Die Dämoninnen der Explosionszeit

19. März 2015, 16:37
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Auftakt des Tanztage-Festivals im Linzer Posthof mit einem Stück der finnischen Choreografin Susanna Leinonen

Linz – Sechs starke Frauen, zwei einander widersprechende Wirklichkeiten, ein spannendes Erlebnis. Mit ihrem im Vorjahr uraufgeführten Stück "Touch of Gravity" hat die finnische Choreografin Susanna Leinonen am Mittwoch das Festival Tanztage im Linzer Posthof eröffnet.

Die 43-jährige Künstlerin lässt ihrem Publikum viel Spielraum für die Lektüre ihrer Arbeit. Der Titel bleibt allgemein, und der vage Hinweis, in diesem Tanz werde der Schwerkraft getrotzt, unterstreicht einen nur marginalen Aspekt dieser Arbeit. "Touch of Gravity" ist ein balletthaftes Stück auf Modern-Dance-Basis. Leinonens Bewegungssprache und choreografischer Stil lassen einen eigenständigen Charakter erkennen, ebenso wie die Körper ihrer gut ausgebildeten und trainierten Tänzerinnen.

Die Tricks, die diese anwenden, um den Eindruck zu erwecken, sie würden die Schwerkraft aushebeln, sind durchschaubar: gegen schwarze Böcke kippen, an dünne Seile gehängt oder mit je einem geschwärzten Bein tanzen. Stets ist das Licht um eine entscheidende Nuance zu hell gehalten. Das verhindert die "perfekte" Illusion. Gerade die Durchschaubarkeit der Live-Tricks wäre, wenn sie denn beabsichtigt ist, der Clou dieser Arbeit. Denn darin implementiert Leinonen noch eine zweite Illusions-Ebene: in Form eines Videos von Jouka Valkamas mit 3D-Effekt.

Da kommt die dreidimensionale Wirkung zustande, weil die Bilder nicht auf eine Leinwand, sondern auf einen großen, schwebenden Quader mit transparenten Flächen projiziert werden. Im virtuellen Raum verwandeln sich die Tänzerinnen zu Dämoninnen. Ihre Gesichter sind teils zu Fratzen verschminkt. Sie schwimmen durch die Luft. An ihren Körper finden Staub-Explosionen statt, tönerne Masken stürzen und zerbersten auf einem schwarzen Boden.

Wie in Actionfilmen oder Werbevideos gang und gäbe, wird mit einem Wechsel von extremer Beschleunigung und Super-Zeitlupe gearbeitet. Ein ironisch wirkender Effekt der Relativierung von Zeit, der die an Realzeit gebundenen Abläufe der Live-Aufführung konterkariert. So wird aus dem "Touch of Gravity" ein Experiment über Realität und Illusion oder Bild und Trugbild, das in letzter Konsequenz auf die Figuren der sechs Frauen zielt.

Die Gruppe scheint sich durch eine Art mythischer Erzählung zu arbeiten. Durch eine Legende, die einen Genderdiskurs enthält, in dem weibliche Stereotypen stürzen, zu Staub werden und sich neu verkörpern, allerdings ohne in die Repräsentationen des anderen Geschlechts zu driften. Das ironische Entblößen der Bühnen- sowie Video-Illusion zusammen mit dieser Form der Darstellung einer kraftvollen, beinahe martialisch anmutenden Weiblichkeit machen Susanna Leinonens Stück zu einem echten Erlebnis. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 20.3.2015)

Nächstes Stück bei den Tanztagen: Tero Saarinen, "Morphed", 21.3.

  • "Touch of Gravity" der finnischen Choreografin Susanna Leinonen.
    foto: jonas lundqvist

    "Touch of Gravity" der finnischen Choreografin Susanna Leinonen.

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