Koller: "Ich bin nicht die Mutter Teresa"

Interview20. März 2015, 18:00
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Tabellenführer Österreich gastiert in der EM-Quali in Liechtenstein. Teamchef Marcel Koller spricht über Sehnsüchte, Selbstvertrauen und die Steigerung der Fußballer

STANDARD: Liechtensteins Teamchef René Pauritsch sagt, Österreich besitze in der Qualifikationsgruppe G die weitaus höchste Qualität, sei stärker als Russland, Schweden und Montenegro. Er hat keine Zweifel, dass Ihre Mannschaft bei der EM in Frankreich dabei ist. Sogar im Fall einer natürlich nicht zu erwartenden Niederlage am Freitag in Vaduz. Teilen Sie diese Einschätzung?

Koller: Nein, das ist Taktik. Er versucht, uns Honig ums Maul zu schmieren, das kenne ich, dafür bin ich schon zu lange dabei. Aber es stimmt, dass wir Qualität haben. Vor allem im vergangenen halben Jahr haben es die Spieler konstant gezeigt. Wir müssen weiter fokussiert bleiben, dürfen nicht an Frankreich denken. Entscheidend ist nur das nächste Spiel, wir müssen gegen Liechtenstein unser Potenzial abrufen.

STANDARD: Geht es im zweiten Teil der Qualifikation darum, die richtige Mischung aus Selbstbewusstsein, Konzentration und möglicherweise auch Demut zu finden?

Koller: Ja, das brauchst du immer. Wir sind jetzt drei Jahre zusammen und haben in der WM-Quali für Brasilien einiges aufgebaut. Wir sind gescheitert, aber es musste etwas passieren, damit du Dinge korrigieren kannst. Man kann erst eingreifen, wenn man die Spieler kennt. In Kasachstan waren wir die letzte Viertelstunde nervös, hektisch, aufgeregt, wir wollten das Tor herbeireden, hatten nicht die Ruhe, weiter unser Spiel zu spielen.

STANDARD: Ist das Scheitern die Voraussetzung, um irgendwann Erfolg zu haben?

Koller: Ja, klar, das gehört dazu. Wer hat schon immer Erfolg? Du machst dir mehr Gedanken, wenn du verlierst. Das ist wichtig, um wieder nach vorn zu kommen.

STANDARD: Sie sind kein Freund von Hochrechnungen. Fakt ist, dass Österreich die Nummer 23 in der Weltrangliste ist. Wohin kann die Reise noch führen?

Koller: Wenn die Spieler das abrufen, was sie in sich haben, sie gefestigt sind und Konstanz zeigen, dann bin ich überzeugt, dass noch einiges drinnen ist. Man soll aber nicht zu sehr an die Zukunft denken, die ist im Fußball weit weg.

STANDARD: Worin liegt das größte Verbesserungspotenzial? Oder geht es nur noch um Nuancen in sämtlichen relevanten Belangen?

Koller: Bei jedem Einzelnen herrscht Verbesserungsbedarf. An der Bereitschaft, in jedem Spiel ans Limit zu gehen, muss permanent gearbeitet werden. Wir könnten in der Offensive noch bewusster, noch konzentrierter sein, um mehr Tore zu erzielen. Manchmal fehlt die Abgebrühtheit. Es ist egal, wie der Ball über die Linie geht, es muss nicht immer das Tor des Monats sein.

STANDARD: Hat Sie das Tempo der Entwicklung des ÖFB-Teams überrascht?

Koller: Vielen Journalisten und Fans war die Entwicklung doch zu langsam. Du hast das Nationalteam halt nicht jeden Tag. Seit dem letzten Lehrgang sind vier Monate vergangen. Jeder ist bei einem anderen Trainer, jeder Coach hat eine Philosophie, es geht zwar überall um Fußball, aber jeder sieht das in Details anders. Darin liegt die Schwierigkeit. Sind die Spieler bei uns, müssen sie sich umstellen. Seit einem halben Jahr merke ich, dass sie die Ideen verinnerlicht haben. Es geht jetzt schneller.

STANDARD: Ist die Angst vor Rückschlägen kleiner geworden?

Koller: Ich habe keine Angst. Schlechte Spiele wird es immer geben, und wenn ich sehe, dass das Team dabei bis ans Limit gegangen ist, muss man auch manchmal mit einem Remis zufrieden sein. Wir haben eine gewisse Festigung erreicht. Gegen Kasachstan hieß es: Gewinnen wir nicht gegen die Kleinen, haben wir bei einer WM nichts verloren. Wer sagt aber, dass man nicht gegen die Großen punkten kann? Diesen Gedanken musste ich erst in die Köpfe der Spieler und der Bevölkerung bringen.

