Klimawandel: "Je länger wir warten, umso teurer wird es"

Interview19. März 2015, 10:55
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Die Finanzkrise hat den Klimaschutz in Europa gebremst, sagt Ökonom Nicholas Stern

Standard: Wichtige Eckpunkte des Klimaschutzes sollen 2015 verabschiedet werden. Wird es ein entscheidendes Jahr für die Umwelt?

Nicholas Stern: Ja, das denke ich schon. Im September wollen die UN neue, auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtete globale Ziele in New York beschließen. Im Vorfeld wird im Juli im Rahmen einer UN-Konferenz in Addis Abeba der finanzielle Rahmen für die neue Agenda abgesteckt. Im Dezember findet die UN-Klimakonferenz in Paris statt. Dort sollen Klimaziele für alle 194 Mitgliedsstaaten vereinbart werden. In Lima wurden dafür bereits die Rahmenbedingungen definiert.

Standard: Sind diese vielversprechend?

Stern: Es gibt einen Konsens, dass konsequente Schritte nötig sind. Es gibt jedoch das Risiko, dass die Maßnahmen zu schwach ausfallen, um die Klimaerwärmung bis 2030 unter zwei Grad Celsius zu halten. Regelmäßige Evaluationen, ob wir ambitioniert genug sind und die CO2-Emissionen zurückgehen, sind also wichtig.

Standard: Sie nennen China als Vorbild bei politischen Maßnahmen gegen CO2-Emissionen. Das überrascht, da China oft als "Klimasünder" bezeichnet wird. Wie kommen Sie zu der Einschätzung?

Stern: Ich denke nicht, dass diese Sprache hilfreich ist. Aber wenn man so weit gehen will, hilft ein Vergleich des CO2-Ausstoßes pro Kopf und Jahr: In den USA sind es etwa 20, in Europa sind es elf oder zwölf, in China sind es neun und in Indien zwei Tonnen. Die Frage ist: Wie schnell reagieren die Menschen und verändern etwas? In China, das die Elektrizität vor allem aus Kohle gewinnt, ist der Verbrauch zum ersten Mal seit Jahren zurückgegangen. Motivation kommt durch die starke Luftverschmutzung.

Standard: Ihr vielzitierter Report über die ökonomischen Kosten des Klimawandels erschien 2006. Hat die darauffolgende Wirtschaftskrise die Diskussion verändert?

Stern: Diese wurde vor allem in Europa gebremst. Ich denke, das war ein kollektives Versäumnis in Europa. Wenn man niedrige Zinssätze und eine hohe Arbeitslosigkeit hat, aber hingegen großes Potenzial bei neuen Technologien besteht: Das ist der richtige Zeitpunkt für Investitionen. Auch eine saubere und effizientere Infrastruktur muss ausgebaut werden. Mehr zu investieren heißt nicht, dass es letztendlich mehr kostet.

Standard: Im Stern-Report haben Sie vor neun Jahren betont, dass der Kampf gegen den Klimawandel die Wirtschaft sogar ankurbeln kann. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen?

Stern: Durch das Zögern in Europa wurde ein potenzielles Wachstum in diesem Bereich aber verlangsamt. Europa könnte die Speerspitze einer industriellen Revolution des 21. Jahrhunderts sein. Damit die Städte weniger verstopft und verschmutzt sind und Energie sauberer, effizienter und sicherer gewonnen wird.

Standard: Was entgegnen Sie Menschen, die den Klimawandel leugnen?

Stern: Das ist Unsinn. Die meisten Skeptiker sind keine Wissenschafter. Es gibt genug Anlaufstellen, die dazu fundierte Auskunft geben können. Die überwiegende Schlussfolgerung ist, dass die Risiken durch Klimawandel sehr hoch sind. Falls es ein Argument gibt, das die Klimadebatte komplett umdrehen würde, empfehle ich, es zu veröffentlichen. Kritiker haben jedes Recht, ihre Meinung zu formulieren, sie haben jedoch kein Recht, dass ihre schwachen Argumente ernst genommen werden. Stammtischgespräche sind Zeitverschwendung. Je länger wir warten, umso schwieriger und teurer wird es.

Standard: Wie weit geht die Eigenverantwortung des Konsumenten? Sie haben sich zum Beispiel für einen Fleischverzicht aus Klimaschutzgründen ausgesprochen.

Stern: Es ist nicht unsere Aufgabe, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Aber man kann ihnen alle Informationen anbieten. Weltweit verschwenden wir zudem ein Drittel aller Lebensmittel, und zwar bereits im Supermarkt oder zu Hause. (Julia Schilly, DER STANDARD, 19.3.2015)

Zur Person

Nicholas Stern, Jahrgang 1946, lehrt an der London School of Economics und ist wirtschaftlicher Berater der britischen Regierung. Von 2000 bis 2003 war er Chefökonom der Weltbank. 2006 sorgte er mit dem Stern-Report über die Kosten des Klimawandels weltweit für Furore. Er besuchte Wien auf Einladung der Schumpeter-Gesellschaft, die ihn heuer für seine innovativen Leistungen mit dem Schumpeter-Preis auszeichnete.

  • Europa könnte die Speerspitze einer industriellen Revolution des 21. Jahrhunderts sein, sagt der britische Ökonom Nicholas Stern.
    foto: apa/epa/sara johannessen

    Europa könnte die Speerspitze einer industriellen Revolution des 21. Jahrhunderts sein, sagt der britische Ökonom Nicholas Stern.

  • Peking an einem klaren Tag und im Smog. China reagiert mit seinem Fünf-Jahresplan auf die Luftverschmutzung.
    foto: reuters/kim kyung-hoon

    Peking an einem klaren Tag und im Smog. China reagiert mit seinem Fünf-Jahresplan auf die Luftverschmutzung.

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