Schlaflabor: Im Bett mit der Nasenbrille

22. März 2015, 09:00
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Sägen, grunzen, röcheln: Schnarche ich einfach bloß oder beeinträchtigt das meine Gesundheit? Ein Selbstversuch im Schlaflabor

Werde ich einschlafen können? Diese bange Frage geht mir durch den Kopf, während mir Ingrid Klicpera, die medizinisch-technische Assistentin, ebendort zehn Elektroden befestigt. Ich sitze im Pyjama auf meinem Bett im Schlaflabor des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien und bin gar nicht mehr sicher, ob ich wirklich eine Nacht hier verbringen will.

Hier, das ist immerhin ein Einzelzimmer mit eigenem Bad und WC, und meine Sorge, dass ich vollverkabelt im Bedarfsfall nicht dorthin komme, wird ausgeräumt: "Die Aufzeichnungen funktionieren über ein Funksystem", erklärt Klicpera freundlich, "Sie können jederzeit aufstehen."

Schnarche ich?

Ich bin hier, weil mein Partner behauptet, dass ich schnarche - was natürlich keinesfalls stimmt. Abgesehen von der nächtlichen Ruhestörung gilt es abzuklären, ob es zu Schlafapnoe, also Atmungsaussetzern, kommt. Deren Folge sind nicht nur Tagesmüdigkeit, sondern auch Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, stark erhöhtes Herzinfarktrisiko und erhöhtes Schlaganfallrisiko.

An meinem Oberkörper wird mit einem Gurt eine zentrale Dockingstation angebracht, dorthin laufen die Kabel zur Erfassung der Hirnstromkurve (EEG), der Augenbewegungen (EOG), der Muskelspannung, der Atmung und der Herzaktivität. Dem Bett gegenüber hängt eine Kamera, die meinen Schlaf filmt. "Wenn das jemand nicht möchte, verzichten wir darauf", erklärt Robert Stepansky, der Leiter der Schlafambulanz.

Jeder Fünfte betroffen

424 Menschen mit unterschiedlichsten Schlafstörungen kamen im Vorjahr hierher. Immerhin 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung in westlichen Industrieländern leiden darunter, so Stepanskys Schätzung. Im Schlaflabor wird abgeklärt, ob diese organische oder psychische Gründe haben. "Wenn die Patienten von einem niedergelassenen Arzt oder einer anderen Abteilung überwiesen werden, ist die Schlafambulanz gratis", erklärt er. Bei rund 80 Prozent von ihnen wird Schlafapnoe diagnostiziert.

Bei circa 20 Prozent handelt es sich um andere Störungen wie Insomnie, also Schlaflosigkeit infolge von Depression, oder um "erlernte Schlaflosigkeit". Bei Letzterer, so Stepansky, sei meist ein "belastendes, einschneidendes Erlebnis" die Ursache. Die Schlaflosigkeit sei oft mit dem eigenen Bett konnotiert, die Folge: "Im Schlaflabor schlafen die meisten besser."

"Licht aus"

Ob es mir auch so geht? Hier darf man schlafen gehen, wann man möchte. Fix ist nur, dass man um 16 Uhr eincheckt, ein Aufnahmeblatt und eine Einverständniserklärung unterzeichnet und von einem Turnusarzt untersucht wird. Wenn man bettfertig ist, wird man verkabelt. Mit "Licht aus" startet die Videoaufzeichnung, der Nachtdienst steht jederzeit via Gegensprechanlage bereit.

Um 22.22 Uhr drehe ich das Licht ab. Werde ich einschlafen können? Das Zimmer ist angenehm ruhig und dunkel, aber die Kabel sind irritierend: Vor allem die "Nasenbrille", die mir erst kurz vor dem Schlafengehen aufgesetzt wurde, macht mir zu schaffen. Sie misst die Atemtätigkeit direkt in der Nase. Das ist nicht schmerzhaft, aber so, als hätte man Wattestäbchen in den Nasenlöchern.

Auch das Gerät, das die Sauerstoffversorgung über den Fingernagel des kleinen Fingers misst, ist gewöhnungsbedürftig. Ich schließe die Augen und versuche, die Gedanken schweifen zu lassen. Aber sie drehen sich im Kreis um die Frage: Was, wenn ich nicht schlafen kann? Was, wenn ich abbrechen muss?

