifa-Kongress 1908 - da feierte der Kaiser sein sechzigjähriges Dienstjubiläum - dazu, was man durchaus sollte, da der Weltverband damals noch eine ziemlich europäische Angelegenheit gewesen ist.

Anschlussstelle Wien

Der spannendste dieser Wiener Fußballkongresse war der vor 60 Jahren am 2. und 3. März 1955. Erst im Jahr zuvor war der europäische Verband gegründet worden. Der erste ordentliche Kongress, auf dem dann erste Weichen im kontinentalen Fußball gestellt werden sollten, wurde nach Wien vergeben. Das hatte sowohl historisch-sentimentale als auch handfest politische Gründe.

Hier, im Herzen des Kontinents, ist das biedere Ballestern schon in den 1920er- und 1930er-Jahren ins theatrale Geschäft hineingewachsen. Daran galt es nun anzuschließen nach der kontinentalen Verheerung. Auf dem trilateralen Kulturkarussell zwischen Prag, Wien und Budapest, auf das bald schon Mailand und Turin aufsprangen, mutierte das Kicken nach englischem Vorbild flugs zum Showbusiness. Massen konnten so bewegt werden. Und deshalb auch Millionen. Fußballvereine waren auf einmal Unternehmen geworden, Fußballspieler hochbezahlte Schausteller, die - so formulierte es in den 1920ern schon der Ungar Alfred Schaffer, einer der ersten vazierenden Schau-Spieler - "in jeder Währung" spielten. Die ballesterischen Zampanos wie der Wiener Hugo Meisl, der Italiener Vittorio Pozzo, der Engländer Herbert Chapman glichen Impresari. Und manche, Meisl zum Beispiel, verhielten sich auch so.

Es war also nicht abwegig, den ins zerstörte und zerrissene Nachkriegseuropa gepflanzten Verband gleich ins ballesterische Flair Mitteleuropas zu tunken. Zumal hier immer noch das Fußballherz des Kontinents schlug, wie die ungarische "arany csapát", die goldene Mannschaft, jahrelang bewiesen hatte, trotz des überraschend gegen Deutschland verlorene WM-Finales 1954.

Darüber hinaus bot Wien den Vorteil der bald schon offiziellen Neutralität. Reisebeschränkungen waren also kaum zu befürchten. Und tatsächlich erschien auch der sowjetische Delegierte. Von Anfang an dachte sich der europäische Fußball über die Blockgrenzen hinweg.

Und trotz mancher schikanöser Gemeinheiten - die Tschechen und die Österreicher entzweite lange noch der von Wien betriebene Fifa-Beschluss aus dem Jahr 1908, keinen eigenständigen böhmischen Verband zuzulassen - blieb das so über die Jahrzehnte des Kalten Krieges hinweg.

Die Achse, um die sich 1955 der Wiener Kongress drehte, war die Schaffung kontinentaler Bewerbe. Ein Vorhaben, das von mitteleuropäischer Seite schon in der Zwischenkriegszeit betrieben wurde und im französischen Verbandssekretär Henri Delaunay einen wohlmeinenden Verbündeten fand. Der Weltverband bereitete 1927 gerade aber sein eigenes Turnier vor, die WM 1930 in Uruguay, und schoss quer. Deshalb hoben die Mitteleuropäer 1927 in Venedig ihren eigenen regionalen Bewerb aus der Taufe, den Mitropacup. Der war in vielerlei Hinsicht beispielgebend. Auch in ökonomischer. Die spannende Cupdramaturgie füllte die Stadien, die Mannschaften reisten von Stadt zu Stadt bequem in den Wagons der deutschen Schlafwagengesellschaft Mitropa.

Svehla- und Gero-Cup

Neben diesem Vereinsbewerb hat man den im Meisterschaftsmodus ausgetragenen Europapokal der Nationen ins Leben gerufen. Der wurde nach dem Stifter der Trophäe, dem tschechoslowakischen Außenminister Antonín Svehla, auch Svehla-Cup genannt. Beim Uefa-Kongress 1955 wurde er, dem Ende Dezember verstorbenen ÖFB-Chef und Uefa-Vize Josef Gero zu Ehren, als Gero-Cup wiederbelebt und einmal noch ausgetragen. Sieger wurde die CSSR vor Ungarn. Erst 1960 übernahm die Europameisterschaft, wie wir sie heute kennen, das Turnierkommando.

Zu mehr als einer Wiederbelebung dieser beiden Bewerbe konnte sich die junge Uefa in Wien noch nicht durchringen. Aber es genügte, den Zug der Zeit auf Schiene zu bringen. Im neu bezogenen "Haus des Österreichischen Fußballsports" in der Mariahilfer Straße 99, in dem heute die Buchhandlung Thalia logiert, wurden immerhin "Arbeitskreise" geschaffen. Und man gab dem Projekt der französischen Sportzeitung L'Équipe den Sanktus, einen "Pokal der Landesmeister" zu installieren. In dem tanzte sich Real Madrid mit seinem Eintänzer, dem Argentinier Alfredo di Stéfano, zu dem berühmten Kampfnamen und blieb bis 1960 das "Weiße Ballett", das mit Ferenc Puskás auch einen mitteleuropäischen Tänzer bekam. Der zweite Bewerb wurde von der Fifa vorgeschlagen: der Messestädtecup, der sich immerhin bis 1972 hielt. Danach mutierte er zum Uefa-Cup und 2009 zur Europa League, die zweite Liga unter der Champions League, dem einstigen Meistercup. In all diesen Bewerben lässt sich so viel Geld aufklauben, wie man es sich 1955 nicht einmal ausmalen konnte. Und 1937, als der ballesterische Impresario di Impresari, Hugo Meisl, starb, schon gar nicht.

Henri Delaunay, Meisls Freund, erlebte die Umsetzung des gemeinsamen Plans nicht mehr. Schon zum Wiener Kongress schickte er, krankheitsbedingt, Sohn Pierre. Im November 1955 starb er. Der Wanderpokal, den der Europameister seit 1960 stemmen darf, trägt aber immer noch seinen Namen. 2016 in Frankreich wird vielleicht auch Österreich spielen um ihn. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD, 23.3. 2015)

  • 1960, Glasgow. Alfredo di Stéfano erzielt sein drittes Tor gegen die   Frankfurter Eintracht.  Real Madrid,  das Weiße Ballett, siegt 7:3 und  krönt sich zum fünften Mal in Folge zum Sieger im Meistercup.
    foto: 91050/united archives/picturedesk.comano

    1960, Glasgow. Alfredo di Stéfano erzielt sein drittes Tor gegen die Frankfurter Eintracht. Real Madrid, das Weiße Ballett, siegt 7:3 und krönt sich zum fünften Mal in Folge zum Sieger im Meistercup.

  • Uefa-Chef Michel Platini darf auch bei der EM 2016 die Coupe Henri Delaunay ausloben.
    foto: apa/epa/kravchenko

    Uefa-Chef Michel Platini darf auch bei der EM 2016 die Coupe Henri Delaunay ausloben.

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