Forscher sind Wachstumsbremse für Prostatakrebs auf der Spur

19. März 2015, 11:41
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Europaweit sterben jährlich 92.200 Männer an den Folgen eines "terminalen Prostatakarzinoms". Innsbrucker Wissenschaftler wollen nun die Grundlage für eine verbesserte Therapie schaffen

Innsbruck - "Fortgeschrittener Prostatakrebs kann die eingesetzte Therapie ausmanövrieren und trotz Behandlung weiter voranschreiten. Diese Fähigkeit nennt die Krebsforschung 'Therapieresistenz'. Warum daher nicht von den entarteten Zellen der Prostata selbst lernen und die bei dieser sehr heterogenen Krebsart auf mehreren Ebenen laufende Therapieresistenz als Anreiz nehmen, um die Behandlung auf lange Sicht verbessern zu können?", erklären Julia Höfer und Martin Puhr von der Medizinischen Universität Innsbruck ihren Forschungsansatz.

Von den Kniffen der Krebszellen lernen

Die 32jährige Molekularbiologin Höfer nimmt das Protein "PIAS1" (Protein Inhibitor of Activated Signal Transducer and Acitivator of Transcription) als neues Angriffsziel zur Verbesserung der kombinierten Therapie hormonabhängiger Tumore unter die Lupe. In der Studie, die bis 2018 abgeschlossen sein soll, will Höfer die Rolle von PIAS1 in DNA-Reparaturmechanismen bei Prostata- und Brustkrebszellen erforschen.

PIAS1 reguliert in unseren gesunden Zellen das Wachstum. Im Prostatakarzinom wird es vermehrt erzeugt und fördert unkontrolliertes Wachstum. "Häufig ist eine verstärkte DNA-Reparatur dafür verantwortlich, dass Krebszellen gegen Bestrahlung unempfindlich sind. Interessanterweise wird PIAS1 im Prostatakarzinom mit ansteigender Malignitätvermehrt erzeugt. PIAS-Proteine sind unter anderem in jene Mechanismen involviert, diefür die Reparatur von DNA-Schäden verantwortlich sind. PIAS1 herunterzuregulieren könnte daher dafür sorgen, dass Krebszellen auf die Strahlentherapie empfindlicher reagieren", so die Forscherin.

PIAS1 als Schlüsselfaktor für verbesserte Behandlung

Ziel ist es, Schritt für Schritt die Interaktion, Kommunikation und Regulation jener molekularen Bausteine zu entschlüsseln, die in die Signalketten beim Entstehen und Wachsen entarteter Zellen involviert sind. Unter anderem entdeckten Höfer und Puhr, dass PIAS1 im Tumorgewebe vermehrt vorhanden ist und Prostatakrebszellen schneller wachsen lässt.

PIAS1 hemmt einen wichtigen Wächter des Zellzyklus, den Tumorsuppressor "p21". Wird PIAS1 durch interferierende RNA-Moleküle (siRNA) herunterreguliert, kann dieser Wächter seine Arbeit tun, nämlich das Wachstum der Krebszelle bremsen. Puhr und Höfer konnten auch zeigen, dass PIAS1 in Prostatakrebszellen, die gegen das Standardchemotherapeutikum "Docetaxel" resistent sind, vermehrt vorhanden ist.

Eine Reduktion von PIAS1 in diesen Zellen führt zum Tod der Krebszellen in eigens entwickelten Zellkulturmodellen. "Auf Basis dieser Ergebnisse sehen wir PIAS1 als möglichen Schlüsselfaktor für eine verbesserte Behandlung" erklärt Puhr. Die Forschungen könnten auch zu anderen hormonabhängigen Tumoren - wie etwa Brustkrebs - neue Ansatzpunkte liefern, hoffen die Wissenschaftler. (red, derStandard.at, 19.3.2015)

Stichwort "Therapieresistenz":

Zelluläre Proteine der PIAS-Familie stehen erst seit wenigen Jahren im Fokus der weltweiten Krebsforschung. Das erste dieser Proteine wurde 1997 entdeckt. Bisher sind vier Hauptproteine dieser Familie bekannt. Sie haben eine wichtige Rolle in der Regulation von Zellteilung und Zelltod. Das sind jene Prozesse, die im gesunden Körper im Gleichgewicht, bei Krebs aber fehlgesteuert sind.

Fortgeschrittener Prostatakrebs kann bisher durch Hormon- Radio- oder Chemotherapie vorübergehend abgebremst werden. Eine Heilung ist in diesem Stadium nicht mehr möglich. Mit geschätzten elf Prozent ist Prostatakrebs daher nach Lungenkrebs die häufigste, tumorbedingte Todesursache bei Männern. Diese Tumorart gilt als sehr "vielschichtig".

Unter einer Hormon- oder Chemotherapie lernen entartete Zellen sich über komplexe Wege gegen die eingesetzte Behandlung zu wehren und unter den veränderten Bedingungen weiter zu wachsen. Der Therapieerfolg ist daher auch bei kombinierten Therapien zeitlich limitiert. Es kommt zur Entstehung therapieresistenter Zellklone. Diese bilden die Grundlage für neue Metastasen, die auf die Standardtherapeutika nicht mehr ansprechen.

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