STANDARD: Sie stehen unmittelbar vor der Seligsprechung. Für die Heimspiele gegen Liechtenstein und Moldau wurden schon mehr als 30.000 Abos verkauft. Beim Test am 31. März gegen Bosnien wird das Happel-Stadion voll sein. Die Sehnsucht und Erwartungshaltung der Leute steigen. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Koller: Ich freue mich, sehe das nicht als Druck. Alle lechzen nach der EM in Frankreich, wir auch. Was die Leute denken, kann ich nicht beeinflussen. Was beim Team passiert, schon. Ich vermittle der Mannschaft, dass es sich lohnt, alles rauszuhauen. Die Zuschauer sind die, die bezahlen. Sie haben das Recht darauf, dass wir 100 Prozent abrufen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es für den Einzelnen einen schlechten Tag geben kann. Er hat aber noch zehn andere, die für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen können. Das ist Teamarbeit.

STANDARD: Und was ist mit der Seligsprechung?

Koller: Die gebührt anderen, ich bin nicht die Mutter Teresa. Aber ich spüre die Zuneigung, die Leute haben eine Freude damit, wie wir auftreten. Es ist wichtig, dies beizubehalten und nicht überheblich zu werden. Man darf nie sagen, es passt alles. Sonst kommt man nicht weiter.

STANDARD: Das Nationalteam ist also kein Selbstläufer?

Koller: Es ist Arbeit.

STANDARD: Es gibt auch ein anderes Gesicht im österreichischen Kick. Die Liga darbt, Grödig hatte keinen benutzbaren Rasen, die Zuschauerzahlen sinken, Salzburg ist in der Europa League gescheitert. Das Team scheint sich vom Alltag losgelöst zu haben. Besteht die Gefahr, dass die Schere zu weit aufgeht?

Koller: Ich denke nicht. Es muss ein Zusammenspiel sein, beides ist wichtig, das ist kein Kampf zwischen ÖFB und Liga. Wichtig ist zum Beispiel, dass Rapid ein neues Stadion bekommt, das wird etwas bewegen. Es will keiner mehr 90 Minuten lang im Regen sitzen, da bleibt er lieber zu Hause. Du brauchst volle Stadien, damit die Leute sagen, dort will ich auch hin. Der Fußball lebt von der Gänsehautatmosphäre.

STANDARD: Macht es für Sie überhaupt Sinn, österreichische Ligaspiele zu besuchen?

Koller: Ja, es sind ja nicht alle im Ausland tätig.

STANDARD: In den ersten Jahren ihrer Tätigkeit ging es immer wieder darum, dass Leistungsträger keine Praxis haben, bei ihren Vereinen kaum zu Einsätzen kommen. Das Thema hat sich fast erübrigt. Alaba hält seine Hochform, Junuzovic ist das Herz von Bremen, an Dragovic soll die halbe Premier League interessiert sein, Fuchs geigte gegen Real Madrid. Ist das nicht der größte Fortschritt?

Koller: Ja. Jetzt spielen alle, das kann in einem halben Jahr wieder anders sein. War einer Reservist, ist bei mir nicht gleich Panik ausgebrochen. Ich bin ruhig geblieben, weil ich an die Qualitäten glaubte und glaube. Aber es ist schön, wenn sie mit Selbstvertrauen kommen. Das ist besser, als wenn man sagen müsste, mach den Mund auf, ich schütte dir Selbstvertrauen rein. Wir können jetzt gleich loslegen.

STANDARD: Ein Spezialfall war immer Janko. Er schießt in Sydney Tore am Fließband. Ist die australische Liga zu schwach für ihn?

Koller: Die können auch verteidigen, gehen zur Sache. Vielleicht besteht vom Taktischen her ein Nachholbedarf. Wenn Janko fit ist, erzielt er aufgrund seiner Klasse überall Tore.

STANDARD: Liechtenstein gilt als Fußballzwerg. Mögen Sie diesen Begriff?

Koller: Nein, weil es despektierlich ist. Würde ich als Trainer so denken, wäre ich überheblich. Und das möchte ich nicht sein.

STANDARD: Ergänzen Sie den Satz: Österreich fährt zur EM, weil ...

Koller: ... wir alle dorthin wollen.

STANDARD: Es ist nicht davon auszugehen, dass Sie als ÖFB-Teamchef in Pension gehen. Was soll man Ihnen einmal nachsagen?

Koller: Das überlasse ich jedem Einzelnen.

STANDARD: Ist die Sehnsucht nach der täglichen Arbeit auf dem Platz, wie sie nur Vereine bieten können, geblieben?

Koller: Ja. Sie ist aber nicht mehr ganz so extrem wie im ersten halben Jahr. Ich bin kein Theoretiker, ich bin ein Praktiker. (Christian Hackl - DER STANDARD, 21.3. 2015)

  • Ab Montag steht Teamchef Marcel Koller wieder auf dem Trainingsplatz. "Ich bin kein Theoretiker, ich bin Praktiker."
    foto: apa/jäger

    Ab Montag steht Teamchef Marcel Koller wieder auf dem Trainingsplatz. "Ich bin kein Theoretiker, ich bin Praktiker."

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