Sitzen ist das neue Rauchen

20. März 2015, 11:54
166 Postings

Manche Interventionen sind extrem effizient – wenn man motiviert genug dafür ist. Sport ist ein Wundermittel in der Schulmedizin

Die Schulmedizin wird häufig kritisiert. Nein, sie kann nicht immer helfen, nicht jedes Menschenleben retten. Dennoch kann sie so manches Wundermittel aus dem Ärztekittel-Ärmel schütteln, das Verfechter von Homöopathie und Akupunktur alt aussehen lässt.

Sport ist eines dieser Wundermittel. Es ist so wirkungsvoll, dass es nicht nur für eine bessere geistige Gesundheit sorgt, sondern auch zahlreiche chronische Krankheiten bis hin zu langjährigen Schmerzzuständen verhindern kann. Und oben drein verlängert es sogar das Leben.

Herz, Schmerz und Diabetes

Tatsächlich hat regelmäßige sportliche Betätigung das Zeug dazu, die eigene Lebenszeit zu verlängern. Im Vergleich zu wenig Aktiven haben sportliche Menschen bessere Cholesterinwerte, weniger hohen Blutdruck und weniger Entzündungsprozesse in den Blutgefäßen, die zu Gefäßverkalkungen führen.

All das sind bekannte Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen. Tatsächlich finden sich unter sportlich Aktiven weniger Herztote, möglicherweise verringert regelmäßige Bewegung auch das Risiko für Schlaganfälle. Selbst Patienten, die schon einen Herzinfarkt hinter sich haben, profitieren von Sport-Rehabillitationsprogrammen.

Wer häufig an Kreuzschmerzen leidet, kann sich mit gezieltem Training der Rückenmuskulatur viel Gutes tun. Schnelle Linderung kann das Training zwar nicht versprechen, dafür aber langfristige Besserung. Der Grund: eine gut trainierte Muskulatur wirkt als Stütze und stabilisiert den Bewegungsapparat.

Übergewicht reduzieren

Auch zur Diabetes-Vorbeugung taugt Sport. Regelmäßige Bewegung hilft, Übergewicht zu reduzieren – den wichtigsten Risikofaktor für die Zuckerkrankheit . Zusätzlich wird direkt die Blutzucker-Regulation verbessert. Menschen, die regelmäßig körperlich aktiv sind, erkranken zudem seltener an Brustkrebs, Darmkrebs sowie an Krebs der Prostata, der Gebärmutter und der Bauchspeicheldrüse.

Außerdem ist Sport ist eine gute Vorbeugung vor Gesundheitsproblemen im Alter. Wer in jungen Jahren seine Knochen durch ausreichend Bewegung stärkt, hat im fortgeschrittenen Alter weniger mit brüchigen, schwachen Knochen zu kämpfen.

Ab einem Alter von rund 30 Jahren baut der Körper natürlicherweise langsam Knochensubstanz ab. Je robuster die Knochen davor waren, umso geringer ist im Alter das Osteoporose-Risiko. Möglicherweise kann Sport auch die Wahrscheinlichkeit senken, später an einer Demenzerkrankung wie Alzheimer zu leiden. Selbst für Geist und Seele kann regelmäßige Bewegung Balsam sein: Körperliche Fitness beugt in moderatem Ausmaß Depressionen vor.

Sitzen ist das neue Rauchen

Wenig bekannt ist, dass unser sitzender Lebensstil zu weit ungemütlicheren Folgen führt, als es die bequeme Fernseh-Couch vermuten lassen würde. Die gemütliche Lebensweise kostet uns wertvolle Lebenszeit.

Einer Schätzung zufolge könnten wir durchschnittlich zwei Jahre länger leben, wenn wir unsere Sitz-Zeit auf unter drei Stunden täglich verringern würden. Statistisch verbringen wir zwischen 50 und 70 Prozent des Tages auf dem Hinterteil. Sitzen wäre demnach in ähnlichem Ausmaß gesundheitsschädlich wie Rauchen.

75 Minuten pro Woche reichen

Wieviel Sport ist nun notwendig? Es muss nicht unbedingt das Fitness-Studio sein. Zweieinhalb Stunden mittelmäßig anstrengende Bewegung pro Woche können Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge schon viel bewirken.

Dazu zählen etwa rasches Gehen, Radfahren, aber auch Hausarbeiten wie angestrengtes Putzen oder intensive Gartenarbeit. Wer beim Joggen, Fitnessübungen oder Krafttraining so richtig ins Schwitzen kommt, benötigt lediglich eineinviertel Stunden davon pro Woche, um auf denselben Gesundheitseffekt zu kommen.

Aller Anfang ist schwer

Natürlich kann es schwer sein, mit regelmäßiger Bewegung anzufangen, wenn man bisher eher Anhänger des Mottos "Sport ist Mord" war. Die Überwindung ist besonders anfangs groß, regelmäßig einer Sportart nachzugehen. Doch selbst ein bisschen mehr Bewegung im Alltag ist besser als gar nichts zu tun, etwa statt mit Auto oder Straßenbahn öfters zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren, statt Aufzug und Rolltreppe die Stiegen zu nehmen.

Wer ausreichend Motivation besitzt und seinen inneren Schweinehund überwindet, kann sich am eigenen Leib von der selbstverordneten "Heilbehandlung" überzeugen. Im Gegensatz zu den meisten alternativmedizinischen Allheilmitteln und etlichen Maßnahmen bei der Vorsorgeuntersuchung ist die schulmedizinische Wunderbehandlung nämlich tiefgehend wissenschaftlich untersucht und belegt. (Gerald Gartlehner, derStandard.at, 20.3.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Man hat es selbst in der Hand: Mit ausreichend Bewegung kann man unzähligen Krankheiten vorbeugen.
    foto: apa/dpa/paul zinken

    Man hat es selbst in der Hand: Mit ausreichend Bewegung kann man unzähligen Krankheiten vorbeugen.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

Share if you care.