Feminismus: Der Traum vom warmen Eislutscher

Kommentar der anderen19. März 2015, 17:04
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Der österreichische Feminismus belügt die Männer – und die Frauen. Er sollte der Wahrheit ins Auge blicken und diese offen aussprechen, auch wenn es ihn seine Existenzberechtigung kosten könnte. Ein Nachtrag zum Frauentag

Was waren das doch für Zeiten, als es noch etwas gab, wofür es sich zu kämpfen lohnte für Feministinnen hierzulande: das "Recht auf Frauenstudium" (ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis knapp nach dem Zweiten Weltkrieg – mit einem kurzen Backlash während der Nazizeit – wurden Frauen peu à peu an den österreichischen Universitäten zugelassen), das "Wahlrecht für Frauen" (das aktive und passive Wahlrecht wurde 1918 eingeführt, das für Männer nur kurz davor: 1907), das "Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper" (die sogenannte Fristenlösung wurde in Österreich 1973 Gesetz).

Im 21. Jahrhundert und bei nahezu völliger gesetzlicher Gleichstellung von Mann und Frau fällt es dem heimischen Feminismus zunehmend schwer, reale Feinde zu identifizieren. Deshalb zücken seine Bannerträgerinnen gerne jenes Ass aus dem Ärmel, das auch dann noch sticht, wenn eigentlich nichts mehr geht: die "Kommunismus"-Karte. Die ungleiche Verteilung von Geld und (Macht-)Positionen sei "Ausdruck der Ungerechtigkeit", die entweder dem Patriarchat und seinen Nachwehen oder einer "strukturellen Diskriminierung" oder einzelnen machohaften Männern zuzuschreiben sei. Doch stimmt das wirklich? Gibt es die oft genannte "gläserne Decke" tatsächlich, oder ist diese nicht viel eher in den Köpfen vieler Frauen eingezogen? Damit meine ich nicht, dass es sich bei den beanstandeten Fällen von Ungleichheit um bloße Einbildung handelt. Doch "Ungleichheit" bedeutet nicht automatisch "Ungerechtigkeit".

Wer beklagt, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, sollte sich – neben diversen anderen die Statistik verzerrenden nichtdiskriminierenden Unterschieden (wie z. B. Teilzeit- versus Vollzeitjobs) – folgende Tatsache vergegenwärtigen: Frauen wählen völlig andere Ausbildungs- und somit Karrierewege als Männer. 2013/14 belegten laut Statistik Austria 51.289 inländische Studentinnen Fächer aus dem Bereich der "Geisteswissenschaften". Das sind 2,4-mal so viele wie Männer (21.296). Umgekehrt waren zu dieser Zeit nur 8421 Frauen in "Technik"-Fächern inskribiert. Männer: 30.392 – also 3,6-mal so viele. (Bei der Wahl der Lehrberufe verhält es sich ähnlich.)

Die Studentinnen von heute sind die Enkelkinder der "68er". Zu unterstellen, dass sie vom Patriarchat zu einer Studienwahl gedrängt würden, die meist in schlechter bezahlte Jobs und eher selten in die Führungsebene von Industrieunternehmen führt, ist absurd.

Doch warum entscheiden Frauen sich für diese Ausbildungen und verhandeln (laut Studien) schlechter als Männer, wenn es um Gehaltserhöhungen und karrierefördernde Maßnahmen geht?

Folgende Thesen bieten sich zur Erklärung an: Frauen ticken anders als Männer und fühlen sich in Berufen wohler, in denen es weniger um Technik, Macht und Geld als um zwischenmenschliche Kontakte, Sinn und Freude geht. Vielleicht sind die meisten Frauen auch einfach ehrlicher (und klüger) und fordern deshalb weniger, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später für Kinder und gegen die Karriere entscheiden, für ein erfülltes Leben anstatt für sinnlose Konkurrenzkämpfe und Machtspiele?

Bewusst und freiwillig

Dass sie dies mit ökonomischer Abhängigkeit von Männern erkaufen, nehmen sie bewusst und freiwillig hin. Sie könnten sich ja auch anders entscheiden: bei der Wahl ihrer Ausbildung, ihres Lebensstandards und bei der ihrer Partner.

Die obengenannte "nahezu völlige gesetzliche Gleichstellung" bedarf noch einer Erklärung: Männer in Österreich haben statistisch gesehen eine um rund fünf Jahre niedrigere Lebenserwartung als Frauen, Letztere dürfen per Gesetz fünf Jahre früher in Pension gehen (das faktische Antrittsalter von Männern und Frauen unterscheidet sich zwar nur wenig, das liegt aber an den härteren Jobs, die Männer ausüben) und müssen weder zum Bundesheer noch zum Zivildienst. Frauen werden also per Gesetz den Männern gegenüber um etwa elf Jahre bevorzugt. Wo sind die Feministinnen, die sich über diese Ungerechtigkeit aufregen und eine Anpassung (oder besser Umkehrung: Männer 60, Frauen 65 Jahre) des gesetzlichen Pensionsantrittsalters und die Einführung der Wehrpflicht bzw. des Zivildienstes auch für Frauen fordern? Der österreichische Feminismus bekämpft mit der linken Hand das "Patriarchat", während er mit der rechten Vater Staat ungerechte Vorteile für seine Klientel aus der Tasche zieht. Mehr Gerechtigkeit bedeutet mehr Eigenverantwortung. Und nur die führt zu echter Emanzipation. (Georg Schildhammer, DER STANDARD, 20.3.2015)

Georg Schildhammer (Jahrgang 1970) lebt als Philosoph und Autor in Wien.

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