Ein Grätzel verändert sich

Kolumne18. März 2015, 17:15
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Um attraktiv zu bleiben, brauchen eine Stadt und ein Stadtviertel eben beides: Neues und Altes

Die Stadt Wien verändert sich. Oft zum Besseren, manchmal zum Schlechteren. Und manchmal einfach zu etwas anderem. Hier sind die Veränderungen, die ein einziges Grätzel in der Wiener Innenstadt in letzter Zeit erlebt hat. Ein winziger Ausschnitt aus einem großen Prozess.

Die Trafik hat zugesperrt. Der Inhaber ist gestorben, und Nachfolger gibt es keinen. Die Leute rauchen weniger und lesen weniger Zeitungen, mit dem Resultat, dass in der Umgebung in den letzten Jahren drei Trafiken verschwunden sind. Jetzt werden im frei gewordenen Lokal Souvenirs oder Outlet-Schuhe verkauft, aber die Nachbarn flüstern: Das ist in Wirklichkeit Geldwäsche. Mafia. Auch den Fleischhauer an der Ecke, einst ein bekanntes Traditionsgeschäft, gibt es nicht mehr. Veränderte Essgewohnheiten. Die Jungen essen weniger Fleisch.

Weitere Abgänge in der Straße betreffen keine alteingesessenen Läden, sondern relativ neue Unternehmungen, die sich nicht lange halten konnten. Da war das Geschäft für Esoterikbedarf, in dem man Kristallkugeln, Räucherstäbchen, allerlei mythologische Symbole und jede Menge einschlägige Bücher kaufen konnte. Da hat wohl jemand die Esoterikwelle überschätzt. Das gleiche Schicksal ereilte die Boutique für Hundezubehör, von eleganten Hundemäntelchen bis zu Futternäpfen und Hundeleinen.

Ein paar Straßen weiter ist schon vor ein paar Jahren ein Katzenmodegeschäft eingegangen. Gibt es jetzt weniger Haustiere? Oder wollen heute die Besitzer für derlei Schnick-schnack nicht so viel Geld ausgeben?

Ausländische Ladeninhaber sind im Vormarsch. Vor einem neuen Kosmetikgeschäft stehen nun zwei schöne junge Menschen und bieten den Passantinnen mit den Worten "Madame? Madame?" exotische Warenproben an. Es gibt einen russischen Secondhand-Modeladen. Und ein orientalisches Imbisslokal nebenan hat in den letzten Jahren dreimal den Besitzer gewechselt.

Die Gastronomie folgt überhaupt ihren eigenen Gesetzen. Das bei Intellektuellen beliebte Kaffeehaus in der Nähe ist so voll, dass man in den Stoßzeiten einen Tisch bestellen muss, wenn man einen Platz bekommen will. Dafür ist ein anderes, ebenfalls alteingesessenes Kaffeerestaurant einige Häuser weiter gähnend leer. Warum? Natürlich hat es in erster Linie mit der Qualität zu tun, aber ein wenig auch mit der Mode.

Um als Wirt erfolgreich zu sein, muss man offenbar nicht nur wirklich gut sein, sondern auch einen guten Schmäh haben. Und sympathisches Personal. Eine Neuerung, die es mehrmals in der Umgebung gibt: exklusive Weinhandlungen, in denen auch Kleinigkeiten zu essen angeboten werden. Ob sie sich durchsetzen? Abwarten.

Bei so viel Veränderungen freuen sich die Grätzelbewohner über Einrichtungen, die immer gleich bleiben. Das Fotogeschäft für Spezialisten, der armenische Teppichhändler, der alte Juwelier und die kleine Konditorei sind Felsen in einem aufgewühlten Meer. Um attraktiv zu bleiben, brauchen eine Stadt und ein Stadtviertel eben beides: Neues und Altes. Die bloße Aneinanderreihung von Filialen internationaler Ketten tut es jedenfalls nicht.(Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 19.3.2015)

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