ORF-Newsroom: Bornemann – "Nicht in jede Geschichte hineinregieren"

19. März 2015, 14:12
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Studientag des Publikumsrates zum multimedialen Newsroom des Senders – Redakteurssprecher Bornemann: "Infodirektor darf nicht in jede Sendung hineinregieren"

Wien – Der geplante multimediale Newsroom des ORF stand am Donnerstag im Fokus eines Studientags des ORF-Publikumsrates. Besonders die Weiterentwicklung bestehender und die Konzeption neuer Formate soll damit erreicht werden, wie ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz angesichts eines der "Schlüsselprojekte der Strategie 2020" erläuterte. Die konkrete Struktur "ist noch in Diskussionen".

Ein Beispiel dafür sei die Frage, wie das Verhältnis zwischen Channel Managern und Channel Chefredakteuren aussehen soll. Hier sieht der Generaldirektor eine "dotted line" als Verbindung. "Natürlich müssen die Channel Manager ein starkes Wort mitreden, wie Information auf ihrem Kanal ausgestaltet ist", so Wrabetz. "Aber sie sind nicht per se Informationsleute. Vom Profil her müssen sie alle Genres für den jeweiligen Kanal gleichermaßen im Fokus haben." Somit wäre die "durchgezogene Line" zwischen Channel Chefredakteur in Richtung Informations-Cluster.

"Wechselbeziehung"

Wrabetz betonte erneut, dass das bereits im Stiftungsrat vorgestellte Konzept aus "Head of Information", Ressortleitern im multimedialen Newsroom und Channel Chefredakteuren schon alleine durch die Personenzahl Pluralismus erzeuge. "Hier entsteht eine Wechselbeziehung, die auch eine Vielfalt sicherstellt." Letztlich gehe es darum, den Herausforderungen der kommenden Jahre begegnen zu können. "Fernseh- und Radioinformation wird anders aussehen", bezog sich Wrabetz auf die Bespielung neuer Plattformen. "Dafür müssen wir Kreativitätsressourcen bereitstellen."

Newsroom-Projektleiter Stefan Ströbitzer gab einen kurzen Überblick über die Genese des Vorhabens. "Wir können das multimediale Arbeiten nicht aufschieben, bis wir 2019/20 den Newsroom haben." Bereits jetzt gibt es für Themen wie Song Contest oder Hypo-U-Ausschuss "Leitprojekte", die medienübergreifend angelegt sind. Für den Newsroom selbst wurde wiederum ein "Leitbild" entwickelt, das fünf Kernsätze umfasst. Dabei finden sich etwa Bekenntnisse zu einem ORF bei klar ausdifferenzierten Sendermarken oder zur Innovation.

Beispiel München

Dass Ähnliches auch in München umgesetzt wird, erläuterte Roland Scheble vom Bayerischen Rundfunk. "Medienübergreifend dort, wo es sinnvoll ist", lautete die Conclusio des für Strategie und Innovationsmanagement zuständigen BR-Hauptabteilungsleiters. Der Sender wird Fernsehen, Hörfunk und Online bis 2021 an einem Standort zusammenführen. "Nicht jeder muss trimedial arbeiten, aber alle müssen trimedial denken und sich als ein Haus verstehen." Die dahinter liegenden Überlegungen präsentierten sich analog zu jenen des ORF: Nach Inhalten aufstellen, neue Angebote für junge Zielgruppen, effizientere Strukturen und Prozesse sowie Bündelung der journalistischen Kräfte. Beim BR hat man zudem bereits seit 2014 einen "trimedialen Informationsdirektor" eingeführt.

Durchaus kritisch zeigte sich ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann angesichts des Newsroom-Vorhabens. Nachdem er mögliche Vor- und Nachteile skizzierte - primäre Besorgnisse waren dabei weitere Personaleinsparungen, Zeitdruck sowie mangelnde Vielfalt -, forderte er mehr Transparenz und Information darüber ein, "wie es zu Entscheidungen kommt". Es dürfe keine parteipolitische Bestellungen von Personen, allen voran einem multimedialen Informationsdirektor, geben. "Ein multimedialer Innenpolitikchef hätte die wichtigste Telefonnummer für österreichische Politik überhaupt."

"Echte Mitsprache und Mitbestimmungsrechte für ORF-Journalisten"

Folglich müsse man von der Struktur aber auch den Personen her Vorkehrungen treffen, um die Unabhängigkeit zu garantieren. Er forderte "echte Mitsprache und Mitbestimmungsrechte für ORF-Journalisten" ein, was zwar im ORF-Gesetz vorgesehen, aber nicht umgesetzt werde. "Das Um und Auf bleibt aber: Es darf nicht eine Personen geben, die über alles bestimmt. Ein Infodirektor darf nicht in jede Sendung hineinregieren."

Zum Abschluss stellte Medienwissenschafter Andy Kaltenbrunner internationale Beispiele von integrierten Newsrooms vor. "Ist man kein Early Adopter, dann lautet die Mindestanforderung, aus den Fehlern der anderen zu lernen und sie nicht zu wiederholen." Eine Absage erteilte er der "eierlegenden Wollmilchsau des Journalismus", also gleichzeitig für alle Mediengattungen zuständigen Reportern. "Es muss nicht jeder alles können." Aber: "Das Digitale gehört ins Zentrum", wobei dort die Themen diskutiert würden, und nicht die Kanäle, so Kaltenbrunner. Die Newsroom-Debatte werde die Branche jedenfalls auch künftig beschäftigen, nicht zuletzt, da sich die Mediennutzung weiter verschieben werde. Von Managementseite sei es unerlässlich, klare Konzeptvorgaben und Informationen über das Projekt zu liefern. (APA, 19.3.2015)

  • Wer wann das Sagen im neuen ORF-Newsroom hat, wird derzeit heiß diskutiert.
    foto: orf/riepl kaufmann bammer architektur gbr

    Wer wann das Sagen im neuen ORF-Newsroom hat, wird derzeit heiß diskutiert.

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