ORF-Frühstücksfernsehen kommt schwer aus dem Bett

19. März 2015, 06:29
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Landesdirektoren wirken nicht durchwegs euphorisch über Salzburger Konzept mit Lastwagenstudio

Wien - Was tut sich wochentags um 6.30 oder 7.15 Uhr in Mieders, das man um diese Zeit im Frühstücksfernsehen gewärtigen möchte, in Engerwitzdorf oder Stadl-Paura, in Windisch-Minihof oder Würmla oder Payerbach-Reichenau, von Oed nicht zu reden? Diese Frage stellt sich seit einem Monat, seit Salzburgs ORF-Landesdirektor bei einer ORF-Klausur sein Konzept für Frühstücksfernsehen aus einem vazierenden TV-Truck präsentierte. So auch Montag in der Runde der ORF-Landesdirektoren mit den ORF-Chefs.

Frühstück für die Direktoren

Das Frühstücksfernsehen, täglich aus einer anderen Gemeinde, stößt nach STANDARD-Informationen durchaus auf Skepsis unter den ORF-Landesdirektoren. Dabei schien das Konzept zunächst als Königsidee auf der Suche nach mehr Programm aus den Landesstudios. Schließlich spielen die neun Stiftungsräte der Bundesländer bei der Bestellung von ORF-Direktoren gern eine Schlüsselrolle, wie sie 2016 wieder ansteht.

Die Sitzung der Landesdirektoren, im ORF-Jargon Lisi genannt, offenbarte an diesem Montag laut mehreren Quellen nicht gerade flächendeckende Begeisterung über das Projekt, das mit fünf bis sechs Millionen Euro im Jahr zusätzlich und je zwei Mitarbeitern mehr pro Landesstudio veranschlagt wird.

Schnee und Finsternis

Es sind Fragen wie jene nach dem Geschehen in den Gemeinden, die diese Skepsis befeuern. Geschehen in Gemeinden, in denen es einen gute Teil des Jahres auch noch ziemlich finster ist um 6.30 oder 7.15 Uhr. Und ebenso pragmatische Fragen wie jene, ob man mit einem Vieltonner wie diesem tatsächlich in alle 5000 Gemeinden kommt (und ohne Kollateralschaden wieder heraus). Und das womöglich noch bei tiefwinterlicher Schneelage.

"Musikantenstadl"-Truck

Brunhofer hat sein Konzept bei der Klausur in Payerbach-Reichenau schon zusammen mit einem bunten, großformatigen Folder präsentiert, wer den Truck organisiert: Den Folder lieferte die Kärntner IP Media, die auf ihrer Referenzliste diverse ORF-Starnächte und "Krone"-Feste, "Musikantenstadl" und Shows von Andreas Gabalier führt, aber auch Brunhofers erste Salzburger Advent-Show für den ORF.

Auch praktisch-finanzielle Fragen des Konzepts rufen unter den Landesdirektoren keine einhellige Begeisterung hervor: Die Gemeinden sollten wie berichtet laut Konzept für den Besuch des ORF-Trucks ein paar Tausender überweisen. Die Idee ist nach Ansicht von Teilnehmern der Lisi am Montag schon wieder vom Tisch. Nun soll es eher um Großsponsoren für das Projekt Frühstücksfernsehen gehen.

Schwarz sieht Rot

Die Skepsis mag auch politische Motive haben: Salzburgs Landesdirektor Roland Brunhofer präsentierte das Truck-Konzept samt Folder der passenden Betreiberfirma. Er wird der SPÖ zugerechnet und gilt als roter Kandidat für die multimediale ORF-Infodirektion in Wien. Oberösterreichs Landesdirektor Kurt Rammerstorfer gilt als VP-Kandidat für den Job. Vielleicht schürt das die Skepsis bürgerlicher ORF-Landeschefs gegen das Konzept.

Nun hat ORF-Chef Alexander Wrabetz im Publikumsrat neben einem Arbeitstitel für das Frühstücksfernsehen ("Guten Morgen Österreich") auch schon einen Wunsch-Starttermin genannt: den Nationalfeiertag am 26. Oktober.

Premiere am Nationalfeiertag, mehr im Frühjahr

Das erscheint nach der Sitzung am Montag nicht mehr sehr realistisch. Wrabetz soll nun intern schon von einer ersten Sendung um den 26. Oktober gesprochen haben - und einem regulären, täglichen Start dann im Frühjahr 2016. Gerade rechtzeitig zu einer regulären ORF-Direktoren-Bestellung im Sommer.

Alternative am Vorabend

Finanzdirektor Richard Grasl soll intern schon laut über eine Alternative zum Frühstücksfernsehen nachgedacht haben - doch eine zusätzliche Bundesländer-Schiene im Vorabendprogramm. Auch dort könnte der ORF ein bisschen mehr Publikum gut brauchen, wie interne Analysen auch deutscher Berater gerade wieder aufzeigten.

Servus, ORF

Gegen mehr Bundesland am Vorabend oder alternativ vor der "ZiB 2" gab es freilich auch schon einige Bedenken der Programmprofis in der ORF-Zentrale. Und auch ORF-General Wrabetz sah 2014 noch keine zündende Idee darin, "Bundesland heute" früher starten und länger laufen zu lassen. Mitte April 2015 soll nun allerdings um 18.50 Uhr, zehn Minuten vor "Bundesland heute", ein Bundesländermagazin von Dietrch Mateschitz' Servus TV und "Krone" on air gehen.

Mehr Marktanteilspotenzial am Morgen

Für Frühstücksfernsehen (und gegen ein weiteres Verwerfen von Konzepten dafür wie mehrfach im vergangenen Jahrzehnt) spricht: In dieser Zeitzone sind vergleichsweise leicht Quoten für den Tagesmarktanteil zu sammeln. Interne Analysen zur Morgenschiene sollen von drei bis sechs Prozentpunkten Quotenpotenzial sprechen. Auch die machen sich nach jahrzehntelangem Abwärtstrend in einem ORF-Wahljahr gut.

Nächste Morgen-Andacht Anfang April

Und sollten die Landesstudios bei ihrer Skepsis bleiben, könnte das Projekt zur Not auch aus der zentralen TV-Information in Wien auf die Beine gestellt werden, soll in der Sitzung mit den Landesdirektoren gefallen sein. Schon jetzt sollen überregionale Infos für das Frühstücksfernsehen aus der "ZiB"-Redaktion Fritz Dittlbachers kommen.

Anfang April tagt die Arbeitsgruppe Frühstücksfernsehen unter Projektleiter Brunhofer wieder. An gleich zwei Tagen können die Mitglieder an einem guten Morgen arbeiten. (fid)

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    foto: screenshot ip media
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