Warum Varoufakis gehen muss

Blog20. März 2015, 09:43
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Griechenlands charismatischer Finanzminister steht durch Charakter und Rhetorik einer Einigung mit den Europartnern im Wege

Dass Griechenland zwei Monate nach den Parlamentswahlen immer noch einem Staatsbankrott und Grexit näher ist als einer Einigung mit den Europartnern, hat zwei Gründe: Erstens hat Syriza im Wahlkampf Versprechen gemacht, die mit den Regeln der Eurozone nicht in Einklang zu bringen sind; und zweitens tut Finanzminister Yannis Varoufakis alles, um das ohnehin dünne Vertrauen der Partner in die griechische Paktfähigkeit weiter zu untergraben.

Varoufakis war ein erfolgreicher Universitätsprofessor in den USA. Nicht etwa, weil er ein so angesehener Ökonom ist, sondern weil er verständlich und provokant formuliert und damit kritisch denkende Studenten fesselt. Das hat ihn auch zum beliebten Interviewpartner und damit zum Medienstar gemacht. Aber die gleichen Eigenschaften stehen jetzt seiner Arbeit als Finanzminister eines fast bankrotten Staates entgegen.

Varoufakis sprach auch vor seiner Ernennung zum Minister offen echte Probleme an, aber er übertrieb, polemisierte und provozierte auch gerne. Varoufakis' bekanntestes Buch "Der globale Minotaurus" war eine spannende Abrechnung mit der US-Wirtschaftspolitik, die allerdings die Fehler anderer Staaten, darunter seiner Heimat Griechenland, zum Großteil außer Acht ließ.

In seinem Interview in der von deutschsprachigen Syriza-Fans gefeierten Arte-Doku "Macht ohne Kontrolle" von Harald Schumann sagte Varoufakis den denkwürdigen Satz über das erste Rettungspaket für Griechenland 2010: "In dieser Lage dem insolventesten aller Staaten den größten Kredit der Geschichte zu geben – wie drittklassige korrupte Banker –, das war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Nun war diese Ad-hoc-Aktion der Eurostaaten rückblickend vielleicht ein Fehler, aber die Alternative wären der sofortige Staatsbankrott und ein Euro-Austritt gewesen, was in Griechenland zu einer noch tieferen Depression geführt hätte. Vergessen wir nicht, das Land hatte damals ein Leistungsbilanzdefizit von über zehn Prozent, das es sofort hätte abbauen müssen. Und das als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu bezeichnen, ist auch für einen Uni-Professor einfach unpassend.

Varoufakis hat sich im Amt nicht geändert. Seine arroganten Vorträge beim Treffen der Euro-Finanzminister treiben selbst sympathisierende Kollegen in die Verzweiflung. Seine hedonistische Fotostrecke in "Paris Match" macht ihn im eigenen Land unbeliebt.

Und seine Reaktion auf das Stinkefinger-Video im Auftritt bei Günther Jauch war eine selbstzerstörerische Katastrophe. Er hätte die dramatische Geste leicht erklären und entschuldigen können. Aber das Video als gefälscht zu bezeichnen, was es ganz offensichtlich nicht war, gab einem deutschen Satiriker eine tolle Chance zur Selbstprofilierung, hat aber Varoufakis' Glaubwürdigkeit in Deutschland weiter reduziert.

Diese ist inzwischen auch in anderen Eurostaaten nicht mehr vorhanden. Mit ihm im Amt wird keine Regierung bereit sein, den Griechen neues Geld zu borgen – schon allein aus psychologischen Gründen. Dem wendigen Volkstribun Alexis Tsipras traut man schon eher zu, die Gratwanderung zwischen Versprechen und Verpflichtungen zu schaffen.

In Athen ist schon längst von Varoufakis' Rücktritt die Rede. Je früher dieser kommt, desto größer die Chance, dass Griechenland doch frisches Geld erhält und sich den schmerzhaften Grexit erspart. (Eric Frey, derStandard.at, 20.3.2015)

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