Das griechische Schlamassel

Kommentar21. März 2015, 09:05
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Ein Stinkefinger dominiert die Auseinandersetzung um die Sanierung des Landes

Ein Stinkefinger hat diese Woche die Gemüter erregt. Tagelang wird nun schon ernsthaft darüber diskutiert, ob der griechische Finanzminister Yiannis Varoufakis Deutschland den Mittelfinger gezeigt hat oder ob das Ganze ein Fake war. Unstrittig ist, dass die Aufnahme aus dem Mai 2013 stammt - also aus einer Zeit, in der Varoufakis noch nicht Finanzminister war. Warum also die Aufregung? Erneut wird darüber debattiert, dass das deutsche Magazin Focus bereits 2011 Aphrodite mit ausgestrecktem Mittelfinger auf dem Titelblatt zeigte neben der Schlagzeile "Betrüger in der Euro-Familie." Wer hat also damit angefangen?

Das fragt man sich tatsächlich, wenn man die ganzen Streitereien und Zündeleien der vergangenen Wochen beobachtet. Insbesondere zwischen Griechenland und Deutschland fliegen die Fetzen. Da geht es nicht mehr um Fakten, sondern um Emotionen: Es wird genau analysiert, wer was wie über wen sagt, ob nun Varoufakis und sein deutscher Kollege Wolfgang Schäuble miteinander können. Wer ist der Klügere, wer der Arrogantere?

Es geht auch um Spielereien, die teilweise auf Kindergartenniveau ablaufen: Die Troika, die die Umsetzung des Rettungsprogramms in Griechenland kontrolliert, gibt es zwar wieder, aber sie darf nicht mehr so heißen. Nun ist die Rede von Institutionen. In die Ministerien dürfen deren Vertreter auch nicht mehr, sondern sie müssen in Athener Hotels sitzen.

Der ernste Hintergrund ist, dass die internationalen Geldgeber nicht wissen, wie viel Geld noch in der griechischen Staatskassa ist. Ob es die amtierende Regierung weiß, ist aber auch nicht bekannt. Offenbar ist die Lage dramatischer als bisher zugegeben. "Unbedeutend" nannte Varoufakis die Liquiditätsprobleme seines Landes am vergangenen Sonntag im deutschen Fernsehen. "Wir laufen Gefahr, ohne Geld zu bleiben", korrigierte ihn am Donnerstag Yiannis Dragasakis, der griechische Vizepremier. Was gilt nun?

Griechenland muss konkrete Projekte und Schritte vorlegen, will es weiterhin Geld von EU-Partnern beanspruchen. Varoufakis fand zwar Zeit, samt Lebensgefährtin auf seiner Terrasse mit Blick auf die Akropolis für die Illustrierte "Paris Match" zu posieren, aber ein konzises Konzept, wie die griechische Regierung ihre Wahlversprechen finanzieren und gleichzeitig den internationalen Zahlungsverpflichtungen nachkommen will, hat er bisher nicht präsentiert. Zu erklären, die bisherigen Verpflichtungen würden nicht mehr gelten, ist zu einfach.

Die Erkenntnis, dass einige der von der Troika oktroyierten Maßnahmen zu überschießend waren und zur Verarmung vieler Menschen in Griechenland beigetragen haben, hat sich in Brüssel schon weitgehend durchgesetzt. Man muss die Maßnahmen evaluieren und Anpassungen vornehmen. Aber genauso muss Syriza Anpassungen vornehmen und endlich vom Wahlkampfmodus in die Regierungsarbeit finden. Die Realität ist anders, als sich manche das vor der Übernahme von Regierungsämtern vorgestellt haben mögen. Die Wirklichkeit ist immer konkret.

Athen muss liefern, dann werden die Europartner weiterhin zahlen. Dass die Eurogruppe angesichts der sozialen Lage in Griechenland nicht auf Punkt und Beistrich auf der Erfüllung der alten Vereinbarungen beharren kann, ist evident. Viele wollen der griechischen Regierung helfen, aber sie muss sich auch selbst helfen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 21.3.2015)

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