So bestellt man in Italien besser keinen Eierlikör

Kommentar20. März 2015, 17:00
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Zum Thema "Fingerzeige"

Nichts gegen den Stinkefinger. Solange man ihn nicht selbst gezeigt bekommt, ist er eine elegante und effiziente Geste, die zudem durch Internationalität brilliert. Den Stinkefinger braucht man nicht ins Englische, Irische oder Spanische zu übersetzen, weil er überall verstanden wird (Stinkefinger-Dolmetscher ist ein brotloser Job).

Wenn man den Stinkefinger einem Ureinwohner des Kapingamarangi-Atolls entgegenreckt, begreift der betreffende Kapingamarangianer sofort, dass man ihn weder zum Tanz auffordert noch auf einen Cocktail einlädt, sondern dass ihm etwas Unangenehmes beschieden wird. Kraft seiner Unmissverständlichkeit trägt der Stinkefinger somit mächtig zur Völkerverständigung bei.

Nicht jede Geste kann das. Manche stiften, im Gegenteil, Konfusion und Unmut, weil sie im Ausland anderes meinen als im Inland. Das Ganze hat mit der großen Verwirrung in Babylon begonnen. Nicht nur, dass der Zimmermann dem Steinmetzen nicht mehr sagen konnte, wo der Hammer hängt. Auch bis dahin eindeutige Fingerzeige begannen plötzlich zu schillern: "Mach mir genau dort ein Fenster (Geste) hin" (genau dort betoniert der Kollege dann alles bombenfest zu). Kein Wunder, dass so aus dem Turm nichts wurde.

Zur Gestenvieldeutigkeit eine Anekdote. Vor Jahren ging der Krisenkolumnist mit einer Bekannten auf eine Erfrischung in ein Café in Lignano. Der Dame stand der Sinn nach einem Eierlikör, und weil sie nicht Italienisch konnte, gab sie dem Kellner ihre Bestellung per Notbehelf auf, indem sie mehrfach "Likoro, Likoro" sagte und zugleich Daumen und Zeigefinger zu einem eiförmig gemeinten Rund formte.

Das Problem: In Italien steht der Kreis aus Daumen und Zeigefinger weder für Eier noch Eierlikör, sondern für eine unehrenhafte Öffnung des Körpers, welche auch gern als Beschimpfung bemüht wird. Allerdings erwies sich der Kellner, nach einem ersten Moment der Irritation, als ein Gentleman und Blitzgneißer, sodass sich die Geschichte schließlich in Wohlgefallen auflöste.

Damit möchte der Krisenkolumnist nicht behauptet haben, dass es in Italien immer folgenlos sei, mit Eier-Gesten herumzufuhrwerken. Ich vermute zum Beispiel, dass ein sensationeller Knalleffekt einträte, wenn ein Tourist das Ei nicht einem Kellner in Lignano zeigen würde, sondern einem 'Ndrangheta-Capo in Reggio di Calabria. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 21./22.3.2015)

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