Die Menschen gehen der Erde unter die Haut

21. März 2015, 09:00
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Verlust von Humus ist auch in Europa ein Problem. Wissenschafter und Landwirte berichten von Gegenstrategien

Wien - Pro Jahr gehen weltweit 24 Milliarden Tonnen an fruchtbarem Boden durch falsche Nutzung verloren. Auch viele landwirtschaftliche Flächen leiden an einer "Immunschwäche". Der Verlust an Humus reduziert die Widerstandsfähigkeit gegen Wetterextreme. Die Vereinten Nationen haben 2015 zum Jahr der Böden ernannt. Die durch den Menschen beschleunigte Bodenerosion ist nicht nur in tropischen Gebieten ein Problem, betont Christine Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie berichtet vom Verlust fruchtbarer Böden durch Wind und Wassererosion in Brandenburg in den letzten Jahren.

Die Referentin für internationale Agrarpolitik hat den Bodenatlas 2015 mitgestaltet. Auch in Österreich werden laut diesem Bericht pro Tag hochgerechnet 28 Fußballfelder an fruchtbarem Boden zerstört und versiegelt. "Für Bau- und Straßenfläche, Lagerplätze für Autobahnbau oder auch Golfplätze", nennt Sigbert Huber, Leiter der Abteilung Boden und Flächenmanagement im Umweltbundesamt Beispiele.

"In der Theorie ein schönes Wort"

Biolandwirt Hannes Doppelbauer bewirtschaftet in Wels 50 Hektar Land. Sein Wissen durch jahrzehntelange Erfahrung gibt er an andere Biobauern weiter. "Humusaufbau ist in der Theorie ein schönes Wort", sagt er. In der Praxis sei der Aufbau der Humuswerte jedoch nicht so "einfach wie im Buch". Seine eigenen Felder bearbeitet er mit Mulch. Der Boden wird dabei mit unverrottetem organischem Material bedeckt und geschützt. Das ist eine Vorsorge, damit die Erträge der Felder gut bleiben.

Denn für die Bildung weniger Zentimeter Humus sind hunderte Jahre notwendig. Nach menschlichen Maßstäben ist fruchtbarer Boden keine erneuerbare Ressource. Bodenforscherin Heide Spiegel von der Ages erklärt den Prozess: Aus den abgestorbenen und umgewandelten Resten von Pflanzen und Tieren entsteht Humus, der mit mineralischen Bestandteilen Aggregate bildet. Darin werden Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor, Kalium und Magnesium gespeichert. "Diese biologischen Prozesse können nicht beschleunigt werden", sagt sie.

Eine Maßnahme, um die kostbare Humusschicht zu schützen, ist simpel: Den Boden ganzjährig grün halten. Wenn große Flächen ungeschützt sind, können Regen und Wind innerhalb kürzester Zeit großen Schaden anrichten. Besonders gefährdet durch Wassererosion sind laut Bodenforscherin Spiegel Zuckerrübe, Soja, Sonnenblume, Kürbis, Kartoffel und Mais in Hanglagen. Bei diesen Kulturen wird eine erosionsmindernde Bewirtschaftung mit Mulch- und Direktsaat in Österreich schon bei mehr als einem Drittel der Flächen durchgeführt. Ebenso betroffen sind Wein, Obst und Hopfen, wenn der Boden nicht begrünt ist.

"Die organische Masse bremst die Aufprallgeschwindigkeit der Tropfen", erklärt der Biobauer einen weiteren Vorteil. Wenn nach der Schneeschmelze oder starken Regenfällen in den Feldern das Wasser steht, weist das auf verdichtete Böden hin. "Schädliche Bodenverdichtungen entstehen insbesondere durch das Befahren der Felder mit zu schweren Maschinen wie bei der Ernte und bei feuchten Bedingungen", sagt Spiegel. Doppelbauer kennt das Problem: Seine Böden sind reich an Ton. Der Boden ist bei Starkregen daher schnell übersättigt, da in den feinen Poren des Tons schon viel Feuchtigkeit gespeichert ist.

Hungriger Regenwurm

Doppelbauer betont, dass viele Bauern die Lebendigkeit des Bodens zu wenig berücksichtigen. Er bearbeitet seine Felder nicht mit dem Pflug. Er setzt die Dammkultur nach Turiel ein, bei der der Boden mit dornenähnlichen Zinken nur gelockert, aber nicht gemischt wird. "Bis in eine Tiefe von acht Zentimetern sind die meisten Bakterien. Sie brauchen Sauerstoff", sagt er. Im Unterboden sterben sie ab. Das betrifft auch den Regenwurm, der den Boden belebt und belüftet: Er ernährt sich von Pilzen und Bakterien, die organische Substanzen zersetzen. Werden diese in tiefen Schichten umgegraben, verhungert auch der Wurm.

Simulationen am Computer sollen die Bauern künftig unterstützen. Das Umweltbundesamt entwickelte gemeinsam mit Partnern einen Kohlenstoffrechner. Der Landwirt kann eingeben, was er anbaut und in welcher Folge. Die Auswirkungen auf die Humusversorgung werden mit diesen Daten berechnet. "Böden können besser genutzt werden, wenn man den künftigen Klimawandel bedenkt, also wie sich Temperatur und Niederschlag und in der Folge die Humusversorgung verändern können", sagt Spiegel. In Österreich steigen laut Ages seit 1995 die Humusgehalte im Durchschnitt wieder an. (Julia Schilly, DER STANDARD, 21.3.2015)

  • Dürre in Brandenburg: Auch in Deutschland ist Bodenerosion ein wachsendes Problem. Humus und Begrünung macht Böden widerstandsfähiger gegen Wetterextreme.
    foto: apa/patrick pleul

    Dürre in Brandenburg: Auch in Deutschland ist Bodenerosion ein wachsendes Problem. Humus und Begrünung macht Böden widerstandsfähiger gegen Wetterextreme.

  • Schwere Maschinen in der Landwirtschaft können die Böden schädigen.
    foto: dpa/markus scholz

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