Tunesien: 21 Tote bei Anschlag auf Museum in Tunis

19. März 2015, 06:10
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38 weitere Menschen verletzt – Präsident kündigt Kampf gegen den Terror "bis zum letzten Atemzug" an

Tunis – Bei einem Angriff auf das Bardo-Nationalmuseum in der tunesischen Hauptstadt Tunis sind nach Angaben der Regierung 21 Menschen getötet worden. Unter den Opfern seien, so bestätigten die jeweiligen Regierungen, drei Japaner und drei Italiener, auch zwei kolumbianische Touristen, eine Mutter und ihr Kind, kamen ums Leben. Dem französischen Präsidenten Francois Hollande waren unter den Opfern des "furchtbaren Attentats" auch zwei Franzosen. Die tunesische Regierung nannte auch noch einen Polen, einen Australier sowie zwei Spanier und kündigte einen "gnadenlosen" Kampf gegen den Terror an. Präsident Beji Caid Essebsi sagte, das Land werde "bis zum letzten Atemzug" gegen seine Gegner kämpfen.

Insgesamt seien 17 ausländische Touristen gestorben. Über die Nationalität der beiden anderen ausländischen Opfer machte er zunächst keine Angaben. Zudem seien ein Polizist, ein tunesischer Zivilist und zwei Angreifer umgekommen.

Nach Angaben des Ministerpräsidenten waren die Angreifer in Militäruniformen gekleidet. Sie hätten das Feuer auf die Touristen eröffnet, während diese aus einem Bus stiegen, und sie dann in das Innere des Gebäudes getrieben. Dieses liegt direkt neben dem Parlament. Dabei starben mindestens acht Zivilisten. Ob die übrigen Opfer bei dem Anschlag oder bei der gewaltsamen Beendigung der mutmaßlichen Geiselnahme getötet wurden, war zunächst nicht klar.

Nach dem Anschlag fahnden die Behörden nach zwei bis drei möglichen Komplizen der beiden getöteten Attentäter. Es bestehe die "Möglichkeit", dass den beiden Angreifern geholfen worden sei, sagte Essid am Mittwoch in einer Rede, die vom tunesischen Fernsehen übertragen wurde. Daher gebe es derzeit "ausgedehnte Sucheinsätze, um die zwei oder drei Terroristen zu identifizieren".

38 Menschen verletzt

Essid äußerte sich auch nicht dazu, ob die Angreifer die Touristen als Geisel nehmen wollten. Laut Gesundheitsminister Said Aidi wurden zudem 38 Menschen verletzt, unter ihnen Urlauber aus Frankreich, Südafrika, Polen, Italien und Japan. Das Außenministerium bestätigte, dass es wohl keine Österreicher unter den Todesopfern gebe.

Nach Angaben des Sprechers des Innenministeriums, Mohammed Ali Aroui, hielten sich zum Zeitpunkt des Anschlags etwa hundert Touristen in dem Museum auf. Nach vier Stunden gelang es den Sicherheitskräften, den Angriff zu beenden. Ein Großteil der Touristen wurde in Sicherheit gebracht. Das Nationalmuseum ist in einem ehemaligen Palast aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Es verfügt über die weltweit größte Sammlung römischer Mosaiken.

Nach den Schüssen wurde der Parlamentsbetrieb eingestellt, und die Abgeordneten wurden aufgefordert, sich in der Versammlungshalle einzufinden, wie eine Abgeordnete der Ennahda-Partei sagte. Es habe eine "riesige Panik" geherrscht, berichtete eine weitere Abgeordnete, Sayidab Ounissi, über den Kurzbotschaftendienst Twitter. Nach ihren Angaben fand gerade eine Anhörung über Tunesiens Antiterrorgesetz statt, als die Schüsse fielen.

Die Angreifer hätten den Tourismus und die Wirtschaft des Landes treffen wollen, sagte Essid. Die Terrorattacke sei ein Ergebnis der Erfolge, die die Sicherheitskräfte gegen den Terrorismus im Land erzielt hätten. Zu dem Angriff auf das benachbarte Museum bekannte sich zunächst niemand. Präsident Beji Caid Essebsi sagte später der Nachrichtenagentur AFP, sein Land habe alle nötigen Maßnahmen ergriffen, damit derartige Angriffe nicht wieder passierten.

Bedrohung

EU-Ratspräsident Donald Tusk betonte, dass "die EU und Tunesien sich nicht vom Terrorismus einschüchtern" lassen würden. "Wir sind bereit, die tunesische Regierung in ihren Maßnahmen gegen gewalttätigen Extremismus zu unterstützen."

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat den Terroranschlag scharf verurteilt. Die Attacke sei "beklagenswert", sagte Ban laut Mitteilung am Mittwoch. Den Angehörigen der Opfer sprach der UN-Chef sein Beileid aus. Die Vereinten Nationen seien solidarisch mit den Menschen und den Behörden in Tunesien, sagte Ban weiter.

Auswärtiger Dienst korrigiert Mogherini

Der Auswärtige Dienst der EU zog unterdessen eine Mitteilung zurück, wonach EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini den "Islamischen Staat" (IS) für die Tat verantwortlich mache. In ihrer Aussage habe sie von "Terrororganisationen" gesprochen, ohne speziell den IS zu erwähnen, heißt es laut der Nachrichtenagentur Reuters.

