Inspektion des Kofferraums

Kolumne20. März 2015, 15:42
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Begegnung mit einem Drängler auf der Landstraße. Gelassenheit will eben erarbeitet sein

Es war ein typisch autofahrerfeindlicher Wintertag, beherrscht von Nässe, Glatteis, dichtem Nebel. Aber nach so einem Arbeitstag - sei's drum: rein in den Wagen und ab! Nächtliche Autofahrten sind oft von hohem Entspannungswert und obendrein frei von Mensch, von Zwangskommunikation. Dieser kontemplative Effekt impliziert ein gewisses erwünschtes Maß an Einsamkeit, wobei andere Verkehrsteilnehmer wiederum menschlichen Kontakt bedeuten.

Mit witterungsadäquaten 100 km/h und der Gelassenheit einer Hindu-Kuh cruise ich also die Landstraße entlang, bis aus der diesigen Nebelsuppe ein Fahrer mit offensichtlich gegenteiliger Gesinnung auftaucht. Meine Reaktion: Blinker setzen, Tempo reduzieren, Signal zur Vorbeifahrt geben. Doch des Dränglers Wille steht auf Kampf. Er bohrt sich förmlich in meine Stoßstange, Kofferrauminspektion?, lässt sich zurückfallen, prescht wieder ran. Zum Antauchen fehlt da nicht viel.

Bereit für den verbalen Angriff

Auf dem Höhepunkt des Wahnsinns bremse ich mich radikal ein und fahre an den Straßenrand - er tut's mir gleich. Wutentbrannt reiße ich die Fahrertüre auf und rüste zum verbalen Angriff. Doch im selben Moment fährt das zu hinterfragende Individuum in Schrittgeschwindigkeit an mir vorbei, lässt das Fenster runter, grinst hämisch und macht sich aus dem Staub. Er hat offenbar seinen Spaß gehabt.

Jetzt soll man nie vom Einzelfall auf die Allgemeinheit schließen. Doch leider ist mein Repertoire voll von Erlebnissen ähnlicher Idiotie, und jetzt stopp, Autofahrt, Meditation. Gelassenheit will erarbeitet sein, aber von ihr kriegt man kein Magengeschwür. (Stephan-Alexander Krenn, DER STANDARD, 20.3.2015)

  • Nächtliche Autofahrten haben einen hohen Entspannungswert - manchmal.
    foto: carsten rehder dpa/lno

    Nächtliche Autofahrten haben einen hohen Entspannungswert - manchmal.

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