Keine Atemaussetzer

"Das kommt schon manchmal vor, aber selten", erklärt mir Stepansky am nächsten Morgen. Manchmal würden auf Wunsch die Kabel umgesteckt oder neu fixiert, wenn sie jemand abstrampelt. Ich aber liege ruhig, zeigen die Aufzeichnungen. Ich bin tatsächlich eingeschlafen! Und zwar nach 33 Minuten. Ich liege abwechselnd auf beiden Seiten und auf dem Rücken. Und ja: Ich schnarche! Aber nur leise und auf der Seite liegend, vermerkt das Protokoll. Zum Glück habe ich keine Atemaussetzer in dieser Nacht, die Sauerstoffversorgung ist gut.

Das ist bei vielen Patienten des Labors nicht der Fall: Sie leiden unter besagten Schlafapnoen, also Störungen, die durch Atempausen gekennzeichnet sind. Diese führen zu ständigen kurzen Weckreaktionen. Der Körper ist durch den Sauerstoffmangel in Alarmbereitschaft versetzt, man wacht auf, ohne es zu bemerken. Das führt zu einer Störung der Schlafqualität - der Tiefschlaf oder der Traumschlaf (auch REM-Schlaf, von Rapid Eye Movement) werden erst gar nicht erreicht.

Hunderte Atemstillstände

Die gute Nachricht: Die "obstruktive Schlafapnoe" (OSA), unter der etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden - die undiagnostizierte Dunkelziffer ist höher -, ist gut behandelbar. "Durch Erschlaffen der Rachenmuskulatur kommt es zu einem Verschluss der oberen Atemwege", erklärt Stepansky. "Atemstillstände können hunderte Male pro Nacht auftreten. Die Patienten sind sich dessen nicht bewusst, aber tagsüber total geschafft, obwohl sie subjektiv geschlafen haben."

Patienten mit dieser Diagnose bleiben eine zweite Nacht im Schlaflabor und werden mit einer Nasenmaske behandelt. Bei dieser "CPAP-Therapie" wird über diese Maske Raumluft mit erhöhtem Druck in die Atemwege geleitet und so das Kollabieren der Rachenmuskulatur verhindert. "Das funktioniert wie ein umgekehrter Staubsauger. Die Maske ist nicht eben Wellness pur", sagt Stepansky, "aber effizient."

Etwa zehn Prozent der Schlafapnoiker erhalten das Gerät für zu Hause, bei entsprechender Indikation zahlt die Krankenkasse. "Früher waren die kühlschrankgroß, jetzt wiegen sie kaum drei Kilo", erklärt er. Ich werde, so zeigt mein Datenblatt, ohne Maske auskommen. Mein Schlafstadienwechsel vom Leichtschlaf in den Tiefschlaf ist altersgemäß, meine Schlafeffizienz gut. Zwölfmal war ich in der Nacht laut Aufzeichnung wach, auch das ein normaler Wert. Erinnern kann ich mich nur an dreimal. Um 6.50 Uhr werde ich entkabelt und wundere mich über einen Traum. Schon beim Frühstück habe ich ihn vergessen. (Tanja Paar, DER STANDARD, 21./22.3.2015)

  • Voll verkabelt, also bereit für den Test im Schlaflabor.
    foto: privat

    Voll verkabelt, also bereit für den Test im Schlaflabor.

  • Kurvenstudie: Im Vergleich zur idealen Schlafkurve, bei der man im Laufe einer Nacht auch in Tiefschlafphasen abtaucht, pendelt ein Schlafapnoe-Patient meist nur zwischen Leichtschlafphasen. Dazu gehört die Einschlafphase (1), Stadium zwei markiert den leichten Schlaf, mit Phase drei beginnt der Tiefschlaf (4). Im REM-Schlaf träumen wir, können uns aber oft nicht daran erinnern.
    foto: istock; illustration: fatih aydogdu

    Kurvenstudie: Im Vergleich zur idealen Schlafkurve, bei der man im Laufe einer Nacht auch in Tiefschlafphasen abtaucht, pendelt ein Schlafapnoe-Patient meist nur zwischen Leichtschlafphasen. Dazu gehört die Einschlafphase (1), Stadium zwei markiert den leichten Schlaf, mit Phase drei beginnt der Tiefschlaf (4). Im REM-Schlaf träumen wir, können uns aber oft nicht daran erinnern.

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