Wortkunde: Stinkefinger

21. März 2015, 12:00
37 Postings

Omnipräsent in den Vereinigten Staaten, im deutschen Sprachraum erst spät populär: der Stinkefinger

Die ganze Woche hindurch war der Stinkefinger in aller Munde. Die wenig liebenswürdige Geste gibt es seit der Antike, erstmals schriftlich erwähnt wurde sie in einer griechischen (!) Komödie (Aristophanes, Die Wolken, 423 v. Chr.). Bei den Römern war der Stinkefinger so verbreitet, dass sie einen eigenen Ausdruck, den digitus impudicus, für ihn schufen. Kaiser Caligula, ein notorisch schlimmer Finger, soll seinen Untertanen anstelle des Handkusses den Stinkefingerkuss angeschafft haben.

Der US-Rechtsprofessor Ira Robbins, der dem digitus impudicus eine 83-seitige Monografie gewidmet hat, meint, dass der Mittelfinger "die wohl meistgebrauchte Beleidigungsgeste in den USA" sei. Entsprechend reichhaltig ist das Vokabular, ihn zu bezeichnen: The finger, the bird, the stork (="der Storch"), the bone oder the one-fingered victory salute (der letzte Ausdruck ist eine Kreation von George W. Bush). Die Franzosen nennen ihn ironisch le doigt d'honneur, den "Ehrenfinger", in Analogie zum bras d'honneur, dem "Ehrenarm", einer obszönen Geste, bei der der Unterarm ruckartig hochgezogen wird.

Im deutschen Sprachraum war der Stinkefinger lange Zeit so wenig heimisch, dass ihn der Duden erst 1996 als eigenes Stichwort aufnahm. Verdienste um seine Einbürgerung haben sich vom Ende der 70er an die Punks erworben, vor allem aber der Fußballer Stefan Effenberg, der 1994 bei einem Match in Dallas den Finger für die deutschen Fans ausfuhr. Effenbergs 2003 erschienene Autobiografie trägt den Titel Ich hab's allen gezeigt. (win, DER STANDARD, 21./22.3.2015)

  • Artikelbild
    foto: dpa/david ebener
Share if you care.