Wenn der Mensch ein Datenpunkt ist

24. März 2015, 05:30
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Dass Bewerberprofile von Algorithmen gescannt werden, ist nicht neu, Mitarbeiter von Kopf bis Fuß zu durchleuchten schon

Stellen Sie sich einen Manager vor, der sich über die Dinge in seinem Unternehmen informieren will. Anstatt eine Führungskraft ins Büro zu bestellen, schaut er auf sein Display, das ihm alles über seine Mitarbeiter anzeigt: Wer sitzt gerade am Arbeitsplatz, wer ist glücklich, wer ist in sozialen Netzwerken gut vernetzt? Abweichungen von der Norm werden in Rot anzeigt. Was wie eine Utopie klingt, könnte bald Realität werden. People Analytics nennt sich die Disziplin, mit der die Arbeitswelt von morgen revolutioniert werden soll.

"Bei People Analytics geht es darum, Daten zu nutzen, wie wir mit unserer Arbeit das Unternehmen verändern", sagt Computerwissenschafter Ben Waber.

Scannen von Kopf bis Fuß

Waber ist Gastdozent am MIT Media Lab in Boston und Autor des Buchs People Analytics: How Social Sensing Technology Will Transform Business and What It Tells Us about the Future of Work. Der größte Teil dieser Technologie sei die Nutzung von Datenquellen wie Sensoren und E-Mails. "Diese Daten zu nutzen, um Bewerber zu scannen, ist nur ein kleiner Teil des größeren Ganzen", so Waber. Dass Algorithmen Bewerberprofile scannen, ist nicht neu. Neu ist jedoch der ganzheitliche Ansatz: Der Mitarbeiter soll von Kopf bis Fuß durchleuchtet werden. Seine Leistung soll quantifiziert werden.

Das Wall Street Journal schrieb dazu, dass Menschen in einer Organisation wie jeder andere Posten in der Verwertungskette behandelt werden: als etwas, das beobachtet, registriert und rekonfiguriert wird. Der Mensch wird zur Maschine - und der Mitarbeiter in seinen Handlungen ziemlich vorhersagbar.

Aktuelle Netzwerkanalyse

Wie aber dem Auftrag des ganzheitlichen Scannens nachkommen? Die US-Firma Volometrix bietet etwa ein Software-Paket an, das jede E-Mail und jeden Kalendereintrag der Mitarbeiter scannt und auf dieser Grundlage eine aktuelle Netzwerkanalyse erstellt. "People Analytics untersucht Zeitverhaltensmuster und Netzwerktrends innerhalb und außerhalb einer Organisation", heißt es bei Volometrix. "Die Reports bieten eine Echtzeit-Einsicht für Entscheidungsträger, damit diese das Geschäft effektiv managen und sich ihrer wertvollsten Ressource bemächtigen können: der Mitarbeiter." Mit People Analytics soll die Performance jedes Unternehmens gesteigert werden.

Volometrix operiert mit sogenannten Key-Performance-Indicators (KPIs). Diese Leistungsindikatoren messen, wie groß das in- terne Netzwerk ist, wie viel Zeit man mit Kunden verbringt oder wie oft man in sein E-Mail-Postfach schaut. "Mit diesen Informationen erhalten Führungskräfte einen maßgeschneiderten Rekrutierungsprozess", teilt Volometrix mit. Ein Verkäufer mit einem größeren Kundenstamm ist wertvoller als der Kollege mit kleinerem Netzwerk. Die Tatsache scheint banal, doch mit der Software wird sie sichtbar. Das Programm schickt automatisch E-Mails an den Vertrieb, um zum Ausbau eines größeren Netzwerks zu animieren. Zu den Kunden von Volometrix gehören u. a. Qualcomm, Boeing und Symantec.

Mitarbeiter unter Verdacht

Die Frage ist: Welche Daten werden herangezogen? Volometrix sagt, dass es "speziell aggregierte und anonymisierte Kalender- und E-Mail-Daten analysiert". "Die zeitbasierten Daten quantifizieren die Zeit, die ein Mitarbeiter mit E-Mails und Meetings verbringt." Doch selbst wenn die Daten anonymisiert sind, kann man der Abteilung einen Strick daraus drehen. Warum wurde weniger Zeit auf das Schreiben von E-Mails verwandt? Warum werden weniger Meetings abgehalten? Dahinter steckt auch eine verquere Logik: Wer viel Zeit mit Mails und Meetings verbringt, gilt heute als produktiver Mitarbeiter. Die Empirie im Alltag dürfte das widerlegen.

Problematischer wird es bei den sogenannten "Relationship Data", die Volometrix erhebt. Diese Daten erlauben den Managern nicht nur zu sehen, wie viel Zeit man auf bestimmte Aktivitäten verwendet, sondern auch, mit wem man interagiert. Hat man in letzter Zeit viel mit einem abtrünnigen Mitarbeiter kommuniziert? Mit einem Konkurrenten? Dann könnte das einem schnell zum Nachteil werden.

Die Software operiert viel mit Wahrscheinlichkeiten - und stellt Mitarbeiter unter Verdacht. Die Folge von People Analytics ist, dass der Mitarbeiter im Büro gläsern wird. Experte Waber warnt: "Wir brauchen notwendige Schritte, dass die Unternehmen nicht zu viele Daten sammeln und die Privatsphäre verletzen." Sonst könnte der Chef bald wirklich vor seinem Bildschirm sitzen und sagen: "Kollege X war in letzter Zeit kaum in seinem Postfach und oft auf Jobportalen. Zitieren Sie ihn bitte zu mir ins Büro!" (Adrian Lobe, DER STANDARD, 21./22.3.2015)

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