Nach Erkenntnissen der tunesischen Behörden haben sich 3.000 Bürger des nordafrikanischen Staates der Gruppe angeschlossen. Es gab bereits Befürchtungen, dass einige zurückkehren und Anschläge verüben könnten.

Frankreichs Premierminister Manuel Valls verurteilte den "Terrorangriff auf das Schärfste". Der neue Angriff "zeigt leider ganz grausam, unter welch großer Bedrohung wir alle in Europa, im Mittelmeerraum und der ganzen Welt stehen", sagte Valls. Präsident François Hollande drückte in einer Botschaft an Tunesien die Solidarität Frankreichs aus.

Tunesien war das Land, in dem Ende 2010 der Arabische Frühling begonnen hat. Im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Staaten machte Tunesien eine politische Entwicklung durch, die international vielfach gewürdigt wurde. Gewalt, Repressionen und Gesetzlosigkeit blieben im Vergleich zu vielen anderen arabischen Ländern eher Ausnahmeerscheinungen.

Allerdings erlebte die bewaffnete Jihadistenbewegung seit der Revolution einen Aufschwung. Seither wurden rund 60 Polizisten und Militärs bei Zusammenstößen getötet, die meisten an der Grenze zu Algerien, wo eine mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbündete Gruppe aktiv ist. (APA/Reuters, 18.3.2015)

Tunesien kommt nicht zur Ruhe

Auch gut vier Jahre nach dem Beginn des Arabischen Frühlings und dem Sturz des autoritären Machthabers Zine El Abidine Ben Ali kommt Tunesien nicht zur Ruhe. Am Mittwoch verübten bewaffnete Angreifer einen blutigen Anschlag auf das Nationalmuseum in Tunis, der dem Tourismussektor des nordafrikanischen Landes einen schweren Schlag versetzt. Ein Überblick:

17. Dezember 2010: Der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi zündet sich an, weil er sich von den Behörden seiner Lebensgrundlage beraubt sieht. Die Verzweiflungstat gilt als Auslöser der folgenden landesweiten Massenproteste.

14. Jänner 2011: Unter dem Druck der Massenproteste flieht der seit 23 Jahren amtierende Präsident Zine El Abidine Ben Ali nach Saudi-Arabien.

25. Februar 2011: Regierungsfeindliche Proteste zwingen Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi, den letzten aus der Ära Ben Ali, zum Rücktritt.

27./28. Oktober 2011: Nach Bekanntgabe der Ergebnisse der ersten freien Wahlen erschüttern gewaltsame Unruhen die Stadt Sidi Bouzid. Die islamistische Ennahda-Partei geht als Sieger aus dem Urnengang hervor.

14. September 2012: Vier Menschen werden bei gewaltsamen Protesten vor der US-Botschaft gegen einen islamkritischen Film getötet.

6. Februar 2013: Der prominente Oppositionsführer Chokri Belaid wird erschossen. Das Attentat führt erneut zu schweren Unruhen, der islamistische Ministerpräsident Hamadi Jebali tritt als Konsequenz zurück.

25. Juli 2013: Ein weiterer Oppositionsführer, Mohamed Brahmi, wird erschossen. Auch hinter diesem Attentat werden islamistische Extremisten vermutet.

2. August 2013: Die Streitkräfte starten eine Offensive gegen islamistische Aufständische am Berg Chaambi an der Grenze zu Algerien.

4. Februar 2014: Der mutmaßliche Mörder Belaids wird bei einer Polizeirazzia getötet. Er ist einer von sieben schwer bewaffneten Extremisten, die bei dem Einsatz erschossen werden.

16. Juli 2014: Am Berg Chaambi an der Grenze zu Algerien töten Jihadisten 15 Soldaten. Es ist der tödlichste derartige Angriff in der Geschichte der tunesischen Streitkräfte.

21. Dezember 2014: Der anti-islamistische Politikveteran Beji Caid Essebsi gewinnt die erste freie Präsidentschaftswahl in Tunesien.

18. März 2015: Bei einem Anschlag schwer bewaffneter Angreifer auf das Nationalmuseum von Bardo in Tunis sterben mindestens 21 Menschen, unter ihnen 17 Touristen aus Deutschland, Polen, Italien und Spanien. (APA)

  • Mittwochmittag wurden Parlament und Bardo-Palast umstellt ...
    foto: apa/epa/mohamed messara

    Mittwochmittag wurden Parlament und Bardo-Palast umstellt ...

  • ... die Geiselnahme dauerte aber vorerst weiter an.
    foto: apa/epa/mohamed messara

    ... die Geiselnahme dauerte aber vorerst weiter an.

  • Das tunesische Parlament stand wegen der Terrorgefahr unter besonderer Bewachung. Trotzdem gelang es offenbar Angreifern, in das Gebäude einzudringen.
    foto: apa/epa

    Das tunesische Parlament stand wegen der Terrorgefahr unter besonderer Bewachung. Trotzdem gelang es offenbar Angreifern, in das Gebäude einzudringen.

  • Tunesische Bürger gedachten am Abend vor dem Eingang des Bardo-Museums der beim Attentat umgekommenen Opfer.
    foto: ap / michel euler

    Tunesische Bürger gedachten am Abend vor dem Eingang des Bardo-Museums der beim Attentat umgekommenen Opfer.

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