Ronalds Hang zu Adele

20. März 2015, 18:24
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Die Art Basel Hongkong ist für die Tefaf keine Konkurrenz, denn die beiden Messeformate trennen inhaltlich Welten, und man weiß in Maastricht "Cross-Buyers" zu bedienen

Sinneseindrücke sammeln, das ist jener Erlebnisfaktor, den die Tefaf (The European Fine Art Fair, bis 22. 3.) als Mutter aller Kunst- und Antiquitätenmessen jedem einzelnen der etwa 75.000 jährlich nach Maastricht pilgernden Besucher bietet, völlig unabhängig von der jeweiligen Einkommensklasse. Die erste Wahrnehmung ist - für Debütanten überraschend - allerdings seit Jahren eine olfaktorische: der gleich auf den ersten Messemetern aus dem Restaurant La Concorde wabernde Frittenbudengestank. Davon vermag selbst das wechselnde Design im Entree nicht abzulenken, obwohl man es heuer mit Tausenden von weißen Rosen versucht haben mag.

Kenner der Historia Augusta assoziieren mit der vom Plafond und an den Seitenwänden baumelnden Blütenpracht wohl eher letale antike Dekadenz: Schließlich seien bei einem Bankett Heliogabals einige Gäste unter der Unmenge duftender Blütenblätter erstickt, die der Kaiser von der Decke auf sie hinabfallen ließ. 1888 verewigte Lawrence Alma-Tadema diese an Rosenblüten reiche Episode in einem legendären Gemälde, das derzeit in einer Ausstellung im Londoner Leighton House Museum gastiert. Eigentümer ist der mexikanische Milliardär Juan Antonio Pérez Simón, der auch an Alma-Tademas Entrance to a Roman Theatre (1866) Gefallen finden könnte, das hier samt originalem Künstlerrahmen im Angebot der Galerie Arnoldi-Livie ein gefälliges Dasein fristet.

Die Verhandlungen für das einst in Vanderbilt-Besitz befindliche Gemälde beginnen jenseits der magischen Millionengrenze. Für 170.000 Euro (exkl. MwSt.) buhlen hier auch zwei "alte Bekannte" um die Gunst potenzieller Käufer: die beiden 2007 an die Erben nach Richard und Alice Neumann restituierten Altarbilder Kremser Schmidts (hl. Florian, hl. Nepomuk).

Will man Bezüge zum Heimatland, wird man als Österreicher da und dort fündig. Etwa über jüngst bei "im Kinsky" Versteigertes: in der Sektion Antiken bei Charles Ede (London), wo das Mumienporträt einer jungen Dame (214.000 Euro) nun als zentraler Blickfang für 500.000 Euro lockt; oder bei Altmeisterspezialist Richard Green (London), der sich als Käufer des üppigen Blumenstücks von Jan Brueghel d. Ä. enttarnt, für das er 2,19 Millionen Euro bewilligte und nun deren 4,8 Millionen zu bekommen hofft.

Via Maastricht nach New York

Im Zuge der mit knapp 10.000 Kunstinteressierten und Brötchengeiern gut frequentierten Vernissage wechselte das eine oder andere Werk den Besitzer. Das bessere Geschäft machten die Teilnehmer (rd. 280 aus 20 Ländern) allerdings in den Tagen danach und an Volumen deutlich mehr als bei der einige Flugstunden entfernt laufenden Art Basel Hongkong (13.- 17. 3.). Wie Tefaf-Chairman Konrad Bernheimer in einem Handelsblatt -Interview jüngst erläuterte, sei man über diese zeitliche Parallelität anfänglich "not amused" gewesen. Die Sorge, für den einen oder anderen Aussteller in der Sektion Zeitgenössisches liefe das auf eine Entweder-oder-Entscheidung hinaus, erwies sich als unbegründet. Kein Wunder, schließlich würde der Veranstalter freie Standplätze nachbesetzen und nicht für Folgejahre reservieren.

Manche bespielten also beide Formate. Dazu versteht die inhaltliche Beschaffenheit der Tefaf "Cross-Buyers" zu bedienen, die sowohl auf Modernes als auch auf Alte Kunst oder Antiquitäten spitzen: seit Jahren erfolgreich und so auch heuer, wirtschaftlicher Turbulenzen nachgerade zum Trotz. Insbesondere für Teile der Österreich-Fraktion lief es fantastisch. Fotospezialist Johannes Faber verkaufte in den ersten Stunden mehr als in der gesamten Laufzeit des Vorjahres: eine Bewegungsstudie von Rudolf Kopitz (125.000 Euro) von 1925, vier Gelatin-Silver-Prints von Horst P. Horst (13.000-20.000 Euro) und zig andere Vintageklassiker. Den redensartlichen Vogel schossen an der Verkaufsfront wohl Wienerroither & Kohlbacher ab: Mitte der Woche hielt man bei 13 Verkäufen, dazu gehörten eine Feininger-Rarität (Gemälde Schiffe und rote Sonne, 1924; rd. 800.000 Euro) sowie Arbeiten auf Papier, von Schiele, Kokoschka, Kubin und Klimt sowieso. Im Falle Klimts gilt es ferner eine Reunion zu vermelden: Zwei fantastische Studien zum Porträt Adele Bloch-Bauer I (1907) fischte sich Ronald Lauder (für 175.000 bzw. 275.000 Euro) aus dem Angebot, sie wandern nun zu "ihrem" Gemälde in die Neue Galerie New York ab. (DER STANDARD, 21.3.2015)

Die Recherchereise wurde von Tefaf Maastricht finanziert.

  • 1866 schuf Lawrence Alma-Tadema dieses Gemälde und entwarf dazu auch den passenden Rahmen.
    foto: kunsthandel arnoldi-livie

    1866 schuf Lawrence Alma-Tadema dieses Gemälde und entwarf dazu auch den passenden Rahmen.

  • Diese Studie zum Gemälde Adele Bloch-Bauer I (1907), besser bekannt als die in der Neuen Galerie New York beheimatete "Goldene Adele", schuf Gustav Klimt 1903. Für 275.000 Euro sicherte sich Ronald Lauder dieses Blatt jetzt in Maastricht als Ergänzung zum Bildnis, das er 2006 für 135 Millionen Dollar erwarb.
    foto: wienerroither & kohlbacher

    Diese Studie zum Gemälde Adele Bloch-Bauer I (1907), besser bekannt als die in der Neuen Galerie New York beheimatete "Goldene Adele", schuf Gustav Klimt 1903. Für 275.000 Euro sicherte sich Ronald Lauder dieses Blatt jetzt in Maastricht als Ergänzung zum Bildnis, das er 2006 für 135 Millionen Dollar erwarb.

  • Enttarnt: Bei dem geheimnisvollen Bieter, der dieses üppige Blumenstück von Jan Brueghel d. Ä. im November für 2,19 Millionen Euro in Wien ersteigerte, handelte es sich um Richard Green. Für 4,8 Millionen Euro offeriert es der Londoner Kunsthändler nun in Maastricht.
    foto: : im kinsky

    Enttarnt: Bei dem geheimnisvollen Bieter, der dieses üppige Blumenstück von Jan Brueghel d. Ä. im November für 2,19 Millionen Euro in Wien ersteigerte, handelte es sich um Richard Green. Für 4,8 Millionen Euro offeriert es der Londoner Kunsthändler nun in Maastricht.

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