Wucht und Tränendrüsentröpfchen

20. März 2015, 16:50
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Schmelz und Kraft: Die Tschechische Philharmonie gastierte im Wiener Musikverein

Wien - Es gibt selten gehörte Stücke, die man normalerweise nicht vermisst. Die Kompositionen des Geigenvirtuosen Josef Suk haben - um es vorsichtig auszudrücken - einen eher begrenzten Wiederentdeckungswert, auch wenn sie noch so fulminant präsentiert werden. Doch die folkloristischen Töne, der rhapsodische Gestus und das Tränendrüsentröpfchenpathos seiner g-Moll-Fantasie wirkten recht unmotiviert hingeworfen, auch wenn der Geiger Josef Spacek im Musikverein alles tat, um das Stil- und Stahl-Sammelsurium zu nobilitieren. Erst bei der Zugabe - der Ballade von Eugène-Auguste Ysaÿe - fand er jedoch ein Werk von adäquatem Format. Die Tschechische Philharmonie, die noch bis zum Wochenende ein Gastspiel gibt, schöpft indessen immer aus dem Vollen.

Steigerungspotenziale

Unter ihrem Chefdirigenten Jirí Belohlávek vermittelte sie schon bei Dvoráks siebenter Symphonie Schmelz und Wucht, während es bei der Spannung aus der klanglichen Ausgewogenheit noch Steigerungspotenzial gegeben hätte.

Wie aus einem Guss erstanden dann aber nach der Pause die drei programmatischen sagenhaften Heldenschilderungen aus Janáceks Taras Bulba. Dirigent und Orchester zeigten ganz natürlich die musikalischen Wurzeln des markant artikulierten herb-sperrigen Idioms in romantischen Ausdruckswelten, arbeiteten aber pointiert die Unwucht und die schroffen Kanten heraus, ließen Janáceks "Sprachmelodie" mit einer tollen Mischung aus erdenschwerer Heftigkeit, Brillanz und elegantem Schwung in modernistische Rohheit übergehen.

Das Publikum im Goldenen Saal dankte den Gästen mit kaum weniger goldener Wiener Herzlichkeit. (Daniel Ender, DER STANDARD, 21./22.3.2015)

Weitere Termine: Martinu: Denkmal für Lidice, Symphonie Nr. 6, Janácek: Glagolitische Messe, 21. 3., 15.30 Uhr, 22. 3., 11 Uhr

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