Das handysüchtige Kind

22. März 2015, 17:00
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Die Eltern als Vorbild: Was zu tun ist, wenn sich der Internetkonsum unkontrolliert steigert

Ich befinde mich gerade inmitten eines Problems und glaube, dass ich damit nicht alleine bin: Es beschäftigt mich die Frage, wie wir eine vernünftige Nutzung der Mobilgeräte in unserer Familie erreichen können. Ich frage mich auch, was ich tun kann, wenn mindestens eine Person im Haushalt so sehr vom Handy abhängig ist, dass es nicht mehr gesund ist.

Jugendliche mögen ja ohne Handy nicht mehr überlebensfähig sein, aber müssen sie auch noch spielsüchtig sein? Was können wir als Eltern machen, um hier zu helfen?

Eine unser Töchter, sie ist 15 Jahre alt, ist praktisch den ganzen Tag online. Sobald das nicht möglich ist, wie zum Beispiel bei einem gemeinsamen Essen oder Unternehmungen, scheint sie unruhig und verstört zu sein. Bei der nächsten "freien" Gelegenheit ist sie sofort wieder am Handy. Nach dem letzten Urlaub, bei dem wir nicht mit dabei waren, überraschte uns eine riesenhohe Handyrechnung. Das, wofür sie sich am meisten interessiert, ist, ob sie mobilen Empfang hat, und sie will sogar nicht mit uns kommen, wenn sie glaubt, dass dieser nicht gewährleistet ist. Es gibt kaum etwas, das sie von ihrem Handy ablenkt, was natürlich vermehrt zu Konflikten führt. Manchmal bin ich derart frustriert und irritiert, dass ich das Teil am liebsten im Wasser versenken möchte.

Gleichzeitig bin ich auch in Sorge, weil sie ja so unabhängig ist, und ich frage mich, ob sie wirklich Hilfe braucht.

Ich kann durchaus nachvollziehen, dass ein Handy ein nettes Gerät für Unterhaltung, Kommunikation und Information ist, aber es muss doch möglich sein, für ein paar Stunden pro Tag darauf zu verzichten ...

Gerne würde ich Ihre Meinung dazu wissen.

Antwort:

Sie sind mit Sicherheit nicht alleine mit Ihrem Problem. Bis jetzt haben die meisten Eltern der westlichen Welt es so versucht, dass sie entweder Regeln und Verbote aufstellten oder das Handy wegsperrten. Das funktioniert nur in den wenigsten Fällen.

Dann fragen sie Experten – meist Neurobiologen oder Psychologen –, die wiederum nicht viel Konkretes zu sagen haben und sich mit ziemlicher Sicherheit gegenseitig widersprechen.

Die Erklärung ist beinahe selbsterklärend, denn die Situation mit Handy und Tablets ist so neu, dass es Familien noch nicht gelungen ist, diesbezüglich eine "Kultur" zu entwickeln. Mit dem Fernsehen hat es um die 40 Jahre gedauert. Wie mit allem anderen braucht es die Erwachsenen, die durch ihr eigenes Verhalten den Ton vorgeben. In meiner Familie waren wir damit konfrontiert, dass mein Vater von 5.30 morgens bis 18.00 abends seine Zeitungen las. Danach kam das Fernsehen, und da saß er nun, in täglich zunehmendem Maße auch unsere Mutter, bis (damals 19.00 Uhr) zum Sendeschluss.

Mobiltelefone waren ursprünglich Männerspielzeug. Die Frauen waren skeptisch und kritisch bis Mitte der 90er-Jahre. Seitdem haben sie die Männer überholt, sowohl in Bezug auf Telefone an sich als auch in deren Gebrauch und möglichem Missbrauch.

Die folgende Anregung zur Medienkultur innerhalb der Familie gab ich aufgrund einer Initiative des dänischen Fersehens 2003 und machte mich damit nicht gerade beliebt. Es ist viel wertvoller, sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern, anstatt sie zu "erziehen".

Schalten Sie Ihr Mobiltelefon auf dem Weg zum Kindergarten bzw. zur Schule aus. Schalten Sie Ihr Telefon, den Fernseher, den Computer und das Radio aus, wenn die Familie gemeinsam isst. Führen Sie eine tägliche "Medienzeit" ein, in der es okay ist, Mails zu lesen, im Internet zu surfen, zu chatten etc. Am Wochenende und während der Ferien verbringen Erwachsene und Kinder Zeit miteinander. Platzieren Sie Ihr Mobiltelefon nicht neben dem Bett, außer Sie müssen für ein Mitglied Ihrer Familie erreichbar sein

Ich weiß aus Erfahrung, dass das einfach ist, wenn das Kinder von Beginn an erleben und Eltern diese Medienkultur ernst nehmen. Es entwickelt sich dadurch für beide Seiten eine gewinnbringende Atmosphäre.

Natürlich ist es schwieriger, sobald ein Kind so alt wie Ihre Tochter ist.

Ohne Sie und Ihre Familie zu kennen, würde ich eine ehrliche Aufzählung vorschlagen, so in der Art, wie Sie mir schreiben, und Ihre Tochter dazu einladen, darüber nachzudenken und mögliche Alternativen vorzuschlagen.

Wenn sie das nicht macht, müssen Sie die Schlacht als verloren ansehen und herausfinden, wie Sie es mit den jüngeren Geschwistern handhaben können.

Für mich ist die große, unbeantwortete Frage der alles verzehrende Hunger nach sozialem Kontakt auf der einen Seite und anderseits, wieso so viele die Möglichkeit nutzen, nahen Kontakt mit Partnern oder Kindern zu vermeiden – so wie es zum Beispiel bei meinem Vater war.

Wir wissen, dass die meisten Teenager in diesem sozialen Universum wie Fische im Wasser treiben. Wenn wir einen Spaziergang durch die Stadt machen, sehen wir natürlich auch viele 25- bis 65-Jährige, die entweder "on" sind oder mit klaren Signalen der Abwesenheit ihre Telefone in Erwartung einer Textnachricht anstarren oder jemanden anzurufen versuchen.

Hat das Mobiltelefon unser soziales Leben bereichert, oder war es bisher nur ein Versuch, der Einsamkeit zu entgehen?

Ich selbst glaube, dass ich zu alt bin, um diese Frage zu beantworten, vielleicht können uns die jetzt 15-Jährigen helfen, wenn sie 20 oder 25 Jahre alt sind. Wir werden schon noch zehn Jahre in der jetzigen Jugendkultur überleben. (Jesper Juul, derStandard.at, 20.3.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 5. April.

  • Führen Sie eine tägliche "Medienzeit" ein, rät Jesper Juul.
    foto: jodi jacobson / istock

    Führen Sie eine tägliche "Medienzeit" ein, rät Jesper Juul.

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